Im Gespräch mit Samu Haber Du hast nur ein Leben – also mach was draus

Samu Haber ist der wohl bekannteste Finne in Deutschland. MERIAN traf den Musiker in Helsinki und sprach mit ihm über Eishockey, deutsches Fernsehen und finnische Beharrlichkeit, die ihn erfolgreich werden ließ.
Samu Haber

MERIAN: Als Juror in der TV-Show »The Voice of Germany« und durch die Touren mit der Band Sunrise Avenue sind Sie bei uns zum Star geworden: Haben Sie schöne Erinnerungen an Deutschland?

SAMU HABER: Die Eltern meines Vaters kamen aus Deutschland, er und meine Mutter haben sich früh getrennt. Als Kind habe ich bei ihm Serien wie »Derrick«, »Der Alte« und »Marienhof« geschaut – darin kamen Städte vor, wie ich sie später auf meinen Touren kennengelernt habe. Bei »The Voice of Germany« habe ich viel über deutsche Kultur gelernt. Es macht mir Spaß, mit den Deutschen zu tun zu haben. Sie sind ein bisschen wie die Finnen: Sie sind oft lustig, wissen es aber selbst nicht – sie sind nicht so extrovertiert wie die Briten oder Spanier. Wie die Deutschen arbeiten auch wir Finnen zuverlässig, und wir fühlen uns verantwortlich für die schwächeren Mitglieder unserer Gesellschaft. Insgesamt fühlt Deutschland sich für mich an wie ein zweites Zuhause. Ein Freund von mir hat früher in Villingen-Schwenningen Eishockey gespielt. Ich liebe auch deutschen Fußball, vor allem Dortmund und Schalke.

Wo wir schon von Sport reden: Die Arbeit im Showgeschäft kann ganz schön anstrengend sein. Sie scheinen mit 43 Jahren ganz gut in Form zu sein. Wie halten Sie sich fit?

Ich bin 14 Jahre lang mit Sunrise Avenue auf Tour gegangen. Irgendwann habe ich gemerkt, dass es mit den Jahren immer wichtiger wird, sich fit zu halten. Ich trainiere gern intensiv, das bekommt auch meinem Kopf gut. Ich tue das jeden Tag: Ich mache Taekwondo, ich boxe, von Kampfsport bin ich zurzeit sehr begeistert. Und ich laufe gern: Von meiner Wohnung sind es nur ein paar Minuten zum Wasser, und an dieser Küste entlanglaufen zu können, ist einfach ein unglaublicher Genuss.

Sie leben in Helsinki. Was können Sie Besuchern besonders empfehlen?

Die Parks in der Stadt sind atemberaubend. Einer beginnt gleich hinter dem Parlamentsgebäude und führt zum See Töölönlahti. Die Restaurantszene in der Stadt ist auch beeindruckend: Zu meinen Lieblingslokalen gehören das »Gaijin«, das ein Freund von mir betreibt, und das »Ventuno«, das sehr gute italienische Küche zubereitet. Aber vielleicht das Beste an Helsinki sind die Leute – ich empfehle jedem, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen, sie sind sehr freundlich. Ein Ort, an dem man die Finnen gut kennenlernen kann, ist die »Kulttuurisauna«. Anders als in manch anderen Saunen gibt es da keinen Alkohol und keine Musik, sondern einfach nur ein vernünftiges Dampfbad. Früher war das Saunieren eher ein Familiending, heute geht es mehr darum, sich mit Freunden und Kollegen zu unterhalten und in Ruhe Zeit miteinander zu verbringen. Noch ein Vorschlag: Gehen Sie mal samstags zu einem Eishockeyspiel! Unsere Halle ist aus den Sechzigern und wird wegen ihrer besonderen Architektur gut in Schuss gehalten, und die Atmosphäre bei den Spielen ist toll – man isst und trinkt, es ist wie eine Party. Als ich jünger war, habe ich viel Eishockey gespielt. In Finnland ist es ein Nationalsport. Auf einem der Spielfelder außerhalb der Stadt habe ich mal unseren Präsidenten gesehen, wie er mit Kindern Eishockey gespielt hat – einfach so, wie alle anderen Leute, nur von einem Bodyguard begleitet. Das ist Finnland!

