Rathaus, Roland, Dom – Bremens großartige Altstadt

Die Bremer Altstadt ist eine der schönsten Deutschlands. Henning Scherf, Bremens populärer Altbürgermeister (1995-2005), ist ein sehr kundiger Stadtführer – für MERIAN hat er die stolzen Zeugnisse einer reichen Stadtgeschichte in einem Rundgang erläutert.

Rathaus

Bremen Rathaus © Gerald Hänel

Exakt hier haben wir Bremer vor 600 Jahren unser Rathaus gebaut und in den Mittelpunkt der Marktplatzszene gerückt – deutlich abgesetzt vom Dom, dem Sitz des Bremer Bischofs, mit dem die Bürger lange um die Macht konkurrierten. Damit sich die Ratsherren nicht jeden Sonntag im Dom anhören mussten, was sie alles falsch gemacht haben, machten sie die Pfarrkirche „Unser Lieben Frauen“ auf der anderen Seite des Rathauses zu ihrer Ratskirche. Damit ist das Rathaus von zwei wunderschönen Kirchen eingerahmt.

Roland

Roland © Silke Krause

Vor dem Rathaus steht der 5,55 Meter große steinerne Roland. Diese 1404 errichtete Statue symbolisiert die Freiheitstradition der Hansestadt und deren Marktfreiheit. 170 Bremer Mark hat sie seinerzeit gekostet! Eine Krüppelfigur zwischen den Füßen des Rolands gibt Anlass zum Rätseln. Meines Erachtens weist sie auf den Schutz gehandicapter Bürger hin. In vielen Städten gibt es Rolandstatuen, wir verstehen unsere als Zeichen für Selbstständigkeit, die nur Napoleon und Hitler brechen konnten. Es ist den beiden aber nicht gut bekommen, und wir in Bremen sehen niemanden, der sich erneut an der Selbstständigkeit dieses Stadtstaates vergreifen will. Jedenfalls nicht, solange der Roland steht!

Schütting

Schütting © Silke Krause

Gegenüber dem Rathaus steht der Schütting, der Sitz der Bremer Handelskammer. Seit über 550 Jahren werden hier die Wirtschaftsinteressen der Hansestadt vertreten, sorgfältig getrennt vom Rathaus, in dem jahrhundertelang jeweils dieselben Bürger auch für die „res publica“ Verantwortung übernahmen. Das Szenario aus Mittelalter und früher Neuzeit wird ergänzt durch das moderne Haus der Bremischen Bürgerschaft und durch wiederaufgebaute Häuser wie die Raths-Apotheke, das Deutsche Haus, die Sparkasse. Alles versammelt sich um das in den Boden des Marktplatzes eingelassene Hanseatenkreuz. Das ist das Zentrum unserer Stadt, wir nennen es Bremens „Gute Stube“. Hier beginnt jährlich das Musikfest, findet ein kleiner Ableger des fast 1000-jährigen Freimarkts statt, trifft man sich auf dem berühmten Weihnachtsmarkt. Und wenn Bürger und Parteien ihre Meinung öffentlich verkünden wollen, versammeln sie sich auf dem Marktplatz. Keine Bannmeile, keine Absperrungen trennen das offizielle Bremen von den vielen Besuchern – jeden Tag mischt sich hier alles, was wichtig ist. Bremen ist die Stadt der kurzen Wege.

Ratskirche

Ratskirche © Manuela Gangl

Wir verlassen das Rathaus und besuchen die Ratskirche „Unser Lieben Frauen“. Gebaut in schönster hanseatischer Frühgotik, innen fällt zauberhaft leuchtend das Tageslicht durch die von Alfred Manessier gestalteten Fenster. Dort habe ich in den Nachkriegsjahren im Chor Bach, Palestrina, Monteverdi gesungen, und hier klingt, schöner als je zu meiner Zeit, heute der 200 Knaben starke Chor. Die Veitskrypta ist nach der Domkrypta das älteste Gemäuer Bremens. Ihre Wandbemalungen wirken auf mich wie eine Meditationshilfe – mitten in der Stadt helfen sie, zur Ruhe zu kommen. Gegenüber der Ratskirche stehen an der Außenmauer des Rathauses die Bremer Stadtmusikanten, Anziehungspunkt für Jung und Alt. Gleich daneben aber verführt der Eingang zum „Ratskeller“ zu einem Abstecher. Der Weinkeller ist weltberühmt, das Ambiente ebenso, die fröhliche Atmosphäre steckt an. Wer hat nur behauptet, die Bremer seien verschlossen?

Böttcherstraße

Böttcherstraße © Ingrid Krause

Wir gehen über den Marktplatz weiter in die Böttcherstraße. Der erfolgreiche Kaffeehändler Ludwig Roselius hat dort gemeinsam mit Baumeistern wie dem Bildhauer Bernhard Hoetger ein unverwechselbares Ensemble geschaffen. Was wirkt wie eine gewachsene mittelalterliche Gasse, entstand zwischen 1924 und 1931 als Gesamtkunstwerk. Die Nazis erklärten den Straßenzug zur „Verfallskunst“ – obwohl Roselius ein begeisterter Anhänger Hitlers war. Die Kunstgewerbeläden und -werkstätten, die Museen (Paula-Modersohn-Becker-Museum) und die Gastronomie („Ständige Vertretung“) in der engen und lärmgeschützten Böttcherstraße sind alle fußläufig miteinander verwoben.

Schnoor

Bremen Schoor © Gerald Hänel

Die Gasse ist zugleich der direkte Weg zu Weser und Schlachte, der Promenade am Wasser. Museumsschiffe liegen hier am Ufer, und es hat sich eine Open-Air-Gastronomie breitgemacht, die an warmen Tagen Tausende anzieht. Wer noch nicht müde ist, sollte stromaufwärts zum Schnoor gehen, unserem ältesten Stadtviertel. Von den Bomben verschont, hat sich dort das alte Bremen erhalten: Die Giebelhäuser stehen eng aneinander. Die winzigen Gärten zeigen, wie bescheiden Menschen sich früher innerhalb der Stadtmauern einrichten mussten. Heute findet man hier erlesenen Goldschmuck, Souvenirs und jede Art von Gastronomie. Mitten im Schnoor haben wir seit wenigen Jahren wieder ein lebendiges Kloster: den Schwesternkonvent der Birgitten. Die Nonnen sind sehr gastfreundlich und laden in ihre Kapelle ein. Das ganze Anwesen liegt direkt neben der 1938 von den Nazis zerstörten Synagoge und hinter dem Fachbereich Musik der Hochschule für Künste, die mit ihren hundertjährigen Mauern das Viertel schützt.

Wallanlagen

Bremen Kunsthalle © Ingrid Krause

Wer jetzt eine Pause vom Pflastertreten braucht, kann sich in den Wallanlagen entspannen. Der Park entstand vor 200 Jahren aus dem alten Festungsring, sein Grundriss ist noch sichtbar – das romantische Gartengrün umschließt heute wie ein Rahmen das historische Zentrum und trennt es von der ständig wachsenden Stadt. Nur ein paar Schritte weiter, jenseits der Wallanlagen, beginnt schon die Kunstmeile mit Kunsthalle, Theater, Stadtbibliothek und weiteren Attraktionen. Sie ist zugleich der Beginn des Ostertorviertels. Früher bekannt als Milieu der Hausbesetzer, ist es heute ein buntes, friedliches Dorf in der Großstadt, das Lust macht auf mehr. Entdecken Sie es, und nehmen Sie sich Zeit für Bremen!

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