Cooler Chiemgau: Bayerns Bilderbuchregion wird zum angesagten Reiseziel

Der Chiemgau kann Bilderbuchbayern. Doch hinter der vertrauten Kulisse aus Kirchtürmen, Bergen und Biergärten entsteht gerade etwas Neues: Junge Gastgeber und Köche verbinden Tradition mit Design, Nachhaltigkeit und kulinarischem Anspruch – und machen die Region plötzlich erstaunlich zeitgemäß. 
Text Martina Wimmer
Datum16.05.2026

Die Schönheit ihrer Heimat ist für unsere Autorin immer wieder kaum zu fassen. Und neuerdings staunt sie noch mehr, weil im Chiemgau viele Hoteliers und Köche ganz neue Akzente setzen...

Der Chiemgau zwischen Rüschenromantik und Aufbruchstimmung

Das Wasser des Chiemsees ist so sauber, dass es Trinkwasserqualität hat, seine Ufer sind in weiten Teilen naturbelassen.

Die Straße von Frasdorf nach Hittenkirchen führt über eine Anhöhe mit einer Kapelle für gefallene Soldaten und einem Parkplatz. In meiner Familie heißt der Ort seit jeher „der schöne Blick“. Wer dort Pause macht und die Augen wandern lässt, sieht die Anmut des Landstrichs, um den es hier gehen soll, wie auf Gottes Silbertablett serviert. Leicht abfallende Felder, sattgrüne Bäume, ein spitzer Kirchturm, der sich über die roten Ziegeldächer der Bauernhäuser erhebt. Weiter unten, wie ein seidig blauer Teppich, der Chiemsee, das bayerische Meer, fast in seiner ganzen Größe. Gesprenkelt mit weißen Dreiecken, ein jedes bedeutet Seglerglück. Nach rechts schweifend falten sich ehrfurchtheischend die Berge auf. Hochplatte, Gedererwand, Kampenwand, Scheibenwand. 

Selbst oder gerade als ehemals Einheimische bleibt mir dort oben bisweilen der Atem weg. Das geht übrigens auch denen so, die immer noch im Chiemgau leben. Sie pilgern zum Sonnenauf- oder -untergang dort hinauf, die Jugend zum Kiffen, die meisten zum Knipsen, das Netz quillt über von Fotos dieser Aussicht. Als müssten sich alle immer wieder vergewissern, dass es so etwas wirklich gibt. Dieses Bilderbuchbayern, pittoresk, traditionsverhaftet, sich seiner selbst so gewiss, dass es die Farben des weiß-blauen Himmels für sich gepachtet hat. Darauf erst mal eine Maß Bier und zünftige Blasmusik dazu. So weit, so bekannt, ein jahrhundertealtes Klischee.

Jede Reise in meine Heimatregion, die Gegend zwischen Chiemsee und Voralpen, war, seit ich sie verlassen habe, begleitet von gemischten Gefühlen. Wohl, weil ich besser verstehe als mancher Großstädter, warum es dort Trachtenvereine gibt, ich aber trotzdem niemals einem beigetreten wäre. Weil ich die Landschaft liebe wie wahnsinnig und mich die Engstirnigkeit, die dort bisweilen herrscht, manchmal verrückt macht. Weil ich auf die Frage nach meinem Lieblingsgericht immer spontan trompeten werde: „Schweinebraten mit Knödeln“ – aber nur, weil ich den nur selten esse. Diese Reise in meine Heimatregion folgt anderen Spuren, Entwicklungen, die wie ein frischer Ostwind über den See und sein Umland wehen, die der leicht zu belächelnden Rüschenromantik ein anderes Selbstverständnis entgegensetzen.

Neue Hotels im Chiemgau: Bodenständiger Luxus und regionale Identität

Gut, wenn sich mal ein bisschen was Anderes tut: Familie Heinrichsberger hat in Aschau mit den Agrad Chalets einen Ort geschaffen, wie ihn die Gegend noch nicht gesehen hat.

