Seasons_10235070_HiRes_Italien_Toskana_Maremma_Kueste_bei_Marina_di_Alberese © Darshana Borges
Natur

Maremma: das vergessene Herz der Toskana erkunden

Magische Berge und die ältesten Cowboys der Welt: In der Maremma erlag Autor Ulf Lüdeke dem wildromantischen Charme eines vergessenen Natur-Idylls in der Toskana.

Ohne Zweifel ein ungewöhnlicher Ort, dieser Monte Labbro, vor allem im Dunkeln. Gebete dringen dann gelegentlich von seiner flachen Kuppe, spirituelle Musik streicht um den Saum seiner Flanken. Esoteriker besteigen ihn meist allein, schweigend, oder zu zweit, seufzend. Sogar Astronomen vergöttern ihn, weil der toskanische Nachthimmel nirgendwo klarer glimmt. Und wenn der Mond den Kalkstein gespenstisch schimmern lässt und die Wölfe heulen, scheint mancher Schatten Beine zu bekommen.

Monte Labbro

An einem 28 Grad warmen Mittag nähere ich mich dem Gipfel des 1193 Meter hohen Monte Labbro. Wirkt banal von unten, denke ich, mache Tempo und genieße den energischen Westwind auf der Haut, der jede Schweißperle im Nu trocknet. Doch als ich über die Ostseite auf die Spitze gelange, stockt mir der Atem: Wie ein endloses Becken öffnet sich vor mir die mit Auen, Wäldern und Hügeln gefleckte Tiefebene der Provinz Grosseto, durch das Tyrrhenische Meer silbern glitzernd vom Himmel getrennt. Zu meinen Füßen liegt die Maremma, das wilde Herz der Toskana!

Das vergessene Natur-Idyll der meistbesuchten aller italienischen Regionen reicht vom Süden Livornos bis ins nördliche Latium. Sein Zentrum bildet Grosseto, eine der am dünnsten besiedelten Provinzen Italiens. Ein Lieblingsziel für Reiter, Trekker und Biker, auch gestresste Kulturreisende erholen sich hier. Doch wer dem Monte Labbro zu nahe kommt, sollte aufpassen: So schnell lässt er einen nicht mehr los.

Maremma-Pferde und Amiata-Esel

Mich erwischt es auf dem Weg nach Arcidosso, ein mittelalterliches Städtchen, das sich mit seinen Gässchen in den Schoß von Monte Labbro und Monte Amiata schmiegt. „I Rondinelli“ heißt der alte Gutshof, der zartrosa wie ein aufgeblasenes Marshmallow durch grünes Kastaniendickicht schimmert und mich von der Straße lockt. Als mir zwei Minuten später im Schatten der Terrasse selbst gemachter Ricotta mit Brot, Wasser und Wein aufgetischt wird, habe ich das Projekt Arcidosso bereits vertagt. Hier will ich abends nach einem Sprung ins Jacuzzi-Becken die Sonne untergehen sehen, „Besoffenes Wildschwein zu Kastanienpolenta“ essen und mit Luca und Michele Ragnini plaudern. Ihre beiden Söhne, erzählt Mamma Nicolina, haben den alten Kastanienhof der Großeltern vor vielen Jahren in einen Agriturismo verwandelt. Zudem züchten sie auf 130 Hektar Land Maremma-Pferde, Amiata-Esel, Schafe, auf Trüffel oder Wildschweinjagd spezialisierte Spürhunde, brauen Kastanien-Bier, bauen Obst und Gemüse an. Die Brüder in diesem Garten Eden könnten kaum unterschiedlicher sein: Luca, 44, klein und kompakt, besorgt den Hof, während sich Michele, 39, groß und schlank, um die Küche kümmert. „Im Reden mit Gästen ist Michele besser“, versichert Luca.

Aber Luce redet mit Pferden. Ich werde Zeuge, wie ihn eine Stute in den Arm beißt. „Entschuldige, das muss ich klären“, zischt er, reibt sich den Arm, stellt der Widerspenstigen nach, baut sich vor ihr auf und flüstert ihr eindringlich zu, bis sie demütig den Kopf senkt. „Wer Pferde verstehen will, muss sich in ihrer Gegenwart weiblich geben. Die Rinderhirten im Tiefland, die für ihre Arbeit noch immer Wildpferde zureiten, versauen sie mit ihrem männlichen Gehabe.“

Die Kraft des Berges

Luca ist für zarte Schwingungen empfänglich, auch am Berg: „Da oben habe ich das Gefühl, ich stünde in einer Kirche vor dem Altar.“ Zunächst habe ihn das irritiert: „Ich bin Landwirtschafts-Chemiker, ein rationeller Typ.“ Aber an einigen Orten spüre er besondere Kräfte. Oder Gefahr. Oder Wasser. „Aus Neugier habe ich mir eine Wünschelrute gebastelt. Sie hat sofort funktioniert.“ Auf dem Armaturenbrett seines Jeeps entdecke ich ein seltsames Gebilde: eine Schuhspannerfeder, an deren Ende ein Stück Rehgeweih steckt, verziert mit einem geschnitzten Pferdekopf. Am anderen Ende baumelt eine Messingkugel. Leise erzählt Luca, dass er damit weibliche und männliche Energie unterscheiden könne. Legt er mit geschlossenen Augen das Horn auf eine Stute, rotiere die Kugel links, beim Hengst rechts. Eine Erklärung? Hat der Pferdeflüsterer nicht. Ist eben Gefühlssache.

