last-school-auroville-indien
Städtereisen

Auroville: Himmel hinter Stacheldraht

Wie sieht es aus in Auroville? Das wollte Autor Tibor Bozi wissen und fuhr für einen Tag in den Südosten Indiens, um das legendäre Projekt einer universellen Stadt zu erleben. In den Ashram ließ man ihn allerdings nicht.

Text Tibor Bozi

Von rechts strömen Auspuffgase eines Schulbusses in die Rikscha, links schießt plötzlich ein riesenhafter Personenwagen der Marke Ambassador direkt auf uns zu – und wie durch ein Wunder verfehlt uns das Monstrum mit wildem Hupen. Unser Fahrer steigt urplötzlich in die Eisen, ein Linienbus hat einfach mal so angehalten. In aller Seelenruhe steigen Leute ein und aus. Jetzt hupen alle, aber alle bleiben auch stehen, und als der Bus anfährt, zieht auch die hupende Blechkarawane weiter. Zwei Kilometer in diesem Chaos dauern ein halbe Stunde. Wir biegen auf die Landstraße ab, die von der Stadt wegführt. Schlaglöcher, davon gibt es reichlich auf den nächsten vier Kilometern. Und frontal aufeinander zufahrende Laster, es gewinnt wer nicht ausweicht.

Endlich verlassen wir den Wahnsinn, fahren über eine Straße aus rotfarbener Erde durch ein Waldgebiet und erreichen die Gegenwelt zu dieser tamilischen Verkehrshölle: den Sri Aurobindo Ashram, auch als Auroville bekannt. 1926 wurde der Ashram vom Inder Sri Aurobindo und von der Französin Mira Alfassa, hier ehrfürchtig nur "die Mutter" genannt, gegründet. Während Aurobindo sich später zurückzog, um sich intensiver seiner Lehre des Integralen Yoga zuzuwenden, übernahm die machtbewusste Alfassa die Leitung der internationalen Lebensgemeinschaft.

Aus dem Ashram wurde Auroville, das Projekt einer universellen Stadt, in der Menschen aller Nationen, Rassen, Religionen und jeglichen Alters friedlich zusammenleben. An der offiziellen Eröffnungszeremonie 1968 der "Stadt der Morgenröte" nahmen Vertreter von 126 Nationen teil, heute sind in Auroville gerade mal noch 36 davon vertreten. Die geplante 50 Hektar fassende Modellsiedlung sollte 50000 Menschen Platz zum Leben bieten, etwa 2000 Personen sind übrig geblieben. Exakte Zahlen werden von der Leitung nicht mitgeteilt.

Auf dem Besucherparkplatz von Auroville stehen neben gelangweilt wirkenden Rikschafahrern auch einige Touristenbusse herum. Macht hin, sagt einer der Fahrer, zu uns: Pünktlich um neun Uhr wird in der Informationshalle ein Film gezeigt, wer den nicht gesehen hat, erhält keinen Besucherausweis für den Ashram. Also sehen wir uns in einem postmodernen Betongebäude "The World of Divine" an. Einen Streifen, der sämtliche Klischees einer heilen Welt bedient.

Was gibt es hier zu verbergen?

Unter anderem lächeln dem Betrachter fröhliche Kindergesichter von einer Schulbank aus entgegen, Alte backen gemeinsam mit Jungen Brot, Kuchen. Alle sind glücklich. Mit sanften Gitarrenklängen verhilft ein etwa 60 Jahre alter Althippie einem blonden, weißhäutigen Neugeborenen zur kosmischen Freude. Eine alte Frau hilft einem jungen Mädchen im Umgang mit Aquarellfarben. Alles fließt.

Der Film ist aus, und wir werden aufgefordert, unsere Besucherpässe abzuholen. Jetzt also nichts wie hinein in die eben vorgeführte himmlische Welt – von wegen. Gleich an der Rezeption des Besuchermuseums kriegt man mitgeteilt, dass lediglich Shoppingcenter und das angeschlossene Café von uns Ausweisträgern besucht werden dürfen. Das geistige und architektonische Epizentrum in Form eines Baus mit goldener Kuppel – das sogenannte Matrimandir – dürfen wir von einer Aussichtsplattform aus der Ferne bestaunen, Besuche im Inneren des Gebäudes sind unerwünscht. Die Mitglieder des Ashrams leben hinter Stacheldraht. Auf dem frei zugänglichen Gelände arbeiten indische Billiglöhner.

Ich versuche es mit meinem Presseausweis und werde aufgefordert, einen ausführlichen Fragebogen auszufüllen. Der werde geprüft heißt es, kann dauern. Dann heißt es, heute sei niemand da, der über die "Himmelwelt" Auskunft geben könne. "Das Video hat doch sowieso alles Wissenswerte erklärt", sagt die ältere, sichtlich genervte Inderin. Weshalb macht sich eine liebevolle, offene Gemeinde so unsichtbar? Was gibt es hier zu verbergen? Hat man Angst, die meditative Stille werde zerstört? Oder was, um Himmels willen!

So fahren wir wenig später in unserer Rikscha wieder durch die Hölle nach Puducherry zurück. In der Stadt zeigt uns der Fahrer den Laden, der vom Sri Aurobindo Trust betrieben wird. Lauter wunderschöne Sachen für teures Geld. Zielgruppe: westliche Touristen. Silber, Textilien, Edelsteine mit französischer Stilsicherheit hergestellt, feil geboten von indischem Verkaufspersonal.

In dem Geschäft begegne ich einem Mann, der dem Ashram nahe steht, wie er angibt. Seinen Namen möchte er nicht nennen. Er will "keine Schwierigkeiten haben". Er erzählt mir, dass das 21. Jahrhundert längst auch hinter dem "Zaun" von Auroville angekommen ist. Ein großes Vermögen werde dort verwaltet, sagt der Mann, und statt alltäglicher kollektiver Meditation seien die Streitigkeiten der unterschiedlichen Interessengruppen im Ashram vorherrschend. Das mag stimmen, oder auch nicht. Aber eine soziale Utopie der Gleichheit aller, die nicht frei zugänglich für alle ist, ist ohnehin längst gescheitert.

Das könnte Sie auch interessieren

altstadt-jerusalem
Städtereisen
Zehn Sehenswürdigkeiten in Jerusalem

Klagemauer, Tempelberg und Jad Vaschem – hier sind die zehn wichtigsten Sehenswürdigkeiten in Jerusalem.

salzburg-hotel-schloss-leopoldskron © Hotel Schloss Leopoldskron
Städtereisen
Über Nacht in Salzburg: 7 schicke Hotels in der Mozartstadt

kirche-windhuk-namibia © Gregor Lengler
Städtereisen
Deutsche Spuren in Windhuk, Swakopmund und Lüderitz

Wer in Namibia das Deutsche sucht, wird es in den Städten finden. Zwischen Bismarckstraße, Kaiserhof und wilhelminischen Fassaden grüßt man sich noch mit "Wie geht’s?". Und doch ist die Zeit des alten Deutsch-Südwestafrika endgültig vorbei. In Windhuk, Swakopmund und Lüderitz wächst eine Generation heran, die sich um Hautfarbe und Herkunft nicht schert.

merian_kopenhagen_139 © Anna Mutter
Städtereisen
Istedgade – Vom Rotlicht- zum Szeneviertel

Wo früher Sexshops lockten, trifft sich heute die kreative Szene in lässigen Cafés, stylishen Boutiquen und coolen Kneipen: unterwegs auf der Istedgade, Kopenhagens berüchtigte Meile.