An der Straße, auf der man von Bernau am Chiemsee in mein Heimatdorf Aschau im Chiemgau fährt, sind kurz vor dem Ortseingang ein paar Holzhäuser aus dem Boden gewachsen. Hell, fast leuchtend, schlicht in der Formgebung, ein Feriendorf, wie es die Gegend noch nicht gesehen hat. Soeben hat es in der Kategorie Architektur den German Design Award gewonnen. In der Begründung der Jury heißt es: „Mit einer eindrucksvollen Verbindung aus regionaler Identität und nachhaltiger Architektur schafft Agrad Chalets einen Rückzugsort, der sich harmonisch in die Landschaft einfügt.“ 

Früher war dort ein Campingplatz und vor sehr langer Zeit das Café am Moor. Später dann: ein paar vermoderte Wohnwagen, ein altes Haus und ein Stück Land, für das die in die Jahre gekommenen Besitzer Käufer suchten. Carolin Heinrichsberger lacht herzlich, dann sagt sie: „Mein Mann ist halt sehr schnell zu begeistern.“ Begeistert sind jetzt vor allem die Gäste, die, wie Werner Heinrichsberger amüsiert berichtet, bei der Abreise bisweilen sagen: „Wir müssen bald wieder kommen, wir haben zu wenig von der Gegend gesehen.“ Lieber bleiben sie in ihren Chalets, mit privater Sauna und dem üppigen Frühstück, das bis an die schallschutzsicheren Türen geliefert wird. Oder sie genießen die Ruhe am beheizten Pool, um den sich die Luxushütten gruppieren. Vielleicht bleiben sie auch lieber drinnen, weil das Innenleben der Unterkünfte mit viel Holz und warmen Farben so lässig und unaufdringlich heimelig ist, wie es zeitgemäße Interior-Magazine weltweit empfehlen. Und das alles mit Blick auf ein Dorfidyll aus Kirche, Berg und Burg. „Das hier trifft unseren eigenen Geschmack.“ Und der trifft sich ganz selbstverständlich mit der Trachtenkleidung, die die beiden für das Foto auf ihrer Website tragen.

Restaurants im Chiemgau: Fine Dining auf der Berghütte

Credo des Küchenteams der Stubn: „Im Rhythmus der Natur. Im Chiemgau daheim“

Die Heinrichsbergers sind Einheimische, Teil einer rastlosen Gastronomenfamilie, betreiben Gasthöfe, Festzelte, das urbayrische Vollprogramm. Geplant haben sie mit einem Architekturbüro aus Trostberg, gebaut haben Betriebe aus dem Dorf. Dessen Bewohner, erzählen sie, seien in kaum zu bewältigender Zahl erschienen, um beim Tag der offenen Tür zu bestaunen, was man aus heimischem Holz so alles machen kann. Ohne die Umgebung, die Bodenhaftung funktioniert hier nichts, das wissen alle. „Aber es ist gut, wenn sich mal ein bisschen was Anderes tut.“ 

Deswegen schicken Carolin und Werner Heinrichsberger ihre Gäste zum Wandern gerne in die Stubn, wo ein weiterer Ortsansässiger die Berghütte neu definiert. Der Aufstieg bleibt ein altgewohnt schönes Erlebnis. Eine Forststraße führt durch lichte Nadelwälder an einem wohlig gurgelnden Bach entlang, Vögel begleiten den Weg mit Durchhalteparolen, sonst ist mit etwas Glück außer dem eigenen Atem nichts zu hören. Und wenn das Sonnenlicht in einem Strahlenkranz durch die Äste bricht, will man gerne glauben, dass der Himmel im Chiemgau blauer ist als anderswo. Dort, wo der Weg in einer letzten Biegung auf 950 Höhenmetern auf die Frasdorfer Hütte zuläuft, schieben sich die markanten Felsen der Kampenwand ins Bild. 

Man könnte, einem spontanen Rausch folgend, weiter bergauf gehen, bis zur Hofalm, von dort aus zum Laubenstein, zur Hochries oder zur Klausen, weil der glückselige Abstand, den eine Bergwanderung zum Rest der Welt verschafft, eigentlich nie groß genug sein kann. Doch in der Stubn in der Frasdorfer Hütte wartet ein viergängiges Mittagsmenü. Bittersalate/Hokkaido/Räuchertopfen, Steckrübe/Buchweizen/Liebstöckel, Priental-Hirsch/Topinambur/Endivie, Buchteln/Bratapfel/Rahm. Dazu, Geheimtipp des Sommeliers, ein kleines Glas slowakischer „Geht-immer-Rosé“ und das Credo der Küchenmannschaft auf der Speisekarte: „Im Rhythmus der Natur. Im Chiemgau daheim.“ Das heißt: Verarbeitet werden saisonale und regionale Produkte aus eigenem Anbau oder von nachhaltig wirtschaftenden Erzeugern. Das war auf Almen selten anders, aber in der Ausfertigung weniger elaboriert und nicht unbedingt von jungen Männern mit Tattoos serviert.

