Kanonenbahn © Peter Hirth
Aktiv

Tour mit Tunnelblick: der Kanonenbahn-Radweg in Thüringen 

Im Thüringer Eichsfeld können Radfahrer die Natur entlang der ehemaligen Kanonenbahn-Strecke genießen. Ein Highlight liegt dabei im Dunkeln: die Passage durch den über 1,5 Kilometer langen Küllstedter Tunnel.

Text Andreas Leicht
Fotos Peter Hirth
Kanonenbahn_Geismar © Peter Hirth

Wir rollen in ein schwarzes Loch. Es ist umrahmt von einem mächtigen Mauerwerk, an dessen Seiten je ein kapitaler Turm in die Höhe ragt. Wie das Portal einer Burg, bei der sich jedoch statt eines eisernen Tores ein scheinbar endloser Schlund öffnet. Schon ein paar Meter vorher lässt der Luftzug uns spüren, wohin der Weg führt: in eine kalte Finsternis.

Acht bis zehn Grad Celsius betragen die Durchschnittstemperaturen im Küllstedter Tunnel, der auf seiner Länge von 1530 Metern fast komplett im Dunkeln verläuft. Denn zwei kleine Kurven an seinem Anfang und seinem Ende verhindern, dass man das Licht am Ende des Tunnels sehen kann. Gut, dass die automatische Notbeleuchtung alsbald anspringt und die paar entgegenkommenden Radfahrer auch ihre Lampen eingeschaltet haben. Und so treten wir getrost etwas fester in die Pedale und reizen den Antrieb unserer Elektrobikes voll aus. Allein schon deshalb, weil es sich an diesem warmen Maitag hier drinnen fast wie im Winter anfühlt.

Die Fahrt durch den Küllstedter Tunnel ist ein ungewöhnliches Erlebnis und für viele die Attraktion auf dem neuen Kanonenbahn-Radweg im Thüringer Eichsfeld. Auch für Uwe Müller, mit dem wir auf Tour sind: »Ich mag es, diese kühle Feuchte zu fühlen und zu riechen, plötzlich vom Hellen ins Dunkle zu kommen«, sagt der 48-Jährige. »Der Tunnel ist ja der längste Radwegetunnel in Deutschland. Er und die vier weiteren, kürzeren Tunnel verleihen der Strecke im Vergleich zu anderen Radrouten ein echtes Alleinstellungsmerkmal.« Müller ist im Naturpark Eichsfeld-Hainich-Werratal, durch den der knapp 32 Kilometer lange Weg zu einem großen Teil führt, für Öffentlichkeitsarbeit und Tourismus zuständig und freut sich über den regen Zuspruch. »Die Route, die im Herbst 2019 offiziell eröffnet wurde, wird richtig gut angenommen.«

Das liegt wohl auch am Namen: Kanonenbahn. Der Begriff entsteht, als nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 zwischen Berlin und Metz eine durchgehende Eisenbahnlinie geplant wird. Die Strategie dahinter: Man will das von Frankreich abgetretene Elsass-Lothringen mit der Reichshauptstadt verbinden, um bei Bedarf binnen kurzer Zeit Truppen und Kriegsmaterial wie Kanonen und Granaten an die Grenze transportieren zu können. Ende der 1870er Jahre beginnen die Bauarbeiten der Verbindungsstrecken. 1880 wird auch das fehlende Schienenstück im Eichsfeld fertiggestellt, an dem entlang heute die Radroute verläuft. Auf dem ehemaligen zweiten Gleis zieht sie sich parallel zur stillgelegten Bahnstrecke von der thüringischen Kleinstadt Dingelstädt bis zum Grenzort Geismar, wo die Schienen enden, und von da noch ein paar Kilometer weiter bis ins hessische Frieda. »Dort trifft der Kanonenbahn-Radweg auf den Werratal-Radweg«, sagt Müller. »Das ermöglicht Radfahrern auch größere Touren und Rundrouten, zumal am Startpunkt in Dingelstädt Anschluss an gleich drei weitere Radwege besteht.«

Küllstedter Tunnel © Peter Hirth
Wo früher Kanonen und Truppen durch den Küllstedter Tunnel ratterten, verläuft heute eine abwechslungsreiche Fahrradstrecke.
Küllstedter Tunnel © Peter Hirth
Licht am Ende des Tunnels: Der Kanonenbahn-Radweg verläuft durch fünf Unterführungen.
Hülfensberg © Peter Hirth
Wiesen und Blumen in Hülle und Fülle: Gleich neben dem Fahrradweg beginnt die Natur.
Kanonenbahn_Lengenfeld_Eisenbahnviadukt © Peter Hirth

Uns reichen die rund dreißig Kanonenbahn-Kilometer völlig aus. Eine perfekte Tagestour, die entspannter kaum sein könnte. Die Strecke ist durchgehend asphaltiert, breit genug, damit man sich nicht mit dem Gegenverkehr ins Gehege kommt, und nahezu ohne Steigung. Die Höhenunterschiede in der hügeligen Gegend hat man mit dem Bau der Zuglinie damals ausgeglichen, sodass wir heute auf dem Bahndamm ganz locker dahinrollen können. Und weil weniger Muskelkraft nötig ist, bleibt mehr Muße für die herrliche Natur um uns herum.

