Schottland Royal Schottland © Volker Renner
Zugreisen

Royal Scotsman: Unterwegs durch die Highlands

Hoch im Norden dreht der Royal Scotsman seine Runden, Großbritanniens Antwort auf den Orient-Express: ein glücklich in der Zeit steckengebliebener Luxuszug mit einer Crew wie aus einem Theaterstück und denkwürdigen Ausflügen aufs Land und zur See. Wir nehmen Sie mit auf die Reise.

Text Kalle Harberg
Fotos Volker Renner

Am Ende der Reise werden wir über die Gleise tanzen, aber der Anfang gleicht eher einer Prozession als einer Party. Wer an Bord des Royal Scotsman geht, trifft sich zunächst im „Balmoral“, entspannt mit einem Glas Champagner auf der Empore von Edinburghs Fünf-Sterne-Hotel, bis ein Mann namens Ian Gardiner, ehemaliger Brigadier der Royalen Marine, Teilzeit-Sekretär von Prinz Philip und nun der Host dieser Reise, ein Mann, der in drei Kriegen kämpfte und „der Geschichte gelegentlich sogar einen kleinen Schubs gab“, wie er selbst sagt, voller Stolz verkündet: „Ladies und Gentlemen des Royal Scotsman, wenn Sie mir folgen würden, der Zug steht nun bereit.“

Also folgen wir Ian aus dem „Balmoral“ heraus und die Rolltreppen hinunter in den Bahnhof von Edinburgh gleich nebenan, vorbei an den betriebsblinden Pendlern an diesem Montagmittag, um am Gleis von einem Dudelsackspieler in Kilt und Fellmütze empfangen zu werden. Der führt uns dann gemeinsam mit Ian unter ohrenbetäubenden Pfeifen zum Eingang des Zuges, bis wir alle schließlich zu dem roten Teppich gelangen, der an den Stufen eines Waggons endet. Es gibt viele Wege, eine Reise zu beginnen, aber eine derart gediegene, pompöse, schräge Art habe ich noch nicht erlebt.

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Royal Scotsman © Volker Renner
Der „Royal Scotsman“ fährt mehr als 1000 Kilometer durch Schottland und hält unterwegs an den schönsten Orten.

So geht es los, so geht es weiter. Noch ein Glas Champagner im Observation Car, während der Zug Richtung Norden rollt. Der Panoramawagen ist das Wohnzimmer des Royal Scotsman, vollgestopft mit Sofas und Sesseln, in die sich unsere Zuggesellschaft nach dem formellen Einlauf fallen lässt. „Ich bin überhaupt noch nie Zug gefahren“, gesteht Joy, eine frisch pensionierte Lehrerin und Bibliothekarin aus den USA, die sich diese Reise mit ihrem Ehemann Bob zum Ruhestand gegönnt hat. „Nach dem hier wird alles andere eine Enttäuschung sein.“ Und schon nach einer halben Stunde Fahrt stimmen ihr alle zu. Gäbe es eine Ruhmeshalle für die edelsten Zugreisen der Welt, der Royal Scotsman hätte einen Ehrenplatz sicher. 

 

„Aus dem Auto bekommt man nur einen flüchtigen Eindruck. Aber im Zug sitzend kriegt man ein Gefühl für die Größe und ergreifende Schönheit dieser Landschaft. Eine der letzten Wildnisse in Westeuropa.“

Erst Mitte der Achtziger nahm der Zug, der heute aus einer Kombination Sechziger-Jahre-Waggons des British Pullman – noch ein Mitglied der Ruhmeshalle – und auf alt gemachten Wagen neuerer Bauart besteht, seine Fahrt auf. Seit 2005 gehört der Nostalgiezug der Luxusmarke Belmond, die auch die Neuauflage des Orient-Express betreibt, und heißt offiziell „Belmond Royal Scotsman“, was mich trotz des Brandings sofort an legendäre Schiffe wie den „Fliegenden Holländer“ erinnert. Obwohl dieser Fliegende Highlander mehr einer eleganten Kreuzfahrt als einem verfluchten Geisterschiff gleicht: Von April bis Oktober cruist der Scotsman auf einem halben Dutzend Routen durch sein Heimatland, darunter die fünftägige Reise „Scotland’s Classic Splendours“, auf der Fotograf Volker und ich sowie 32 Passagiere aus Großbritannien, dem Libanon und den USA unterwegs sind. 