„Ohne die Umgebung, die Bodenhaftung funktioniert hier nichts, das wissen alle.”

Den kulinarischen Anspruch in luftige Höhen getrieben hat Ludwig von Cramer-Klett. Dessen Großvater wurde noch zu meiner Kindheit ehrfürchtig schlicht „der Baron“ genannt und fuhr bei Trachtenumzügen ganz vorne auf dem Wagen mit. Den Cramer-Kletts gehören Ländereien, Wälder, Almen im Priental. Vor ein paar Jahren trat Ludwig, heute 48 Jahre, das Familienerbe an, vorher hatte er in Berlin im Restaurant Katz Orange mit einem Farm-to-Table-Konzept bereits Maßstäbe gesetzt. Das Beste aus zwei Welten. Nach so einem Mahl läuft es sich doppelt beschwingt wieder bergab, zumal mit einem starken Kaffee im Blut, natürlich von Wiggerl 17, hippe Rösterei aus Traunstein, der charmanten Kreisstadt jenseits des Chiemsees. 

Junges Design trifft auf altes Handwerk

Bewährtes erhalten und neu interpretieren, so beschreibt Manuela Hollerbach ihr „Dørfkind“-Geschirr.

Würde man denselben in einem großzügigen Schlenker nördlich umfahren, könnte man auf halbem Weg hängen bleiben in Höslwang, bei Manuela Hollerbach alias Dørfkind. Sie ist verantwortlich für den handgetöpferten Becher mit steingrauem Farbverlauf, aus dem in der Stubn der letzte Energieschub kam. Die Lage ihrer Werkstatt macht ein bisschen neidisch, was ließe sich wohl erdichten auf dem lieblichen Hügel, gegenüber einer Wirtschaft, die die gute Aussicht schon im Namen trägt? Der Kirchturm diesmal zwiebelig, der Chiemsee dunstig in der Ferne, dahinter das Bergpanorama als blau schattierter Scherenschnitt. 

Manuela Hollerbach war im Vorstand der Initiative zur Dorferneuerung, als über die Nutzung des ehemaligen Klosterstalls im Ort beraten wurde. Und hat ihr eigenes Handwerk als belebende Maßnahme vorgeschlagen. Dabei war sie nach der Töpferinnenlehre, die sie als junge Frau im Nachbarort absolviert hat, per Studium Produktdesignerin geworden und hatte lange Zeit keinen Klumpen Ton in der Hand gehabt. Unter einer schwarzen Beanie strahlt nun ein sehr glückliches Gesicht, wenn die 55-Jährige von ihrer späten Berufung erzählt. Das Material, die Erdung und wie sie mit ihrem Mann die Räume von Plastikpalmen und alten Fahrrädern, von jahrelang abgestelltem Dorfgerümpel befreien musste, bevor sie ihr schlicht-elegantes Geschirr hier fertigen konnte. 

Manche würden nicht verstehen, dass sie die Wände nie ordentlich verputzt hat und ein paar Fundstücke von damals gleich in die Einrichtung integrierte. „Aber das ist eben genau mein Motto, auch in der Arbeit: Bewährtes erhalten und neu interpretieren.“ Keramik hat im Chiemgau eine Tradition, auf der Fraueninsel mitten im Chiemsee sind die kleinen Töpferwerkstätten neben Kloster, Kirche und Fischerei sorgfältig gehegtes Kulturgut. Ihre touristenfreundliche Ware ist weitgehend hochglänzend, bunt und mit hübschen Schnörkeln und Blumen verziert. 

