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Natur

Con Dao: Vietnams verstecktes Inselparadies

Con Dao ist eine von Vietnams letzten unberührten Oasen und sprüht vor Schönheit. Das isolierte Archipel wird gerade erst von Reisenden entdeckt und erholt sich so von seiner Vergangenheit als gefürchtete Gefängnisinsel.

Datum 06.12.2023

Kaum fällt die Tür ins Schloss, kommen die kalten Schauer. In der Dunkelheit ist die eigene Hand nicht auszumachen. Aus der bedrohlichen Stille kriechen einem sofort die Gerüche entgegen: Es riecht nach nassem Zement, Schimmel und Angst. Lange halten es Besucher:innen des Trai-Phu-Son-Gefängnisses von Con Dao in der engen Isolierzelle nicht aus, ohne mit einem Anflug von Panik laut den Namen des Tour-Guide zu rufen. Kaum vorstellbar, dass Gefangene hier Stunden, Tage, oft Monate in grausamer Abgeschiedenheit verbringen mussten.

Dabei war die Isolierzelle noch eine der harmloseren Quälkammern der berühmtberüchtigten Gefängnisinsel Con Dao. Am meisten gefürchtet wurden die „Tiger Cages“, Käfige, in denen die Häftlinge eingepfercht ausharrten und oft verhungerten. 

113 Jahre lang werden auf der verwunschen schönen Inselgruppe Tausende von Vietnames:innen misshandelt - erst von den französischen Kolonialmächten, später vom amerikanischen und südvietnamesischen Militär. Heute, Jahre nach der Auflösung der Gefängnisse und der Wiedervereinigung Vietnams, kämpft das isolierte 16-Insel-Archipel immer noch mit den Schrecken der dunklen Vergangenheit, für einen Neubeginn und gleichzeitig gegen das Vergessen.

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Wo liegt Con Dao?

© iStock/Khoa Nguyen
Boote vor der Küste von Con Dao

Der Archipel befindet sich im Süden von Vietnam im Südchinesischen Meer. 16 Eilande formen die hübsche Inselgruppe; die Hauptinsel und zugleich die bekannteste ist Con Son.

Die Anreise ist kein Abenteuertrip mehr wie noch vor ein paar Jahren, als lediglich die anstrengende Nachtfähre von Vung Tau zur Verfügung stand. Heute bietet VASCO Airlines tägliche Flüge an, mit denen man in 45 Minuten von Ho-Chi-Minh-Stadt in eine andere Welt fliegt. 

Con Dao: Unterschätztes Reiseziel in Vietnam

Con Dao, Blick auf den Hafen von Ben Dam © iStock/Khoa Nguyen
Reisende finden auf der Inselgruppe Con Dao eine Abgeschiedenheit und Ruhe, wie sie sonst in Vietnam nicht mehr möglich ist.

Nach seinem langen Leben als „Insel des Teufels“ wird Con Dao seit einigen Jahren als Urlaubsparadies neu entdeckt. Immer mehr Urlauber:innen finden hier die Abgeschiedenheit und Ruhe, die den meisten Inseln Südostasiens abhanden gekommen ist. Seit der Eröffnung des Luxus-Öko-Resorts „Six Senses“ blüht der perfekten Mischung aus Stränden und Wäldern nun die Ankunft eines neuen Klientels. 

Die nur knapp 5.000 Bewohner:innen der Inselgruppe Con Dao scheint das kaum in Aufregung zu versetzen. Noch werden Besucher:innen zwar neugierig begutachtet, das Leben nimmt aber in gewohnt langsamer Inselmanier seinen Lauf. De dunkle Vergangenheit ist ein Teil davon – wer auf Con Dao Urlaub macht, wird den Schrecken der Vergangenheit kaum entgehen können.

Kolonialisierung und Krieg: Die Vergangenheit von Con Dao

Gefängnis auf Con Dao, Vietnam © IMAGO/UIG
Dieses Gefängnis auf Con Dao erinnert an die schmerzliche Vergangenheit des Archipels.

Schon allein ein Gang um die kleine Hauptinsel Con Son katapultiert jede:n zurück in jene Zeiten, in denen die Bevölkerung ausschließlich aus Gefangenen und Militär bestand. Am Hafendamm beispielsweise weist ein Schild darauf hin, dass 914 Zwangsarbeitende sich bei dessen Bau zu Tode schufteten. Der Friedhof ist Mahnmal und patriotistische Gedenkstätte gleichzeitig, hier werden die Opfer zu Held:innen und ihr Sterben für Vaterland und Ho Chi Minh mit Fahnen, Blumen und Inschriften bedacht.

