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Städtereisen

Belfast legt ab: Auf zu neuen Ufern

Viktorianischer Zauber trifft futuristisches Flussufer: Belfasts Gegensätze bilden eine spannende Kulisse für Sightseeing und Pub-Hopping. Eine Entdeckungstour durch die nordirische Hauptstadt, die optimistisch aus den Schatten ihrer Vergangenheit tritt.

Text Mila Krull

Dort, wo einst Werftarbeiter tonnenschwere Stahlplatten zu einem Schiffsbug formten, erinnert heute ein glänzendes Wahrzeichen an ihr Werk, die „RMS Titanic“. Auf den Spuren des weltberühmten Passagierschiffes, das 1912 auf tragische Weise gesunken ist, schlendern Besucher heute durch ein hochmodernes City-Quartier. Wer es traditioneller mag, taucht in alten Markthallen und verwinkelten Gassen in eine reizvolle Atmosphäre ein.

Titanic Quarter: Schimmernder Koloss an der Waterfront

© Tourism Northern Ireland

Auf einer Fläche von mehr als 185 Hektar ist in jüngster Zeit das Titanic Quarter gewachsen. Entlang des Flusses Lagan wurden mehr als 600 Millionen Euro in Infrastruktur, Bau- und Tourismusprojekte investiert. Im Zentrum des Viertels glänzt das „Titanic Belfast“ bereits in der Ferne. Auf dem einstigen Werksgelände informiert das Museum über die Historie des weltbekannten Passagierschiffes, das hier zu Beginn des 20. Jahrhunderts erbaut wurde. Beeindruckend ist seine Architektur, die, je nach Betrachtungsweise, an einen Bug oder einen Eisberg erinnert. 3000 angefertigte Aluminiumplatten verleihen der Konstruktion einen andächtigen Schimmer. Das letzte erhaltene Schiff der damaligen „White Star Line“, die „SS Nomadic“, kann direkt nebenan besichtigt werden. Eine beliebte Attraktion sind auch die „Titanic Studios“, in denen Teile der Serie „Game of Thrones“ gedreht wurden. Die Bauarbeiten am Quay sind übrigens noch nicht beendet: In den kommenden Jahren sollen weitere Flächen neu erschlossen werden.

St. George’s Market: Eindrucksvoll einkaufen

© Chris Hill/Tourism Ireland

In der viktorianischen Markthalle von 1896 werden von Freitag bis Sonntag allerhand frische Waren und regionale Spezialitäten angeboten. Noch immer bauen mehr als 200 Händler ihre prall gefüllten Stände auf, verquatschen sich mit ihren Kunden und bieten mit Freude Kostproben an. Besonders bekannt und hoch frequentiert ist die Fischabteilung mit mehr als 20 Verkäufern, die ihre frisch gefischten Produkte präsentieren. Am Sonntag gibt es zwischen den dunkelgrünen Eisensäulen zudem Handwerkskunst und Antiquitäten zu bestaunen. Natürlich wandert auch das ein oder andere Souvenir über den Tisch. Bei einem frischen Saft oder Kaffee lauschen Besucher gerne lokalen Musikern, deren Klänge die schöne Halle erfüllen.

Ulster Museum und botanische Gärten: Ausflug in andere Welten

© Brian Morrison/Courtesy of Tourism Northern Ireland

Einladend wirkt dieser massive Klotz auf den ersten Blick nicht. Der Architekt Francis Pym entwarf den Anbau des ursprünglichen Gebäudes in den 70er-Jahren und schuf ein Paradewerk des Brutalismus. Hinter dem fensterlosen, großflächigen Beton im Süden des Stadtzentrums wartet jedoch eine spannende Sammlung vielfältiger Schätze. Imposante Dinosaurierskelette, ägyptische Mumien und Relikte nordirischer Siedlungsgeschichte lassen die Stunden im Ulster Museum verfliegen. Bunte Pfade auf dem Boden führen in die verschiedenen thematischen Abschnitte der Zoologie, Botanik, Kunst und Archäologie. Eine ausführliche und anschauliche Ausstellung thematisiert zudem den Nordirlandkonflikt. „The Troubles“ werden in Form von Alltagsgeschichten, politischen Ereignissen und Gegenständen aus Zeiten des Krieges dargestellt. Der Eintritt zum Museum ist frei, jedoch wird eine Anmeldung vorab empfohlen. 

Rund um das Museum ziehen die künstlerisch angelegten botanischen Gärten von Belfast Angestellte, Studierende und Touristen gleichermaßen in ihren Bann. Eine besondere Sehenswürdigkeit ist das historische Palmenhaus aus weiß lackiertem Gusseisen. Seltene Blüten und 400 Jahre alte Gewächse ranken sich unter den geschwungenen Fenstern.

Mitten im Stadtzentrum findet sich ein Gewirr aus schmalen Gassen, den sogenannten Belfast Entries. Einst waren sie Geschäftsleuten der höheren Gesellschaft vorbehalten, heute laden sie jeden zu Erkundungen ein. Kleine Restaurants, verwinkelte Geschäfte und viktorianische Wirtshäuser verstecken sich hinter den Eingangsportalen der Entries. Oft musizieren hier Straßenmusiker, denn die dichten Backsteinwände sorgen für tolle Akustik. Besonders sehenswert ist der „Wincellar Entry“ mit einem der ältesten Pubs der Stadt, die „Whites Tavern“ von 1630 und der „Pottinger’s Entry“.