Bei Dørfkind bleibt das Spektrum den Farben der Natur verbunden, Hollerbach lässt den allzu barocken Schwung in der Formgebung weg und beliefert mit ihrer Handwerkskunst gehobene Gastronomie weit über den Chiemgau hinaus. Die Stubn war ihr erster großer Kunde, es kommt ihr entgegen, dass ihre Heimat sich seit einiger Zeit ein bisschen weltläufiger und gleichzeitig erdverbundener zeigt. „Man achtet wieder darauf, woraus ein Gericht gekocht wird, und auf das Regionale“, es steckt in vielem eine neue Sorgfalt und Energie. Und das hat sich irgendwann auch auf die Teller ausgeweitet.

Ungezwungene Sternerestaurants und Luxushotels, die wie Scheunen aussehen

Pilzsammler und Haute-Cuisine Koch Dominik Wachter hat einen Michelin-Stern und einen eigenwilligen Gastraum.

Bei den Tellern und dem, was darauf kunstvoll arrangiert ist, können einem schon mal die Augen übergehen. Im Chiemgau funkeln die Sterne, und es werden immer mehr, einen davon hat Dominik Wachter seit drei Jahren. Er arbeitet mit einem in der Haute Cuisine eher ungewöhnlichen Lebenslauf. Geboren in Rimsting am Chiemsee, in die Lehre gegangen in Prien am Chiemsee, bei Thomas Mühlberger, der 23 Jahre lang dieselbe Auszeichnung hielt. In Mühlbergers ehemaliger Kochschule eröffnete Dominik Wachter nach dessen Rückzug 2022 ein eigenes kleines Restaurant, das in schöner Schlichtheit hauptsächlich aus einem großen, ovalen Tresen besteht. Nur ein halbes Jahr nach der Eröffnung hatte die Wachter Foodbar schon seinen Stern. 

Pilze sammeln in heimischen Wäldern hat ihn immer schon mehr interessiert als Wanderjahre zu internationalen Berühmtheiten. Er wollte nie weg, sagt: „Mir ging es ums hohe Handwerk und die beste Qualität. Beides gibt es hier.“ Mit einem Team von insgesamt vier Leuten versorgt er 22 Gäste, in der Küche sind sie nur zu zweit. Es gibt in seinem Herbstmenü Kreationen, die wie ein Muschelfund gebettet auf Kieseln liegen oder wie seltene Waldgewächse aussehen, obwohl sie maßgeblich aus Roter Bete, Blumenkohl oder Rehrücken bestehen. Das Dessert ist von hauchdünnem Herbstlaub aus Karamell bedeckt, eine Praline hat sich als Pilz verkleidet und sitzt auf einem Stück Baumrinde. Wachter fehlt auf sympathische Art die Großspurigkeit mancher Kollegen, seine Gäste sind ebenso unprätentiös, aber voll bei der Sache. Genauso habe er sich das vorgestellt, dass die Leute in ungezwungener Atmosphäre einen schönen Abend haben. Und sich an ein Essen auf höchstem Niveau heranwagen, weil er ihnen die Schwellenangst nimmt. Es sei hier im Chiemgau außerdem alles ein bisschen überschaubarer, meint er. 

Die Wege mögen länger sein als in Gastrometropolen, aber der Austausch mit den Kollegen ist sehr lebendig. Etwa mit Michael Schlaifer aus Leitenberg, dem Wirtssohn, der aus der Schnitzelfabrik seiner Eltern das ebenfalls sternegekrönte Restaurant Michaels Leitenberg gemacht hat. Und das mehr oder weniger autodidaktisch, nach einer Lehre im heimischen Betrieb. Oder gar mit Edip Sigl, Drei-Sterne-Koch im Golfresort Das Achental. Selbst dort, wo die hohe Gastronomie im Chiemgau mit der 2021 verstorbenen Kochlegende Heinz Winkler in der Residenz zu Aschau ihren Anfang nahm und auch Sigl, wie viele Sterneköche, einst Station gemacht hat, zeigt man sich offener. Winklers Sohn Alexander hat dort zusätzlich zum Gourmetlokal eine Brasserie eröffnet und freut sich über jeden Zuwachs in der Oberliga.

Mit traditioneller Chiemgaufischerei in die Zukunft

Fischwirt Martin Schönleitner führt mit seiner Frau Verena Stephan das über 400 Jahre alte Familienunternehmen Chiemseefischerei Stephan fort.