Getötet wurden auf Con Dao Tausende, am schlimmsten waren aber die langen Foltermethoden, deren gruseliges Ausmaß erst nach der vietnamesischen Wiedervereinigung 1975 ans Tageslicht kam. Eben jene Abgeschiedenheit, die Einblick und Kontrolle von außen unmöglich macht, lässt die Inselgruppe bereits für die französischen Kolonialmächte zur perfekten Gefängnislage werden. 1861 entsteht das erste Gefängnis für politische Gegenläufer:innen. Nach dem Sieg der Viet Minh über französischen Truppen 1954 übernimmt das amerikanische Militär die Insel, führt die Gefängnisse weiter und macht von einer der brutalsten Foltermethoden des Vietnamkrieges Gebrauch, den Tiger Cages.

„Als ich diese Käfige nach der Wiedervereinigung zum ersten Mal sah, habe ich geweint“, erinnert sich Cuc Kim Tran, deren Vater als Ho Chi Minh-Anhänger Schreckliches über sich ergehen lassen musste und trotzdem nach der Befreiung auf der verwunschenen Insel blieb. Seine Familie zog aus dem damaligen Saigon nach; bis zu seinem Tod vor drei Jahren sprach er kein einziges Mal mit seiner Tochter über das, was er hinter den Gefängnismauern aushalten musste. Keiner der noch lebenden ehemaligen Inhaftierten von damals tut das gern. Die schmerzhafte Geschichte wird ertragen, mit stoischem Gesicht und einer wegwerfenden Handbewegung, die wohl besagen soll „das ist vorbei, wer sich dafür interessiert, soll ins Museum gehen.“

Con-Dao-Inseln: Vom Backpack-Trip zum Luxus-Urlaub

Fischerboot am Strand von Con Dao, Vietnam © IMAGO/Panthermedia
Die Con-Dao-Inseln verwandeln sich immer mehr vom Backpacker-Ziel zur Luxusdestination.

Jenes Museum befindet sich in der ehemaligen Residenz des früheren französischen Gouverneurs und blickt über die idyllische Bucht, in der das Wasser grün-blau schimmert. Die vier Zimmer erzählen mit Fotografien, Illustrationen und Dokumenten die Geschichte der Insel und vor allem der zweite Raum macht als „Hell on Earth“ seinem Namen alle Ehre. Folterwerkzeuge und detaillierte Aufnahmen der Grausamkeiten lassen kurz vergessen, dass vor der Tür der perfekte Sandstrand zur Erholung wartet.

„Unsere Gäste sind interessiert an der Gesichte der Insel und wissen, dass sie sich bei einem Besuch des Museums oder der Gefängnisse auf emotionale Momente gefasst machen müssen“, erklärt Susann Noonan, General Managerin des „Six Senses"-Resorts. 

Die Eröffnung des noblen Hotels hat auf der verschlafenen Insel eine neue Ära eingeläutet. Nun sind es nicht mehr nur vereinzelte Backpacker:innen, die über sechs Ecken vom versteckten Paradies gut 200 Kilometer von Ho-Chi-Minh-Stadt entfernt gehört haben.

Naturschutz und ökologisches Gleichgewicht

Makaken-Affe auf Con Dao © IMAGO/Panthermedia
Die Erhaltung der natürlichen Ressourcen sowie Artenvielfalt ist neben dem Ankurbeln des Tourismus ein wichtiger Aspekt auf Con Dao.

Auf Con Dao passiert alles ein paar Spuren langsamer. An der Uferpromenade wird nach dem Sonnenuntergang in Kaugummi-Pink der Feierabend eingeläutet, was bedeutet, dass Einheimische ihr Bia Saigon auf Plastikhockern oder kleinen Holzbänken trinken und die Jugend Fußball spielt. Restaurants und Cafés wie das „Con Son Cafe“ sind immer noch spärlich gesät und schließen früh.

Das alles kann sich in den nächsten Jahren verändern, wenn Con Dao den ambitionierten Vorstellungen der Landesregierung gerecht wird und der Tourismus explodiert. Seine vielseitige Natur soll die Insel deshalb nicht einbüßen, darum kümmern sich seit Jahren die Organisation WWF und das United Nations Development Program. Dazu wurde dem Naturschutzgebiet Con Dao mit seinen brillanten Korallenriffs, tiefen Wäldern und berauschenden Klippen eine Finanzspritze von 16,5 Millionen Dollar zugesprochen, die in die Erhaltung der Ressourcen und den Öko-Tourismus gesteckt werden soll.

Die neuen Insel-Hotels mit Blick auf Pulversand und Azurwasser sind ein krasser Kontrast zum schlichten Leben gleich um die Ecke und erst recht zur klaustrophobischen Vergangenheit des Archipels. Das „Six Senses“-Resort ist sich dessen sehr bewusst. „Der Charakter dieser Insel liegt in der Geschichte, auch wenn sie dunkel und traumatisch ist“, sagt Susan Noonan. Zwar kann man die in der weitläufigen Anlage schnell vergessen, doch ein kurzer Gang ins Dorf genügt, um die Vergangenheit wieder aufleben zu lassen.

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