Auch dabei profitieren wir von den militärtaktischen Entscheidungen der damaligen Reichsregierung, die die Strecke weitab von Ballungsräumen anlegen ließ. Vom Start weg begleitet uns eine stille Idylle. Mal fällt der Blick frei und weit ins Land, auf die sanften Höhen des Eichsfelds und in die schmalen Täler der Unstrut, der Lutter und der Frieda. Mal schließt uns dichtes Geäst ein, wachsen einem von links und rechts Büsche und Bäume wild über dem Kopf zusammen, dass man glaubt, durch einen riesigen grünen Laubengang zu fahren.

Wir radeln vorbei an gewaltigen Muschelkalkfelsen und einer Kalktuffquelle, deren Wasser ein Stück weiter einfach im Boden versickert, was man liebevoll Bachschwinde nennt. In einem Mini-Teich kann man Molche sehen, und in den Natursteinmauern, die für die Befestigung der Bahntrsse errichtet wurde, finden Waldeidechen und Blindschleichen ihre Nahrung. 

Das, was jetzt etwas quietschend auf uns zukommt, entstammt allerdings nicht der heimischen Fauna. Es ist eine der Fahrraddraisinen, die hier schon weitaus länger als Touren- und E-Bikes unterwegs sind und die nun mit zwei strampelnden Männern über die Schienen Richtung Küllstedter Tunnel rattert. Der Eichsfelder Kanonenbahnverein hatte 2006 mit dem Draisninenbetrieb auf der Bahnstrecke begonnen und seitdem auch den Bau des Radwegs mit vorangetrieben.

Startpunkt der Draisinen ist der alte Bahnhof in Lengenfeld unterm Stein. Kurz dahinter geht es über das beeindruckende Lengenfelder Viadukt, das sich in fast 25 Meter Höhe rund 240 Meter über die Fachwerkhäuser spannt. Uns Radlern bleibt dieser kleine Kick verwehrt.

Aus Sicherheitsgründen dürfen wir nicht auf die Brücke und müssen kurz vorher den Bahndamm verlassen. Einmal steil runter in den Ort und gleich wieder steil hoch – die Kaffeepause am netten kleinen Draisinenbahnhof haben wir uns damit verdient.

Von Lengenfeld unterm Stein bis zum Ziel in Frieda sind es noch etwas mehr als zehn Kilometer. Die Gegend wird offener, die Augen finden Halt an dem Kirchturm, der sich aus den roten Dächern von Geismar spitzt. In der Ferne drückt sich der bis zu 569 Meter hohe Höhenzug des Gobert aus der Landschaft, links von uns sieht man schon das Kreuz auf dem Hülfensberg, das zwischen den Bäumen fast 20 Meter in den Himmel ragt. Der Ort ist die wohl älteste Wallfahrtsstätte im Eichsfeld. Auf dem 448 Meter hohen Gipfel, den man nur zu Fuß erreichen kann, stehen die im frühgotischen Stil erbaute Erlöserkirche St. Salvator, daneben die Bonifatiuskapelle und ein Kloster, in dem auch heute noch eine kleine Franziskanergemeinschaft lebt. 

Florian Zobel joggt ab und an hier hoch. »Meist schaffe ich den steilen Berg zu den Mönchen in 25 Minuten.« Ganz im Sinne der Ökumene. Der 30-Jährige, ein offener Typ mit einem charmant-spitzbübischen Lächeln, hat vor Kurzem seine erste Stelle als Pfarrer in der evangelischen Kirche im Geismarer Ortsteil Großtöpfer angetreten und schätzt den Austausch mit seinen katholischen Kollegen. Das Gotteshaus im Paradiesweg, vor dem wir ihn zufällig treffen, ist ein besonderes, eine Radwegekirche. Zobels Vorgänger hatte sich sehr dafür eingesetzt, Radfahrern wie uns einen Ort für Begegnungen zu schaffen. Einen Platz, an dem man nicht nur an-, sondern auch innehalten kann. Die Kirche ist immer offen, im Vorraum stehen Wasserflaschen parat und draußen unter dem großen Baum Holzbänke zum Ausruhen. Es gibt Veranstaltungen, Gottesdienste, am Wochenende auch mal Waffeln und Kaffee, und wer eine Toilette braucht, geht einfach durch die offene Tür im gegenüberliegenden Pfarrhaus.

