Kassel Dörnberg © Andreas Dahlmeier
Natur

Kassel und Nordhessen: Ausflüge ins Grün

Nur wenige Fahrtminuten von Kassel entfernt, tun sich im nordhessischen Umland wundersame Welten auf. Nahezu märchenhaft wird es im Nationalpark Kellerwald-Edersee oder am Dornröschenschloss in Hofgeismar.

Uralte Bäume und ein verwunschenes Schloss aus dem 14. Jahrhundert: Wer das Umland von Kassel besucht, taucht ab in eine besondere Kulisse. Radwege und Wanderrouten führen an den Sehenswürdigkeiten vorbei, Ausflüge in Nordhessen lohnen zu jeder Jahreszeit. Und wer das Abenteuer sucht, begibt sich auf die Spuren von verlassenen Lost Places. 

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Kellerwald

Kassel Hessen Edersee © Quinten De Graaf/Unsplash

Bis zu 300 Jahre alt sind einige der Rotbuchen, für die Teile des Nationalparks Kellerwald-Edersee 2011 zum UNESCO- Weltnaturerbe ernannt wurden. „Diese knorrigen Bäume wirken beinahe wie mystische Wesen aus ‘Herr der Ringe‘“, schwärmt Ranger Volker Nagel, auch wenn er in diesem märchenhaften Wald noch keine wandernden Baumriesen wie bei Tolkien gesichtet hat. Dafür gibt es in dem Urwald, der kürzlich auf etwa 7700 Hektar – fast 4500 Fußballfelder – erweitert wurde, noch viel mehr zu entdecken: Im September rufen Hirsche nach einer Partnerin, und am Ufer des Edersees kann man Fledermäuse beobachten. Und wenn der Wald nach einem Sommergewitter vor Feuchtigkeit so richtig dampft, geht der Feuersalamander auf Wanderschaft. Höchste Zeit für Volker Nagel, um Lurchi und seine Freunde von den Radwegen aufzuklauben. Denn um beschützt zu werden, ist hier kein Wesen zu klein. 

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Witzenhausen

Kassel Witzenhausen © Gerald Hänel

Nicht nur im Frühjahr, wenn sich die Felder östlich von Kassel in ein weißes Blütenmeer verwandeln, spielen die Kirschbäume in Witzenhausen eine wichtige Rolle. Durch den Obstanbau wurde der 15.000-Einwohner-Ort zu einer der kleinsten Universitätsstädte Deutschlands, und wie der sich umweltverträglich gestalten lässt, lernen hier die Studierenden des Fachbereichs Ökologische Agrarwissenschaften der Uni Kassel. Die bringen jede Menge gute Ideen in die Region: Etwa, wie Witzenhausen durch Umweltprojekte wie eine Solarstrom-Tankstelle und Nachbarschaftsgärten zur zukunftsfähigen Smart City wird. 

Ein guter Startpunkt, um Witzenhausen zu erkunden und für weitere Ausflüge um Kassel, ist der Wochenmarkt an der Liebfrauenkirche, nur 250 Meter von der Werra entfernt, die in schwungvollen Bögen vorbei an bunten Fachwerkfassaden mäandert. Hier kann man sich jeden Freitagvormittag durch die regionalen Spezialitäten schlemmen.

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Sababurg: Dornröschenschloss in Hofgeismar

Kassel Sababurg Hessen © Vanessa Schulze/Unsplash

„Hat die wirklich hier geschlafen?“ Es ist die wohl häufigste Frage, die Kinder dem Märchenführer Dieter Uffelmann zum Dornröschenschloss in Hofgeismar stellen. Eins zumindest gilt als sicher, sagt er: Die auch in Kassel lebenden Brüder Grimm kannten dieses Schloss aus dem 14. Jahrhundert. Im Dreißigjährigen Krieg wurde es so schwer beschädigt, dass es noch zu ihren Lebzeiten wirkte, wie aus der Sage entsprungen. Derzeit liegen als Hotel genutzte Bereiche wegen Renovierungsarbeiten übrigens wirklich im Dornröschenschlaf. Den romantischen Rosengarten und das zwischen den runden Türmen gelegene Haupthaus kann man aber weiterhin besuchen: Hier wird zwischen April und Oktober das Märchen von der schlafenden Schönen aufgeführt. 

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Landfleischerei Koch

Kassel Landfleischerei © Michael Löwa

Wenn ein inhabergeführter Betrieb von einer Genera­tion zur nächsten übergeben wird, dann birgt das Chancen und Gefahren. Katharina Koch ist die Tochter von Thomas Koch, dessen Urgroßvater Ludwig die Landfleischerei Koch in Calden am 28. April 1877 gründete – und sie ist ein Glücksfall für das in der fünf­ten Generation befindliche Unternehmen, das eigent­lich die beiden älteren Brüder hätten übernehmen sol­len. Aber Katharina, die Politik und Publizistik studierte und in Berlin, Paris und New York Zeit verbracht hat, half von kleinauf in der Fleischerei mit und liebt diesen handwerklichen Beruf. 

