Viva València! Die zukünftige Hauptstadt des Designs

Alte Pracht, neue Ideen und Mut zu Experimenten: Spaniens drittgrößte Stadt wird im Jahr 2022 zur Welthauptstadt des Designs und ist längst Treffpunkt und Wahlheimat von Künstlern und Kreativen
Valencia

Text: Inka Schmeling

Wie viel Bauchgefühl in jedem guten Design steckt, riecht man gleich beim Betreten von Valèncias größtem Kreativraum »CuldeSac«. »Wir essen hier jeden Tag alle zusammen«, erklärt Sophie von Schönburg, Partnerin bei CuldeSac, den Duft von geschmortem Gemüse und Mittelmeerkräutern, der an diesem frühen Nachmittag das Büroloft erfüllt. »Was passiert, wenn wir alle an einem Tisch sitzen und uns austauschen«, so von Schönburg, »diese geballte, vibrierende Kreativität, das ist so typisch für die spanische Lebensart und das Fundament unseres Designs.«

Und dieses Design hat es weit gebracht: Der faltbare Fahrradhelm »Closca« ist heute im Museum of Modern Art in New York oder im Design Museum in London zu kaufen, auch ihre Version der traditionellen spanischen Wasserflaschen ist zum Design-Star avanciert. Die Möbel wie der Kinderhochstuhl »Micuna« oder der ausziehbare Tisch »Transalpina« stehen in Wohnzimmern auf der ganzen Welt. Ladengeschäfte in Rom, Moskau, Madrid und natürlich València hat CuldeSac eingerichtet und Events für große internationale Marken konzipiert. Was sich die rund 60 Möbel- und Grafikdesigner, Inneneinrichter, Architekten und Eventmanager in diesem Loft beim Mittagessen und an ihren Schreibtischen ausdenken, bringt valencianisches Bauchgefühl auf alle Kontinente.

El Micalet, Valencia

Höhepunkte der Altstadt: Vom Turm El Micalet blickt man auf den Kirchturm von Santa Catalina

Für Xavi Calvo aber ist der Erfolg von CuldeSac nur der Anfang. Ein vielversprechender Auftakt für ein Jahr, auf das er schon lange mit vollem Einsatz hinarbeitet: 2022 wird València die Welthauptstadt des Designs sein. Im Herbst 2019 hat die World Design Organization (WDO), die diesen Titel alle zwei Jahre vergibt, ihre Entscheidung bekannt gegeben; noch während der Videokonferenz mit der WDO bedankte sich Valèncias Bürgermeister Joan Ribó bei Xavi Calvo. Calvo ist der Mann, der diese Bewerbung überhaupt erst losgetreten hat. Der erst die Lokalpolitiker und dann die WDO-Jury von valencianischem Design begeisterte und der genau das 2022 auch bei allen Besuchern der Stadt erreichen soll. »Die Welt von unserem Design zu begeistern, das ist nicht schwer«, winkt Xavi Calvo, selbst Industrie- und Grafikdesigner, ab. »Ich brauchte die Jury bloß durch unsere Stadt zu führen, um zu zeigen, was für ein reiches Designerbe wir haben«. Schwerer sei es gewesen, die Valencianer selbst für ihr Design zu begeistern, erzählt Calvo. »Wir entwickeln hier erst langsam und dank dieser Auszeichnung ein Selbstbewusstsein für unser Design.«

Das beobachtet auch Christophe Penasse, gebürtiger Belgier, der gemeinsam mit seiner kolumbianischen Lebensgefährtin Ana Hernández das Design-Label »Masquespacio« betreibt. »Die Valencianer lieben ihre Stadt innig und machen sie gleichzeitig viel kleiner als sie ist. Immer heißt es: ›Madrid und Barcelona sind viel wichtiger, wir sind ja nur die drittgrößte Stadt Spaniens – und eigentlich eh bloß Bauern‹.« Penasse und Hernández zogen um die Jahrtausendwende nach València. Sie schloss hier mit Bestnoten ihr Designstudium ab, er ergatterte nach einigen Monaten Spanischunterricht einen Posten in einem internationalen Konzern. Dann kam die Wirtschaftskrise. Er verlor seinen Job, sie fand erst gar keinen. »Wir hatten keine andere Wahl, als uns selbstständig zu machen«, erzählt Ana Hernández; 2020 feiern sie das zehnjährige Bestehen von Masquespacio. Sie wollen umziehen, in größere Räume, sechs Angestellte hat ihre Firma. Auf Ibiza haben sie eine Bar gestaltet, in Oslo eine kleine Ökowein-Brasserie und in Bonn einen Imbiss für Mittelmeer-Food – Projekte auf der ganzen Welt nach ihren Entwürfen und seinen Businessplänen.