St. Anne’s Cathedral: Stecknadel im Kirchenschiff

© Tony Pleavin/NITB-Photographic Library/Tourism Northern Ireland

Seit 1899 wächst eine der beliebten Sehenswürdigkeiten von Belfast, die St. Anne’s Cathedral, stetig weiter. Mehrere Erweiterungen in den 20er-, 70er- und 80er-Jahren verliehen dem Gebäude sein heutiges Aussehen. Seit 2007 ragt auf dem Dach der Kathedrale eine moderne Turmspitze gen Himmel, der „Spire of Hope“. Die futuristische Nadel ist in Belfast seither ein heiß diskutiertes Thema. Der bedeutende nordirische Politiker Lord Edward Carson liegt im Südschiff begraben. Darüber hinaus hängt in der Kathedrale ein handgesticktes Bahrtuch mit hunderten Kreuzen auf meerblauem Grund. Es gedenkt den Verstorbenen des „Titanic“-Unglücks.

Friedenslinie: Mauern, die verbinden

© Philip Koschel

Noch immer sind die Spuren der „Troubles“ in ganz Belfast zu sehen. Nur wenige Schritte vom Zentrum entfernt grenzen katholische und protestantische Viertel aneinander, getrennt durch eine bis zu sieben Meter hohe Mauer aus Beton, Steinen und Stacheldraht. Vorschläge, sie abzureißen, sorgten für Aufschrei und Widerstand. Und so gehört die mehrere Kilometer lange „Friedenslinie“ inzwischen zu den Sehenswürdigkeiten von Belfast. Hier und da bröckelt das Gestein, frische Blumenkränze halten die Erinnerung aufrecht. Wie auf den mahnenden Resten des Berliner Pendants haben Künstler aus aller Welt Gemälde auf der Mauer und auf zahlreichen Giebelwänden in der Nachbarschaft hinterlassen.

Belfast City Hall: Imposantes Schiff aus Stein

© Brian Morrison/Courtesy of Tourism Northern Ireland

Im Jahr 1888 verlieh Königin Victoria der einstigen Siedlung Belfast offiziell den Status einer Stadt. Zügig musste also ein repräsentatives Rathaus her. 18 Jahre später eröffnete die prächtige City Hall am Donegall Square. Das Gebäude im Neorenaissancestil mit der kupfernen Kuppel nennen die Bewohner von Belfast gern auch „Stone Titanic“. An das Schiffsunglück erinnert auch eine Statue im „Titanic Memorial Garden“. Führungen durch die mit Porträts und Buntglasfenstern verzierten Marmorhallen sind kostenlos. Im Zuge der Olympischen Spiele 2012 in London wurde auf dem Gelände der City Hall der „Belfast Big Screen“ errichtet. Auf der überdimensionalen Digitalanzeige werden seither Sportereignisse, Nachrichten, Konzerte und Ratssitzungen übertragen. Ein weiteres Highlight ist die „Illuminate“-Installation. Zu vielen Anlässen bringen rund 400 LED-Lichter das Gebäude in verschiedenen Farben zum Leuchten. Eine Terminübersicht findet sich auf der Seite der City Hall. 

The Crown Bar: Zuflucht für heimliche Trinker

© Brian Morrison/Tourism Ireland

Die „Crown Bar“ in der Great Victoria Street, in der zu viktorianischen Zeiten vor allem edler Gin verköstigt wurde, ist filmreif. Bereits ihre Fassade von 1826 ist denkmalgeschützt. Hinter den Türen beginnt das Staunen: Auf der langen Bar aus Granit glänzen goldene Zapfanlagen, dahinter lagern ausladende Whiskyfässer mit polierten Messinghähnen. Die Buntglasfenster erzählen Geschichten von Zirkus, Wald und Meer. Bis unter die Decke ist das Innere zudem mit geschnitztem Holz verkleidet. In den hinteren Teilen der Bar verstecken sich die sogenannten „Snugs“, gemütliche Boxen, in denen sich Gäste früher ungesehen betrinken konnten. Über ein ausgeklügeltes Klingelsystem bestellten Priester, Frauen, Amtsträger und sonstige heimliche Trinker beim Personal den nächsten Drink.

The Duke of York: Ein Ort, um zusammenzurücken

© Philip Koschel

Vintage-Kram, Antiquitäten und Trödel schmücken die dunklen Backsteinwände im „The Duke of York“. Besonders passend zum urigen Ambiente des Pubs sind die vergilbten Werbespiegel der Brauereien sowie eine große Kollektion an Blechschildern, für die ein Blick zur Decke lohnt. Lange Sitzbänke und das Arrangement der kleinen Tische lassen die Besucher in den vollen Abendstunden dichter zusammenrücken. Oft können sie nebenbei Konzerte und Auftritte anderer Künstler genießen. Auch die nordirische Band „Snow Patrol“ absolvierte 1998 ihren ersten öffentlichen Auftritt im „Duke“.

Sehenswürdigkeiten in Belfast: Tipps für den Aufenthalt

Durch die Innenstadt von Belfast bewegt man sich am besten zu Fuß. Alternativ bietet der „Belfast Visitor Pass“ Rabatte auf einige Sehenswürdigkeiten und unbegrenzte Fahrten mit Bussen und Zügen bis in die Randgebiete. Hier, aber auch im Stadtzentrum, finden sich bezahlbare Unterkünfte und schicke Boutique-Häuser. Weitere Empfehlungen und Hotels in Irland finden Sie hier. Besuche von Attraktionen wie dem „Ulster Museum“ und der City Hall sind kostenlos, sollten vorher aber angemeldet werden. In Belfast startet auch die spektakuläre Causeway Route entlang der Sehenswürdigkeiten von Nordirland.

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