Verena Stephan wiederum kennt fast alle, die von regionalen Rohstoffen schwärmen. Weil diese sehr lebendig Teil ihres und des Lebens ihrer Familie sind, zurück bis ins Jahr 1612. Sie ist 39, Berufsfischerin, aber seit sie zwei Kinder hat, fährt sie nicht mehr frühmorgens hinaus auf den Chiemsee, um den Fang einzuholen. „Man stellt sich das immer sehr romantisch vor. Aber es ist harte Arbeit. Es ist kalt da draußen. Und es kann sehr stürmisch sein.“ Wer den See kennt, weiß, dass die Postkartenidylle sich binnen Minuten zu düsteren Wellenbergen auftürmen kann. 

Ihr Mann Martin Schönleitner, der gelernter Fischwirt ist wie sie, muss wenigstens nicht mehr um 5 Uhr morgens starten wie noch ihre Eltern, dank eines besseren Kühlraums. Die Chiemseefischerei Stephan beliefert Restaurants, verkauft Renke, Hecht und Zander im Laden in Prien, ist aber bei den Eingeweihten vor allem wegen der Backfischtage bekannt. Damit hatte Verenas Mutter angefangen, immer freitags, frisch aus dem See in die Pfanne. Aus dem kleinen Biergarten-Nebengeschäft im Innenhof ist unter der Ägide der Tochter ein sehr charmantes Mittagsbistro geworden, im Obergeschoss des Ladens reicht sie nun auch Bayrische Bouillabaisse oder feines Zanderfilet mit Rosmarinkartoffeln. Den Backfisch gibt es natürlich immer noch, auch weil einige der 28 Fischarten aus dem Chiemsee viele Gräten haben und anders nicht gut verkäuflich sind. 

Von lässig bis Luxus: Der Chiemgau kann beides

Von Stararchitekt Matteo Thun entworfen: Das Chiemgauhof Lakeside Retreat hat ein bisschen was von einer ungewöhnlich eleganten Scheune.

Der Chiemsee ist für mich, die temporär heimkehrende Großstadtgeplagte, der ungeschlagene Ruhepol. Es sind dort im Freizeitbereich nur Segler und Elektroboote erlaubt, sie teilen sich mit den Dampfern, die zu den Inseln fahren, 79,9 Quadratkilometer Wasserfläche. Eine Weite ist das, auf der man dem Lärm der Menschen noch besser aus dem Weg gehen kann als an sonnigen Tagen auf dem Berg. Wäre ich keine erblich vorbelastete Windsbraut, ich würde öfter meinen schönsten Bikini anziehen und die Beine hochlegen auf den knallroten Kunstlederpolstern der Mietboote, die mit Strom nur sehr langsam fahren und den See oft so wirken lassen, als wäre auf ihm die Zeit stehen geblieben, irgendwo in den 1950er-Jahren. Aber die Zeiten ändern sich und die Wunschträume vielleicht auch. 

Am Südufer bei Übersee, wo sich an glücklichen Tagen ein Sonnenuntergang sehen lässt, der hawaiianische Qualitäten hat, fließt neuerdings Champagner dazu. Ein altes Hotel ist dem Chiemgauhof Lakeside Retreat gewichen, Stararchitekt Matteo Thun hat seine ganze Kunstfertigkeit ausgespielt und einen lichten Holzbau ans Ufer gesetzt, der aussieht wie eine riesige Scheune. Zur Straßenseite. Zum See öffnen sich Glasfronten, wer es sich leisten will, kann den See vom Bett aus im Dunkeln versinken sehen. Oder auch aus der Badewanne. Alle anderen ziehen sich ein bisschen chic an und setzen sich in die Hotelbar oder auf die Terrasse. Das ist ausdrücklich erwünscht, nicht nur erlaubt, damit die Gäste der 28 Suiten des großzügigen und auch großartigen neuen Spielorts nicht ganz alleine Leben in die Bude bringen müssen. 

Die tolle Aussicht, die jetzt so exklusiv zu haben ist, kennt hier ohnehin jeder. Gleich nebenan ist die Beach Bar, da gibt es seit jeher fast ganzjährig Bier, Pommes und Reggae-Musik. Und am Ende ist es der allergrößte Luxus, zwischen zwei Welten die Qual der Wahl zu haben.