Placa de l'Ajuntament, Valencia

Stadt mit Visionen: Das weiße Rathaus mit seinen zwei Kuppeln und dem Glockenturm dominiert die Plaça de l’Ajuntament. Hier regiert seit 2015 ein Mitte-Links-Bündnis unter Bürgermeister Joan Ribó

Nur València blieb lange verhalten, ihre eigene Stadt, in der Masquespacio schon rund 20 Boutiquen, Restaurants, sogar ein Hostel und eine Sprachschule eingerichtet hat. »Hier musste man sich«, so Penasse, »erst an Anas Design gewöhnen.« Farbenfroh und verspielt ist das, es legt viel Wert auf Formen und Vielfalt. Penasse sagt: »Das ursprüngliche Design von València ist ruhiger und traditioneller. Es ist ein Industriedesign, hier wurden über Jahrhunderte vor allem Möbel oder Leuchten gefertigt, dazu Porzellan und Plakate für den Verkauf von Orangen.«

Eine Ausnahme gibt es, jedes Jahr im März, und das sind die fallas. Alles andere als ruhig und rational geht es zu, wenn haushohe Pappmaché-Puppen auf zig Plätzen der Stadt aufgebaut und schließlich am Josefsabend, dem 19. März, in Flammen gesetzt werden. Musik und Tänze begleiten das Fest, jede Menge Böller und Feuerwerksraketen, ganz besonders aber: eine schier unbändige Kreativität. Monatelang arbeiten die falleros an ihren Werken, neben den traditionellen, recht karnevalesken Figuren gibt es zunehmend auch avantgardistischere Exemplare. Damit die versierten Handwerker auch in der übrigen Zeit des Jahres Arbeit haben, lagert CuldeSac als größtes Designbüro der Stadt dann oft Projekte an sie aus. »Wir finden selten so gute Handwerker, die sich mit so vielen verschiedenen Materialien auskennen wie die falleros«, sagt Kreativchefin Lucía del Portillo. »Die fallas sind Valèncias größtes Volksfest und gleichzeitig jedes Jahr aufs Neue eine Quelle der Inspiration.«

Carrer de les Barques

Die verspielte Seite der Stadt: verschnörkelte Fassade am Carrer de les Barques

Es sind genau diese Rückkopplungen zwischen der Stadt und ihren Kreativen, auf denen Anna Devís und Daniel Rueda ihr Geschäft aufgebaut haben: Als Duo »Annandaniel« nehmen sie die jahrhundertealten Fassaden des Altstadtviertels El Carmen, die gediegenen Gründerzeithäuser von Russafa, die bunt gefliesten Fischerbuden von El Cabanyal oder die futuristische Ciutat de los Arts i les Ciències von Stararchitekt Santiago Calatrava als Leinwand – und inszenieren sie zu Fotos, die eher Gemälde sind. »Als Erstes machen wir eine Skizze von dem Gebäude und dem, was wir daraus machen wollen«, erklärt Anna Devís ihre Arbeit. »Dann suchen wir, oft tagelang, alle Requisiten zusammen oder stellen sie selbst her. Wir arbeiten nur mit echten Fassaden und Materialien, nichts wird am Computer bearbeitet.« »Unsere Bilder«, fährt Daniel Rueda fort, »werfen ein Schlaglicht darauf, wie interessant Architektur ist. Wir müssen ihr nur mehr Aufmerksamkeit schenken.«

Beide haben ursprünglich in València Architektur studiert, sich an der Universitat Politècnica kennen- und lieben gelernt. Dass sie nun in einem Grenzbereich von Architektur, Fotokunst und Design arbeiten, entspricht nicht nur ihren Vorlieben, sondern auch dieser Stadt, die mit ihrem »reichen Erbe« an Architektur und Design, an Farben und Formen zu einem ganz eigenen Melting Pot für Architekten, Designer, Künstler aus aller Welt geworden ist.