Die Frau, die vor Energie und Ideen sprüht, macht einiges anders als ihr Vater, aller­dings wenig, wenn es um die Wurst geht – die „Ahle Worschd“, wie sie in Nordhessen genannt wird, ist eine luftgetrocknete Mettwurst, die nicht wie Mettwurst schmeckt, sondern viel leckerer. Die Chefin erweiterte die Produktpalette mit den Bestsellern „Dürre Runde“, „Feldkieker“ und „Stracke“ behutsam, beispielsweise um Würste im Knoblauch­ oder Wiesenkräuter­-Mantel. Auch mit der „documenta fifteen“ kooperiert sie: „Dafür haben wir die indonesische Nationalblüte Jasmin in die bestehende Rezeptur eingearbeitet.“ Das ergebe eine leckere Geschmacksnote. Zudem wünschte sich das Künstlerkollektiv Ruangrupa „etwas Vegetarisches“; Katharina Koch kreierte ein „veganes Weckewerk“, er­setzte Schwein im ebenfalls nordhessischen Traditions­rezept durch weiße Bohnen und Reiswaffel. Schmeckt das? „Unglaublich gut“, sagt sie.

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Ausflüge in Nordhessen: Hoher Dörnberg

Kassel Hoher Dörnberg © Andreas Dahlmeier

Als hätte jemand mit viel Ordnungssinn sie fein säuberlich gestapelt, so liegen die schwarzen, mit Flechten bewachsenen Basaltschichten auf dem Gipfel des Hohen Dörnbergs – dabei begann alles mit einer wilden Explosion: Ein Vulkanausbruch schuf hier vor etwa 15 Millionen Jahren zunächst eine mit Lava bedeckte Landschaft. Inzwischen lugt der Basalt vor allem an der Spitze in 587 Meter Höhe hervor, und grüne Wiesen schmiegen sich an die Hänge, auf denen im Sommer viele Orchideen blühen. Etwa der Mücken-Händelwurz und der als gefährdet geltende Fliegen-Ragwurz mit seinen schokoladenfarbenen Blüten. Auch Wacholderbüsche stehen wie hingetupft in dem Naturschutzgebiet und säumen den teils mit Geröll bedeckten Pfad, der ziemlich steil bergauf führt. Feste Schuhe zu tragen, ist also eine schlaue Idee. Damit wäre man auch bestens gerüstet, falls man nach dem Aufstieg Lust auf noch mehr Weitblick hat. Gipfelstürmer können über den Habichtswaldsteig zum Großen Schreckenberg mit seinem 15 Meter hohen Aussichtsturm wandern.

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Lost Places in Kassel und Nordhessen

Kassel Viktoriabunker © Andreas Weber

Bunker, alte Fabriken und versunkene Ruinen: Kassel und Umgebung sind ein Magnet für alles Fans von Lost Places. Die Region zeichnet sich gleich durch mehrere morbide Kulissen aus, deren Reiz sich Fotografen und Neugierige aus dem ganzen Land nicht entziehen können. Viele Orte können eigenständig erkundet werden, für manche werden regelmäßig Touren angeboten. Eine Übersicht finden Sie im Folgenden: 

Viktoriabunker

Früher lagerte Bier in dem Felsenkeller aus den 1830er Jahren, 1940 wurde er zum Luftschutzbunker. Fotograf Andreas Weber führt hier Fotokurse durch. Die Explorer-Gruppe „Viktonauten“ bietet Führungen an. 

Felsenkeller 

Vieles in dem Bau des Brauers Carl Ferdinand Roßtheuscher ist noch erhalten, etwa die gemauerten Bier-Lagerbänke. Die Regelmäßige Touren führen durch die dicken Gemäuer. 

Sprengstoffwerk 

Eine Themenroute führt zu den Ruinen einer Munitionsfabrik, die einmal riesig war: Von einst 399 Gebäuden sind 10 übrig. 

Seilbahn Söhrewald 

Die Überreste der einstigen Seilbahn von 1912 sind mit Grubeneingängen des ehemaligen Bergbaugebiets über einen Wanderweg verbunden. Die Eco-Pfade führen vorbei an spannenden Ruinen. 

Tigergehege

Relikte von Käfigen im Schocketal, in denen ein Dompteur in den 1970er Jahren Raubkatzen hielt. Heute sind die Behausungen zwischen Ihringshausen und Simmershausen verlassen. 

Kulturbunker 

Fünf Gehminuten vom Kasseler Hauptbahnhof entfernt liegt der Bunker, der im Zweiten Weltkrieg den Beamten der Reichsbahn vorbehalten war. Der Feuerwehrverein Kassel bietet regelmäßige Führungen an. 

Edersee Atlantis 

Vor dem Ersten Weltkrieg wurden für den Stausee drei Dörfer geflutet. Bei sehr niedrigem Wasserstand kann man zwischen den Ruinen des Edersees spazieren. Dann tut sich hier eine mystische Welt auf.