Blick von oben auf einen Sandstrand und die Ostsee © Natalie Kriwy
Natur

Meine Ostseeküste

Willkommen an der Ostseeküste mit ihrem reichen historischen Erbe, ihrem Schatz an unverfälschter geschützter Natur, ihren Hochufern und Steilklippen, feinen Sandstränden, pulsierenden Häfen und dem blühenden agrarischen Hinterland.

Fotos Natalie Kriwy
Grün an der Ostseeküste © Natalie Kriwy

Zugegeben: Meine Erstbegegnung mit der Ostsee Anfang der 1990er Jahre war ernüchternd. Einerseits das Verkehrsnetz: Es dauerte, bis man von Berlin beispielsweise auf der holprigen B96 endlich den Strand erreichte. Andererseits hatte sich nach der Wendeeuphorie rasch auch jener nüchterne Pragmatismus bei den Menschen zwischen Wismar und Greifswald eingestellt, den ich später umso mehr schätzen sollte. Viele wanderten angesichts der Probleme und der gewaltigen Aufgabe des Neuanfangs einfach ab. Dem dünn besiedelten, doch großflächigen Bundesland mangelte es an Manpower wie Infrastruktur. Werftenkrisen, ungeklärtes Eigentum und Umwälzungen im traditionell agrarischen Bundesland forderten ihren Preis. Da sollten erst einmal »Leuchttürme« her, auf deren Strahlkraft man sich konzentrierte. Klar, dass ich damals sogar auf Hiddensee – magischer Anziehungspunkt für zwangsweise Ostsee-Abstinente – mühelos ein schlichtes Zimmerchen für ein Trinkgeld ergatterte. Zur Jahrtausendwende sah alles schon weit positiver aus. Rügen und Usedom, auch zu DDR-Zeiten hoch frequentierte Destinationen, hatten sich ruck, zuck berappelt: Investoren standen und stehen bis heute Schlange, um der grandiosen Gründerzeitarchitektur neues Leben einzuhauchen und Urlaubsangebote auf diesmal tatsächlich internationales Niveau zu hieven. Sichtbare Erfolgszeichen wurden die neuen, Hunderte Meter langen Seebrücken und Seepromenaden. Ahlbeck, Heringsdorf, Binz, Sellin oder Baabe: Heute übersteigen die Quadratmeterpreise in diesen Ostseebädern mühelos die der deutschen Hauptstadt. SEEBAD-, STRAND- UND INSELABENTEUER Längst hat auch Heiligendamm, seit 1793 ruhmreiche »weiße Stadt am Meer«, seinen alten Rang zurückerobert, bezirzt mit eleganter Noblesse und diskretem Charme sogar Weltenlenker wie George Bush, die sich 2007 auch am Wiederaufbau der alten Hansestädte und an den restaurierten Schätzen norddeutscher Backsteingotik erfreuten. Aber Heiligendamm, Stralsund oder Wismar sind natürlich auch Ziele für Normalbesucher wie mich. Und sie sind es bis heute geblieben, auch wenn mich die Parkraumbewirtschaftung stört und die Kurabgabe für Tagesgäste Kopfschütteln auslöst. Dafür entdecke ich immer noch stimmungsvolle Orte und Nischen, die wie selbstverständlich erfolgreich manchem Auswuchs des Massentourismus trotzen und ungestörte individuelle Reiseerlebnisse gestatten. Zwischen Klützer und Riether Winkel sprenkeln noch viele solcher bunten Tupfer die touristische Landkarte. Eine, Hiddensee, hat der Thüringer Lutz Seiler, Jahrgang 1963, im Roman »Kruso«, der den Deutschen Buchpreis 2014 erhielt, recherchiert: Sein Spannungsbogen von 1989 zur Gegenwart erzählt von Inselabenteuern und Geschichten all derjenigen, die die Küste Mecklenburg-Vorpommerns stets auch als heimliches Paradies und Rückzugsort suchten und ihren eigenen Mikrokosmos fanden. Viele dieser DDR-Aussteiger und (Lebens-)Künstler sind bis heute da, prägen als anerkannte »Einsteiger« nun das lokale Kulturleben. Hinzu kamen manche »Wessis«, sei es gelockt vom Milliardenboom im Küstentourismus, sei es aus romantischen Gründen, die schon Generationen von Literaten und Malern vor ihnen anzogen. Verträumt liegende Schlösser, Höfe oder auch nur Häuschen werden mit Geduld wieder aufgebaut und belebt. Und es sind das irisierende, auf den Ostseewellen tanzende Sonnenlicht, die oft einsamen, unberührten Naturstrände des Darß oder in Usedoms Norden, von Karlshagen bis Peenemünde, die sie jederzeit für manche Mühsal entschädigen. Diese kleinen Fluchten existieren, werden liebevoll gepflegt, gehegt und ausgebaut – und ziehen mich in ihren Bann. Sie garantieren Ruhe, stillvergnügte Erholung, manchmal sogar, zum Bierchen an der Kneipentheke, Augenzwinkern und robusten Witz. KULINARISCHE HOCHKULTUR Erfreulich auch: Blühende Landschaften existieren nun tatsächlich, und dies gratis, auch bei der Anfahrt auf dem neuen Autobahnnetz! Gelb, grün oder beigebraun leuchtende Raps- und Getreidefelder verwöhnen bis ans Reiseziel, wo mindestens 600 perfekt restaurierte Juwelen historischer Bäderarchitektur den Rahmen auch für anspruchsvollste Urlaubswünsche stecken. Auch kulinarisch gelang der Sprung nach vorn: Die stereotype Gulaschkanone am Wegesrand hat ausgedient, Gourmetköche wetteifern nun um die Gästegunst. Übrigens auch meine: Denn »Kruso« ist zwar prima, doch nicht immer ist »Robinson Crusoe« pur auch das Richtige, um die Ostseeküste wirklich zu genießen. RADFAHREN, WANDERN, HOFLÄDEN UND MEER Mecklenburg-Vorpommerns Menschen schreiten tatkräftig voran! Die Landwirtschaft glänzt mit dem bundesweit höchsten Anteil an Bioprodukten, Hofläden mit Cafés und Restaurants versorgen Hinterland und Küste mit hochwertigen, gesunden Erzeugnissen. Manch vernachlässigtes Dorf hat sich mit einer regen Kunsthandwerkszene herausgeputzt, Galerien in den Seebädern und Hafenmetropolen, allen voran die Kunsttempel von Ahrenshoop auf Fischland-Darß-Zingst, sind künstlerische Zierde und mir jederzeit die Visite wert. Mir am wichtigsten wurde aber die Neu- und Wiederentdeckung der Natur. In den Nationalparks Sundische Wiese, Vorpommersche Boddenlandschaft und Jasmund-Stubnitz können Sie die typische Flora und Fauna der Region entdecken. Dank des konsequenten Ausbaus des Rad- und Wanderwegenetzes, allen voran des Ostseeküsten-Radweges, gelingt nun der Spagat zwischen Biotopschutz und hautnahem Naturerlebnis! Der herbstliche Vogelzug ist ein Muss, doch es muss nicht immer »Kranich« sein: Entdecken Sie beispielsweise die Peene: Den »Amazonas des Nordens« kann man samt Peenestrom und Haff per Rad oder Kajak erkunden, ohne Sonne, Strand und Meer zu vermissen. Einen Coup landen die Ostseeküsten-Hoteliers im Winter: Vier- und Fünf-Sterne-Etablissements mit top Wellness- und Spa-Angeboten offerieren dann Zimmer zu günstigsten Preisen. Dies freut vor allem »Wiederholungstäter«, die wie ich regelmäßig anreisen und in der Wintersonne knackende Eisschollen und knirschenden Sand genießen.