Ebenso wie am Mittagstisch von CuldeSac wird das in einem neuen Master-Studiengang sogar forciert: Bei »March: Master in Architecture, Design and Innovation« arbeitet die Universität der Stadt eng zusammen mit dem Architekturbüro »Fran Silvestre«, die Studierenden – etwa drei Viertel kommen aus dem Ausland – werden sowohl von Architekten wie Designern unterrichtet. Und das inmitten von Skulpturen, die der valencianische Bildhauer Andreu Alfaro (1929-2012) einst hier auf diesem Gelände, dem Espai Alfaro am Stadtrand, geschaffen hat.

Bombas Gens, Kulturzentrum Valencia

Früher Pumpenfabrik, heute das spannendste Kunst- und Kulturzentrum der Stadt: Bombas Gens

»An solche Orte haben wir die Jury auch geführt, eben nicht nur zu den historischen Sehenswürdigkeiten«, sagt Xavi Calvo in seinem Büro an der Marina, in Sichtweite eines weiteren Vorzeigebaus, dem Veles e Vents von David Chipperfield. »An Orte, wo sich València neu erfunden hat. Wo wir gezeigt haben, dass wir unser historisches Erbe schätzen und gleichzeitig kreativ damit umgehen.« Dazu gehören auch Valèncias Kunstzentren, das Bombas Gens in einer alten Pumpenfabrik aus den 1930ern und das Centre del Carme und einem Kloster. Oder der Mercat de Colom: In der schönen Modernisme-Markthalle sind Cafés und Imbisse untergebracht, lokale Künstler haben hier ihre Stände.

València hat eine pragmatische, zupackende Art, sein Erbe umzugestalten, das hat die Stadt etwa mit ihrem Fluss Turia gezeigt: Nachdem sein Hochwasser 1957 großen Schaden anrichtete, leitete man ihn um – und verwandelte sein Bett nach und nach in einen Park, der sich an der Altstadt vorbei gen Mittelmeer schlängelt. »Gut«, beschwichtigt Calvo in valencianischer Tiefstapelei, »die Jurymitglieder hatten bestimmt auch nicht so viele Erwartungen an unsere kleine Stadt. Aber als sie dann einmal hier waren«, und jetzt kann er seinen Stolz nicht mehr im Zaum halten, »da waren sie begeistert von València. Von all diesen Kontrasten, dieser Vielfalt an Stilen nebeneinander. Und von dieser ungeheuren Kreativität.«

 

Ein Rundgang durch València

ORIENTIERUNG 

Mit fast 800.000 Einwohnern ist València drittgrößte Stadt Spaniens. Der Flughafen liegt 10 Kilometer vom Zentrum entfernt und ist mit der Metro erreichbar. Wer mit dem Zug von Madrid (1,5 Stunden) oder Barcelona (gut 3 Stunden) kommt, steigt am Bahnhof Joaquín Sorolla aus, unweit vom Art déco-Bahnhof València Nord – dort fahren die Regionalzüge ein. Knapp fünf Kilometer entfernt vom Mittelmeer liegt die Altstadt von València, besonders beliebt ist die Gegend El Carmen. Weitere angesagte Viertel sind zum Shoppen wie Ausgehen das schicke Russafa sowie das noch raue El Cabanyal mit seinen bunt gefliesten Hafenhäusern, das gerade schwer im Kommen ist.

VALÈNCIAS REICHES ERBE

Wenig ist geblieben von den Römern, die diese Stadt 138 v. Chr. am Fluss Turia gründeten. Oder von den Muslimen, die von ca. 713 bis 1238 über die Stadt herrschten. Schuld sind die Conquistadoren, die Mitte des 13. Jh. die gotische (1) Kathedrale La Seu dort bauten, wo erst ein römischer Tempel, dann eine Moschee standen. Wichtigste Reliquie ist der Heilige Gral, ein Kelch, den Jesus beim letzten Abendmahl benutzt haben soll. Auch die (2) Seidenbörse Llotja de la Seda (Bau ab 1483) zeugt von Valèncias damaligem Reichtum: Lange war sie Knotenpunkt vieler großer Handelswege. Auch politisch dominierte València Europa, gleich zwei Männer der Familie Borja (italienisch: Borgia) brachten es zum Papst. Ihr Palast ist heute Sitz des valencianischen Parlaments.