Eine Sache, die ebenfalls typisch finnisch sein soll, ist das Sommerhaus. Haben Sie auch eins?

Ja, ich habe tatsächlich ein Sommerhaus, und ich verbringe viel Zeit dort: Ich angle, wandere oder grille mit Freunden. Im Winter kann ich dort saunieren und mich gleich danach im kalten Wasser abkühlen. Meine Familie hat zwei Sommerhäuser, eines davon ist so schlicht, dass es kein fließendes Wasser und keinen Strom hat.

Sind Sie handwerklich begabt? Es gibt doch bestimmt ständig etwas zu machen an so einem Häuschen ...

Ich bin in dem Punkt nicht besonders geschickt, im Gegensatz zu meinem Vater – der kann alles, von Wasseranschlüssen bis zu Stromleitungen. Aktuell lerne ich gerade, Löcher in die Wand zu bohren. Einige sehen besser aus als andere, aber hey, irgendwo muss man anfangen!

Das klingt, als sei hier eine innere Haltung am Werk, die im Finnischen als sisu bezeichnet wird: Können Sie uns erklären, was damit gemeint ist – und was der Begriff Ihnen bedeutet?

Sisu heißt so viel wie Selbstbehauptung oder Unbeirrbarkeit: Die braucht jeder, sonst kann man die Widerstände im Leben nicht überwinden. Als ich anfing, Musik zu machen, habe ich 102 Labels besucht, bis ich einen Plattenvertrag bekommen habe. Das war unglaublich frustrierend, aber gleichzeitig habe ich gespürt, dass sich etwas in Bewegung setzte, immer mehr Menschen kamen zu unseren Konzerten – und ich habe den Glauben an unsere Band behalten. Damals habe ich mich zwar gefragt: Wie oft will ich noch bei den Platten Firmen vorsprechen? Aber dann dachte ich, wenn du jetzt auf- gibst, dann war alles umsonst. Also habe ich weitergemacht. Und dann saß ich irgendwann bei »The Voice of Germany« im Sessel, obwohl ich kaum Deutsch konnte, es war völlig verrückt. Aber ich habe es durchgezogen, es erstaunt mich immer noch. All das geht nur mit sisu.

Woher haben Sie diesen starken Durchhaltewillen?

Ich komme aus einer armen Familie, meine Mutter hat mich und meine beiden Geschwister ohne meinen Vater großgezogen – es waren die Achtziger und Finnland war weder ein reiches noch ein cooles Land. Aber ich habe nur ein Leben und wollte etwas daraus machen. Darum habe ich nie aufgegeben. Manche Leute denken vielleicht, ich hätte ständig Privilegien genossen, nur weil ich irgendwann ein Popstar war, aber dieses Bild von mir könnte nicht falscher sein. Ich hatte immer noch so gut wie nichts, als ich mit Sunrise Avenue 2007 bei »Rock am Ring« gespielt habe. Was mich im Leben vorangebracht hat, war harte Arbeit, und zwar von Anfang an.

Sunrise Avenue löst sich auf, im Sommer geht es mit der Band zum letzten Mal auf Tour. Was haben Sie dieses Jahr sonst für Projekte?

Ich schreibe gerade meine Autobiografie, sie wird im Herbst 2020 veröffentlicht und auch ins Deutsche übersetzt. Das Schreiben ist für mich etwas völlig Neues, es ist eine schöne Herausforderung. Ich werde mich in meinem Buch völlig nackt machen und Dinge enthüllen, über die ich noch nie gesprochen habe. Es wird um meinen Erfolg gehen, aber auch um das Scheitern und um Fehler, die ich gemacht habe. Wenn Sie beim Lesen der ersten zehn Seiten nicht einmal »WAS?!« gerufen haben, zahle ich Ihnen Ihr Geld zurück.

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