Woher auch immer der Monte Labbro seine Kraft schöpft: Der Berg zieht Mystiker aus allen Himmelsrichtungen an. Einer der bekanntesten hieß Davide Lazzaretti. Dem Fuhrmann aus Arcidosso soll vor 140 Jahren dort oben die Madonna erschienen sein. Er baute eine Kapelle und einen Turm und gründete mit 80 Familien eine Gemeinde, die eine Art christlichen Sozialismus praktizierte. Alles wurde gemeinsam produziert und geteilt. Der Obrigkeit wurde die Bewegung schließlich zu stark, sie ließ Lazzaretti 1878 kurzerhand von Carabinieri erschießen. Doch eine Handvoll Anhänger zieht noch heute manchmal auf den Berg, um an der Kirchenruine zu beten.

Therme von Saturnia

Maremma-Therme-Saturnia

Mehr Glück beim Streben nach Vollkommenheit, die im Buddhismus Dzogchen genannt wird, hatte eine Gruppe tibetischer Mönche. Von den Chinesen ins Exil getrieben, begannen sie 1981 unterhalb von Ragninis Kastanienhof Richtung Monte Amiata mit dem Bau von „Merigar“, dem ersten Zentrum der Dzogchen-Gemeinde im Ausland. Den achteckigen „Tempel der großen Kontemplation“ weihte 1990 ein Nobelpreisträger ein, der über Dzogchen auch ein Buch verfasste: Seine Heiligkeit der Dalai Lama. Heute werden im Merigar Vajra-Tanz- und Yantra-Yoga-Kurse angeboten. Wer besondere Energien spürt, sollte sich nicht wundern: Merigar bedeutet „Platz am Feuerberg“, denn beim Monte Amiata handelt es sich immerhin um einen erloschenen Vulkan.

Die wundersamste Wirkung wird jedoch den Thermalquellen nachgesagt, die der Amiata speist. Therme von Saturnia heißt die bekannteste, 30 Kilometer südlich von Arcidosso gelegen. Schon die Etrusker wussten von der heilenden Wirkung für Haut, Gelenke, Muskeln, Arterien und Atemwege. 40 Jahre braucht das Regenwasser, um vom Amiata durch vulkanisches Gestein zu sickern, ehe es in Saturnia 37 Grad warm aus dem Krater sprudelt, angereichert mit Sulfaten, Bikarbonaten und Magnesium.

Im Sommer hat man allerdings nur zwei Chancen, den öffentlichen Teil der Schwefelquellen zu genießen: sehr früh morgens oder mitten in der Nacht. Als ich vorsichtig in die Sinterbecken an den Cascate del Mulino steige, funkeln Sterne über Saturnia. Ein gut gewählter Zeitpunkt: Beim Hineinwaten verschmilzt das Gemurmel vom Ufer mit dem Rauschen des Wassers. Nur in klaren Mondnächten, so habe ich gehört, wird es gelegentlich von spitzen Schreien überdeckt. Heute bleibt alles ruhig, entspannt träume ich von etruskischen Schönheiten und den Filmsternchen, die in den 1960er-Jahren hier an den Cascate del Mulino ihrem Dolce Vita das Sahnehäubchen aufsetzten.

Die Urform aller Cowboys

Zum Abschluss meines Maremma-Trips lege ich in Sachen Wasser und Pferd noch einen drauf und fahre am nächsten Tag nach Alberese südwestlich von Grosseto. Ich will einen Blick auf die letzten maremmanischen Cowboys werfen, die Butteri – und sehe erst mal nur eine Staubwolke. Die Butteri sind so etwas wie die Urform aller Cowboys. Schon zu Cäsars Zeiten – lange vor ihren nordamerikanischen Kollegen – hüteten sie große Herden langhörniger Maremma-Rinder, die hungrigen Legionären als lebende Speisekammer dienten. Bis heute sitzen die Butteri bei jedem Wetter im Sattel, halten die Herden zusammen, versorgen kranke Tiere, kümmern sich um trächtige Kühe. Gute Reiter können die eher schweigsamen Männer der „Azienda Agricola Alberese“ bei der Arbeit begleiten, die sie durch ausgedehnte Pinienhaine oft bis ans Meer führt. Beim Anblick der silbrigen See an einem menschenleeren, kilometerweiten Strand südlich von Marina di Alberese geht sogar herben Gemütern das Herz ein großes Stück weit auf.

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