Florian Zobel wird das Erbe seines Vorgängers weiterführen. Ein Radfahrer ist er noch nicht, sagt er, »aber ich gebe mir Mühe, bald einer zu sein«. Damit er nicht nur über Glauben und Gottvertrauen sprechen kann, sondern auch über die neuesten Elektrobikes und die kalte Finsternis im Küllstedter Tunnel.

Marienfigur Lengenfeld © Peter Hirth
Heiliger Platz: kurze Pause an der Marienfigur am Historischen Anger in Lengenfeld unterm Stein.
Fahrradkirche © Peter Hirth
Anhalten und innehalten: Die Radwegekirche in Großtöpfer steht immer offen.
Pfarrer Florian Zobel © Peter Hirth
Der Pfarrer der Radwegekirche in Großtöpfer: Florian Zobel.

Infos Kanonenbahn-Radweg

Radfahren

Der 2019 eröffnete Kanonenbahn-Radweg verläuft größtenteils entlang einer 150 Jahre alten, stillgelegten Bahnstrecke vom thüringischen Dingelstädt ins hessische Frieda. Die rund 32 Kilometer lange Route führt durch fünf Tunnel (zwischen 155 und 1530 Meter lang) und über das 35 Meter hohe Unstrut-Viadukt. Wer in Dingelstädt am Alten Bahnhof startet, genießt ein meist leichtes Gefälle und muss nur 100 Höhenmeter Steigung bewältigen. Erst geht es etwas bergan, danach überwiegend bergab. Die Strecke, an der viele Rastplätze liegen, ist perfekt ins Thüringer Radwegenetz eingebunden. In Dingelstädt knüpft sie an den Unstrutradweg an, der über den Unstrut-Leine- zum Leine-Heide-Radweg führt, sowie an den Unstrut-Hahle-Radweg Richtung Leinefelde-Worbis. In Frieda schließt der Werratal-Radweg an, der einen zum Rennsteig-Radweg bringt. Über weitere Querverbindungen lassen sich dazu größere Rundtouren fahren.

www.kanonenbahn-radweg.info

www.dingelstaedt.de

www.naturpark-ehw.de

www.thueringen-entdecken.de

Einkehren

Wer eine Stärkung braucht, kann sich vor der Einfahrt in den langen Küllstedter Tunnel im »Lindenhof« mit guter deutscher Küche versorgen – ob in der urigen Gaststätte oder draußen unter Bäumen. Er liegt direkt am Radweg und ist Endpunkt der Draisinenfahrten, die im 13 Kilometer entfernten Lengenfeld unterm Stein starten. Dort, im alten Bahnhofsgebäude samt Biergarten, gibt’s einen deftigen Imbiss, Kaffee, immer was Süßes – und natürlich Fahrraddraisinen zum Mieten.

Lindenhof: Tel. 03607564262

www.erlebnis-draisine.de

Über Nacht

Zwei Kilometer vom Start der Radtour in Dingelstädt liegt die »Gaststätte & Pension Steinernes Haus«: zehn Zimmer, deutsche Küche und Biergarten. Über allem schwebt man im nahen Leinefelde auf der Burg Scharfenstein, die auf einem Bergvorsprung thront. Aus den Zimmern schaut man ins Eichsfeld oder bis zum Harz. Das Restaurant »12HUNDERT9« kombiniert kreativ regionale Produkte, die Burgrösterei bietet feinen Kaffee. Aushängeschild ist die »Whiskywelt«, wo der »Nine Springs Single Malt Whisky« bei Tastings und Wanderungen probiert werden kann. Für ein Verwöhnprogramm am Ende der Tour quartiert man sich im »Schloss Wolfsbrunnen« ein, das nahe Frieda majestätisch an einem bewaldeten Hang liegt. Das Haus hält stilvolle Suiten, ein Restaurant mit schöner Terrasse und einen Wellnessbereich bereit.

Steinernes Haus: Tel. 03607562170

www.burghotel-scharfenstein.de

www.wolfsbrunnen.de

Anreise und Leihräder

Wer per Bahn nach Dingelstädt kommen will, fährt am besten ins zehn Kilometer entfernte Leinefelde. Dort kann man bei EIC-Bike gute Räder leihen: Ex-Radprofi Michael Schuchardt findet bestimmt das passende Bike für Sie. Bahnreisende, die am anderen Ende in den Radweg einsteigen wollen, buchen bis Eschwege, von wo aus es über den Werratal-Radweg in 20 Minuten bis nach Frieda geht. Mieträder bietet die neue Bikestation Eschwege am Bahnhof gegenüber.

www.eic-bike.de

www.bike-esw.de

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