Mehr als tausend Kilometer liegen vor uns, vor allem durch die Highlands, die erst die Schienen richtig erschlossen hätten, erzählt Ian, und bis heute erschließen. „Aus dem Auto bekommt man nur einen flüchtigen Eindruck. Aber im Zug sitzend kriegt man ein Gefühl für die Größe und ergreifende Schönheit dieser Landschaft. Eine der letzten Wildnisse in Westeuropa.“

Im Inneren des Royal Scotsman

Royal Scotsman © Volker Renner
Edle Verkleidung: Die Kabinen im Royal Scotsman

Eine kleine Tour durch den Zug, der mit mehr als einem Kilometer Länge nicht wirklich klein ist: Hinter dem Panoramawagen liegt der rote Speisesalon samt Bibliothek, dann kommen die Lobby, die Küche, die nicht viel größer ist als ein Schrank, und der grüne Speisesalon. Auf den Spa-Waggon mit seinen zwei Massagebänken folgen fünf Wagen mit den Kabinen der Passagiere, ganz am Ende des Zuges liegen die Räumlichkeiten des Zugpersonals. Alles ist holzvertäfelt, mit Tweed ausgelegt und von geschwungenen Lämpchen erhellt. 

Ja, es sieht wirklich so aus, als könnte jeden Moment ein Mord stattfinden, den wir zusammen lösen müssen. Meine Einzelkabine liegt im vorletzten Wagen, ist mit zwei Schritten durchquert, aber hat neben einer gemütlichen Koje und einem Bad trotzdem Platz für einen Schreibtisch, auf den der Reiseplan des jeweiligen Tages gelegt wird. Für heute stehen dort noch Canapés, ein informelles Dinner mit drei Gängen und ein Konzert im Panoramawagen, das mit Robert Burns’ „Scots Wha Hae“ endet. Als ich nach der inoffiziellen Nationalhymne müde zurück zu meiner Kabine laufe, scheint mir der Weg viel länger als ein Kilometer. Ich fühle mich, als wäre ich schon ewig mit diesem Zug unterwegs.

Royal Scotsman © Volker Renner
Royal Scotsman © Volker Renner
Royal Scotsman © Volker Renner

Ausflüge in Schottland: Whisky, Inseln, Highlands

Royal Scotsman © Volker Renner
An Bord des Royal Scotsman: Das Grün der Highlands stets im Blick

Der zweite Tag beginnt göttlich: Wie ein Akkordeon strecken sich die Highlands aus und ziehen sich wieder zusammen, als wollten sich die Hügel über die Gleise falten. Dazwischen Schafe, Kühe, ein im Sonnenlicht glitzerndes Loch, wieder Schafe. Der Panoramawagen ist gut gefüllt, aber kaum jemand redet. Nur die Äste, die alle paar Minuten gegen die Fenster schlagen, durchbrechen die Stille sowie die gelegentliche, mehr zu sich selbst als zu anderen gemurmelte Beobachtung. „Was für eine Aussicht“ oder auch nur ein „ziemlich grün“. 

Solche Momente, in denen die Blicke und Gedanken aus den Fenstern des fahrenden Zuges schweifen, sind selten auf dem Royal Scotsman. Zum einen, weil der über Nacht in Bahnhöfen rastet, zum anderen, weil das Tagesprogramm prall gefüllt ist mit Ausflügen, bei denen man in die Highlands eintaucht. Wir besuchen eine beinahe 200 Jahre alte Whiskybrennerei, die ihren süßen Scotch heute nach Asien exportiert, wo er extrem gefragt ist. Wir machen einen Bootsausflug nahe der Isle of Skye, schauen auf die Seehundbänke und spazieren danach durch ein Fischerdorf. „Erinnert mich an Nova Scotia“, sagt Leslie, eine Biologieprofessorin aus Rhode Island, die mit ihrem Mann Brian, einem in Ruhestand gehenden U-Boot-Kapitän, im Scotsman unterwegs ist. Nur sei es eben das Original, wirft Brian ein. Old Scotia.

