Waldbaden im Winter: Dem Alltagsstress entfliehen

Frostiger Boden unter den Füßen, eisig kalte Luft und märchenhaft verschneite Ausblicke: Beim Waldbaden im Winter gilt es, die Umgebung mit allen Sinnen aufzusaugen – und so zur Entspannung zu finden.
Datum04.11.2026

Seit jeher sind ausgiebige Spaziergänge deutsches Kulturgut. Nicht nur an Sonntagen nutzen Menschen hierzulande ihre Zeit, um sich im gemütlichen Tempo durch die Natur zu bewegen. Unter dem Begriff Waldbaden versteht sich seit einigen Jahren eine neue Form des Ausgangs: Gemeint sind ausführliche Touren durch nahe Wälder, die von verschiedenen Achtsamkeitsübungen ergänzt werden. Das Waldbaden soll helfen, dem Stress des Alltags zu entfliehen und gleichzeitig eine neue Verbindung zur Natur aufzubauen.

Auch in der dunklen Jahreszeit wird Waldbaden an zahlreichen Orten Deutschlands angeboten; dann zeigt sich das Erlebnis durch frostige Böden, verschneite Landschaft oder die kühlen Winde nochmals von einer anderen Seite.

Winterliches Waldbaden: Entspannen mit allen Sinnen

Gesa Gerken reibt einen Zweig Douglasie zwischen Zeigefinger und Daumen und hält ihn unter ihre Nase. „Das riecht zitronig“, sagt die 37-Jährige. Sieben Frauen und ein Mann stehen neben ihr im Kreis in einem Wald in Kutenholz im niedersächsischen Landkreis Stade. Auch sie schnuppern an einem Zweig, Waldpädagogin Gerken hat mehrere mitgebracht. Die Gruppe ist an diesem Tag zum winterlichen Waldbaden zusammengekommen. „Der Waldduft ist wohltuend und beruhigend“, sagt Gerken. Ihrer Gruppe gibt sie die Aufgabe, abseits des Weges auch an Baumstämmen, Moos oder Fichtenzapfen zu riechen.

Die Tradition des Waldbadens: Shinrin Yoku

Bei winterlichem Wetter entwickelt der Wald eine besondere Anziehungskraft.

Als „Shinrin Yoku“ wird das Eintauchen in den Wald bereits seit Jahrzehnten in seinem Ursprungsland Japan praktiziert und erforscht. Von Stress geplagte Menschen suchen seit einigen Jahren verstärkt auch in Deutschland ihre Ruhe beim Waldbaden. „Das ist eigentlich nichts anderes als ein langsamer Spaziergang durch den Wald, unterstützt durch Achtsamkeitsübungen“, erklärt Gesa Gerken den Begriff. „Man badet in der gesunden Waldluft.“

Vornehmlich im Sommer wird Waldbaden von ausgebildeten Trainern angeboten. Die Übungen im Wald seien aber auch im Winter sinnvoll, wenn sich die Menschen müde, verstimmt und schlapp fühlten, sagt Gerken: „Das hilft gegen den Blues in der dunklen Jahreszeit.“

„Der Wald tut unserem Körper gut“

Dass Waldbaden förderlich für die mentale Gesundheit ist, sieht auch Birte Schmetjen so, Försterin und Gründerin des Unternehmens Waldwohl, die unter anderem für die Niedersächsischen Landesforsten Trainer fürs Waldbaden ausbildet. „Der Wald tut unserem Körper, unserer Seele und unserem Atemsystem gut“, sagt sie. Durch die begleitenden Achtsamkeits- und Atemübungen werde der Stress nachhaltig reduziert. „Manche brauchen jemanden, der sie anleitet, damit sie sich fallen lassen können“, sagt Schmetjen. Andere gingen ungern allein in den Wald, weil sie Angst hätten, sich zu verlaufen.

Fleur Ot ist eine der Teilnehmerinnen an diesem Tag. Gegen die Kälte hat sie sich mit Stirnband, dicker Jacke und Handschuhen geschützt. Sie habe einen sehr stressigen Job, sagt die 45-Jährige. Die Idee zum Waldbaden sei von ihrem Chef gekommen. „Ich wusste gar nicht, was das ist“, sagt sie. Nun freut sie sich besonders über die Atemübung, bei der die Arme wie beim Bogenschießen bewegt werden. „Bei der eisigen Luft brennt dabei die Nase. Man fühlt sich richtig frisch.“

Waldbaden: Geschäftsmodell oder Geheimtipp?

Gesundheitsinstitutionen wie etwa Krankenkassen äußern sich zurückhaltender. Es sei unbestritten, dass ein Aufenthalt im Wald dem Menschen gut tue, sagt Jörn Hons, Pressesprecher der AOK in Bremen und Bremerhaven. „Aber den gleichen Effekt kann man auch in den Bergen, im Stadtpark oder am Meer erzielen“, sagt er. Und einen Kurs müsse dafür niemand buchen. „Waldbaden ist ein Geschäftsmodell – und nach allem, was man derzeit weiß, nicht gesünder als andere entspannende Aktivitäten in der Natur.“

Und so bezuschusst bisher auch keine gesetzliche Krankenkasse die Kosten fürs Waldbaden – anders als etwa bei Kursen wie Hatha-Yoga, Tai-Chi oder Autogenes Training, deren präventive Wirksamkeit durch Studien bestätigt sei, wie ein Sprecher des Spitzenverbands der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) sagt. 

Derzeit sei auch keine Änderung geplant oder in Aussicht. „Eine Empfehlung des Arztes, sich im Wald zu bewegen oder zur Ruhe zu kommen, also den Alltagsstress hinter sich zu lassen, kann es allerdings sehr wohl geben“, sagt Johannes-Daniel Engelmann von der AOK Niedersachsen. Nur eben nicht „auf Rezept“, wie es sich Waldpädagogin Gesa Gerken wünschen würde.

Zur Ruhe kommen: Wie das beim Waldbaden gelingen kann

Weil viele Teilnehmende direkt ein hohes Tempo vorlegen, beginnt Gerken ihre Kurse gern mit der Übung „Schlendern“. Ganz langsam geht die Gruppe dabei durch den Wald, bleibt immer wieder stehen und lässt die Blicke schweifen. „Schaut euch die Bäume an, die Struktur. Das hat eine Wirkung auf den Körper.“

Teilnehmerin Petra Seba hat das Waldbaden bereits im Sommer mitgemacht, im Winter findet sie es nun genauso entspannend. „Das tut der Seele gut und beruhigt“, sagt sie. Durch die Anleitung nehme sie mehr wahr als bei einem Spaziergang. Besonders gefällt ihr die geleitete Meditation. Teilnehmende stehen dabei mit geschlossenen Augen angelehnt an einem Baumstamm, während Leiterin Gesa Gerken alle dazu auffordert, an besondere Momente im vergangenen Jahr zu denken. „Man geht anders raus aus dem Wald, als man reingekommen ist“, zieht Petra Seba Resümée. Und auch bei Fleur Ot hat das Waldbaden angeschlagen: „Seit zwei Jahren bin ich nicht so entspannt gewesen wie heute.“

Hinweis der Redaktion: Dieser Artikel wurde erstmals am 27. Dezember 2022 über die Deutsche Presse-Agentur veröffentlicht und von Merian erweitert und aktualisiert.