PERFEKT FÜR ALLE – ZU JEDER JAHRESZEIT An Attraktivem mangelt es nie! Fitness wird von Ayurveda bis Yoga großgeschrieben, auch F wie Faulenzen – meine Spezialität – ist rundweg erlaubt! Kulinarisch verwöhnen Aal und Bismarckhering, Vegetarisches, Wild oder Zander die Gaumen. Genuss bereiten auch die modernisierte Museumslandschaft und das – mir eine Freude – überragende Konzertangebot. Endlich haben sich die Küstenreize auch in den Nachbarländern herumgesprochen. Jährlich eine Million Übernachtungen ausländischer Gäste legen Zeugnis dafür ab. Manch Provinzielles ist so erledigt, die sprichwörtliche »Badewanne Berlins« – Spreeathener mögen es verzeihen – ist perdu. Mecklenburg-Vorpommerns Ostseeküste hat wieder Anschluss ans Mare Balticum, profitiert aus allen Richtungen. LÄNDLICH UND INTERNATIONAL Dabei bleibt das Land doch eine eher ländlich stolze Schönheit, die bisweilen mondän, bisweilen melancholisch aufgelegt ist, manchmal nach überschäumender Unterhaltung und Aktivität im Überfluss dürstet, aber stets auch die Sehnsucht nach ungeteilten arkadischen Momenten in stillen Winkeln sucht und stillt. Wahrscheinlich macht diese Mischung für mich den »richtigen« Urlaub aus.

Grün bewachsene Landschaft an der Ostseeküste © Natalie Kriwy

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