Reise durch Schottland: Ein Schauspiel in rollender Kulisse

Royal Scotsman © Volker Renner
Atmosphärisch: Ein Dudelsackspieler begleitet die Abreise in Edinburgh
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Freunde auf Reisen: Das Bord-Team im Royal Scotsman
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Steuert das rollende Hotel: Der Lokführer des Scotsman

Die Amerikaner und ich bilden eine natürliche Allianz. Besonders mit Leslie und Brian sowie dem Lehrerpaar Joy und Bob verstehe ich mich prächtig, auch weil sie zum bodenständigeren Lager der Zuggesellschaft gehören. Bei einem Fahrpreis ab etwa 6000 Euro aufwärts zieht der Royal Scotsman eine um das Rentenalter rotierende Klientel an, deren Konten gut gefüllt und deren Koffer weit gereist sind. Antarktis? Check. Galapagosinseln? Logisch. Safari? Also bitte. 

Ein Ehepaar aus Wisconsin scherzt sogar, sie würden Fotograf Volker und mich adoptieren und auf ihre nächsten Reisen mitnehmen, was sich zum Running Gag der Zugfahrt entwickelt. Drei Whisky Sour später am Abend bin ich allerdings nicht mehr sicher, ob es wirklich ein Witz war, und schicke meiner Chefin aus dem Panoramawagen eine Nachricht, dass ich kündige und ab jetzt in Wisconsin wohne, wenn ich nicht mit meinen neuen Eltern auf Weltreise bin.

„Schottland ist die Bühne, der Zug die Kulisse, ihr seid die Zuschauer, und wir sind die Darsteller.“

Meinerseits würde ich gerne gleich mehrere Mitglieder des Zugpersonals adoptieren. Die mit mir extrem geduldige Whisky-Expertin und Kellnerin Sylwia zum Beispiel oder auch Zugchefin Gemma, deren Fähigkeit auf High Heels durch den Zug zu laufen, bei den Passagieren konstant für Kopfschütteln sorgt. Die besondere Nähe zwischen Passagieren und Personal, die oft in Freundschaften münde, mache den Zug zu einer so intimen Erfahrung, findet Gemma. „Es ist eine Luxusreise, aber wir versuchen, sie nicht zu steif zu gestalten“, erklärt sie. „Auch wir dürfen Spaß haben.“ Der Royal Scotsman gleiche einem Theaterstück, beschreibt es Host Ian, dessen charmante Erklärungen der Soundtrack unserer Reise sind. „Schottland ist die Bühne, der Zug die Kulisse, ihr seid die Zuschauer, und wir sind die Darsteller.“ Aber ist es nun eine Komödie oder eine Tragödie, Ian? „Oh, die Tendenz geht definitiv zur Komödie.“

James-Bond-Feeling beim Tontaubenschießen

Schottland Royal Scotsman © Volker Renner
MERIAN-Redakteur Kalle Harberg beobachtet das Tontaubenschießen.

Wenn es auf der Bühne eine Waffe gibt, wusste schon Tschechow, dann wird sie auch abgefeuert. Und am letzten Tag tauchen in unserem Stück gleich mehrere Gewehre auf. Wir sind zum Tontaubenschießen in einer viktorianischen Jagdhütte, in der Luft liegt der Geruch von Schießpulver und Nieselregen, und unser Ausbilder Jon verrät den Schlüssel zu einem erfolgreichen Schuss: „Vergesst die Waffe, Jungs, schaut auf das Ziel!“ Leichter gesagt als getan, vor allem, wenn man wie ich noch nie einen Abzug gedrückt hat und jetzt mit Ohrenschützern und Schrotflinte beim nächsten Ausflug irgendwo im Cairngorms-Nationalpark steht. „Nicht nachdenken“, sagt Jon. „Nur Schießen.“ 