Im 18. Jh. verlagerte sich der Handel auf den Atlantik. Kurz bevor die Stadt in die Bedeutungslosigkeit fiel, gönnte sie sich mit der (3) Kirche San Nicolás noch ein barockes Aufbäumen. Erst im 20. Jh. rappelte sich València zu neuer Größe auf, neben Orangen wurden Möbel und Keramik exportiert. In dieser Aufbruchsstimmung entstand ab 1914 die Markthalle (4) Mercat Central, Beispiel für den Modernisme, eine Variante des Jugendstils. In den 1990er und 2000er Jahren schließlich baute der 1951 in València geborene Architekt Santiago Calatrava seine (5) Ciutat de los Arts i les Ciències, die mit ihrer futuristischen Architektur eine von Valèncias wichtigsten Sehenswürdigkeiten ist.

ÜBER NACHT

Die Vermietung privater Wohnungen etwa über Airbnb ist stark beschränkt, Hotels gibt es reichlich, sehr zu empfehlen sind diese beiden Häuser:

(6) Casual València Vintage

Direkt am Rathausplatz, also denkbar zentral liegt dieses charmante Zwei- Sterne-Hotel – teils mit Balkon zum Platz. Carrer de la Barcelonina 1, www.casual-valencia-vintage.valencia-hotels.net

(7) Caro Hotel

Valèncias schickste Unterkunft mit nur 26 Zimmern ist in einem Stadtpalais untergebracht. Das exzellente Frühstück wird im Keller serviert – gleich neben der freigelegten maurischen Stadtmauer. Carrer de l’Almirall 14, www.carohotel.com

KUNST UND DESIGN 

Die beiden großen Kunstmuseen, das lnstitut Valencià d’Art Modern (Carrer de Guillem de Castro 118, www.ivam.es) und das Museu de Belles Arts (Carrer de Sant Pius V 9, www.museobellasartesvalencia.gva.es) sind etwas in die Jahre gekommen. Diese drei Häuser aber bringen frischen Wind in die Kulturszene:

(8) Bombas Gens

Die Pumpenfabrik aus den 1930ern wurde 2017 neu eröffnet: als derzeit spannendstes Kunstzentrum der Stadt. Es zeigt zum Beispiel wechselnde Werke aus der Sammlung »Per Amor a l’Art« mit den Schwerpunkten Fotografie und abstrakte Kunst. Auf dem Gelände liegt auch das mit zwei Sternen ausgezeichnete und nach seinem Koch benannte »Ricard Camarena Restaurant«.

Geöffnet mittwochs bis sonntags. Avingude de Burjassot 54, www.bombasgens.com

(9) Centre del Carme

Im gotischen Kreuzgang hängt Street-Art, im Schlafsaal der Mönche gibt es Installationen – zeitgenössische Kunst in einem Kloster aus dem 13. Jahrhundert. Carrer del Museu 2, www.consorcimuseus.gva.es/centro-del-carmen

(10) Museu Valencià de la Il-lustració i de la Modernitat (MuVIM)
Im Museum der Aufklärung und der Moderne regen die Ausstellungen zu Debatten an, ebenso die Tour »Abenteuer des Denkens« durch die Geschichte der Aufklärung (ca. 70 Minuten, nur nach Voranmeldung; auch auf Englisch). Carrer de Quevedo 10, www.muvim.es

SHOPPEN

Carrer Colom und Carrer de Don Juan de Austria sind die Haupteinkaufsmeilen, individuellere Mode gibt es beim Mercat de Colom oder in Russafa.

(11) Poppyns

Coole Mode und Accessoires aus Spanien. Bonus: Das Ladencafé serviert sehr leckere Müslis, Salate und Sandwiches. Carrer d’Isabel la Catòlica 21 www.poppyns.com

(12) Simple

Traditionelles Handwerk aus spanischen Manufakturen, gleich bei der Kathedrale. Carrer del Palau 5, www.simple.com.es

(13) Atypical València

Endlich mal schicke Postkarten! Designer illustrieren ihre eigene Stadt. Carrer de Cavallers 10 www.atypicalvalencia.com

TOUREN

Guiding Architects

Ein Architektenteam aus Deutschland und der Schweiz bietet fachkundige und deutschsprachige Führungen zu Valèncias spannendsten Häusern. www.ga-valencia.es

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