Die erste giftgrüne Scheibe, die aus dem Gebüsch surrt, verfehle ich noch, aber gleich die zweite zerspringt in hundert wunderschöne Splitter. Und so geht es weiter, fast jeder zweite Schuss ist ein Treffer, sodass selbst U-Boot-Kapitän Brian, dessen Ruhepuls ich konservativ auf zwölf schätzen würde, am Ende des Durchgangs zu mir sagt: „Sehr gut, sehr gut.“ An der letzten Station komme ich sogar auf nur einen einzigen Fehlschuss und fühle mich ein bisschen wie James Bond – bis Volker nach mir genauso viele Ziele trifft. Ich gratuliere höflich und erinnere ihn später beiläufig daran, dass er für die gleiche Anzahl Treffer eine Ladung Schrot mehr benötigte.

„Die Ausflüge waren großartig, aber das Sahnehäubchen waren die Gefährten.“

Am letzten Abend werden noch einmal schwere Geschütze aufgefahren. Das Dinner ist formell – die Männer tragen Anzug, Smoking oder Kilt, die Damen Abendkleider – aber die Stimmung ist gelassen. Wir bekunden in regelmäßigen Abständen, wie sehr wir uns doch vermissen werden. „Die Ausflüge waren großartig,“ fasst es Leslie schon vor dem ersten Gang am besten zusammen, „aber das Sahnehäubchen waren die Gefährten.“ Nach dem Essen lässt Ian das Zugpersonal nacheinander aufmarschieren, und wir applaudieren frenetisch für alle, vom Chefkoch bis zum Tellerwäscher. 

Ende der Schottland-Reise: Abschied auf Gleis 3

Und dann hat unser Host noch eine Überraschung: Im Hafen von Dundee, keine fünf Minuten von unserem Gleis entfernt, liegt die „Discovery“ vor Anker – jenes Schiff, mit dem der berühmte Polarforscher Robert Falcon Scott 1901 zu seiner ersten Expedition in die Antarktis aufbrach. Ian kennt den Nachtwächter und manchmal, erzählt er, wenn der Wind richtig stehe, dann höre der ihn auch noch in seinem Rausch. „Es passiert nicht immer, das kann ich euch versprechen.“ Wir haben Glück. 

Der Nachtwächter öffnet das Tor, und wir gehen in unserer feinen Garderobe an Bord. Unter Deck liegen die Kabinen von Scott und seiner Mannschaft. Koje, Schreibtisch, Schrank und Bücherregal, schmucklos, aber erstaunlich geräumig. „Die sind größer als unsere“, ruft Volker von backbord herüber. Natürlich weiß ich, dass wir keine Expedition sind, dass wir ein paar luxuriöse Tage in den Highlands verbracht haben, nicht zwei Jahre im ewigen Eis, und dass es der viele Wein vom Dinner ist, der mich sentimental macht: Aber in diesem Moment kann ich nicht anders, als in der „Discovery“ und dem Royal Scotsman ganz entfernte Verwandte zu erkennen. Einer hat seinen Heimathafen gefunden, der andere ist noch unterwegs.

Und dann tanzen wir auf dem Bahnsteig. Das hat Tradition im „Scotsman“, denn weil der Panoramawagen zu klein ist, müssen wir neben den Zug ausweichen. Ian geht wie immer voran und demonstriert einen Scheunentanz namens „Strip The Willow“, bei dem Mann und Frau umeinander kreisen. Mir fehlt die Partnerin, also haste ich in den Zug und frage Sylwia, ob sie dabei ist. „Nun, sollen wir?“, antwortet sie nur. Schnell zurück aufs Gleis und rein ins Getümmel, Gemma ist ebenfalls mit von der Partie, Joy und Bob auch, Leslie und Brian sowieso, und so drehen wir uns freudetrunken auf Gleis 3 in Dundee, stehen ganz zum Schluss händchenhaltend im Kreis und schmettern den Klassiker „Auld Lang Syne“. Vor allem die Schotten und Amerikaner singen voller Inbrunst, aber auch ich summe selig mit, bis wir einander loslassen und wieder in den Zug steigen. Ein letztes Mal.

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