tanz-der-derwische © Murat Türemis
Kultur

Tanz der Derwische

Kurz nach den Anschlägen auf das World Trade Center erschien in den USA ein Buch mit Gedichten. Ihr Schöpfer stammte ausgerechnet aus Afghanistan, und viele seiner Zeilen preisen Allah. Dennoch: Der Band verkaufte sich in nur zwölf Monaten 250 000 Mal. Der Name des Dichters: Dschelaladdin Rumi, geboren im Jahre 1207, geistiger Vater des Ordens der tanzenden Derwische.

Text Peter Münch
karawanserei-sarihan, Tanz der Derwische © Murat Türemis

Bei deutschen Türkei-Urlaubern sind die sich drehenden Tänzer in ihren schwingenden Gewändern meist nur als Touristenattraktion bekannt – nicht aber ihr geistiger Hintergrund. Die Derwische folgen einer seit Jahrhunderten kaum veränderten Choreografie. Und auch wenn es sich heute oft um eine vereinfachte Brauchtumsschau für zahlende Zuschauer handelt: Die Zeremonie ist eigentlich ein Gottesdienst.

Dschelaladdin Rumi, ein persischer Sufi-Mystiker, Gelehrter und Dichter, gilt als Meister der Derwische. Die Geschichte erzählt, dass Rumi mit seiner Familie nach einer Pilgerfahrt nach Mekka nicht in die von Mongolen besetzte afghanische Heimat zurückkehrte, sondern nach Anatolien zog, wo sein Vater an die Medrese (Hochschule) von Konya berufen wurde. Wie auch die beiden anderen großen anatolischen Mystiker des 13. Jahrhunderts, Hadschi Bektasch Veli und Yunus Emre, huldigte Rumi einer tiefen Gottesliebe und propagierte lange vor den europäischen Humanisten Brüderlichkeit gegenüber allen Menschen, egal welche Religion sie haben. "Liebe ist frei von der Enge der Gebetsnische und des Kreuzes", schrieb Rumi, den seine Anhänger Mevlana ("unser Herr") nannten.

Einen Orden hat er selbst nicht gegründet. Erst nach seinem Tod formierten sich unter seinem Sohn die Mevlevi-Derwische (der Name bedeutet: "zu Gott gehörend"). Dschelaladdin Rumi starb 1273 in Konya, der grüne Turm über seinem Grabmal dominiert die Innenstadt. Das Grab ist Teil des Hauptklosters der Mevlevi-Derwische. Es wurde 1925 in ein Museum umgewandelt, als Atatürk die religiösen Orden verbot – für den Gründer der modernen Türkei standen sie im Widerspruch zu einer säkularen Gesellschaft. Folglich konnten die Derwische ihre Art der Gottesdienste nicht mehr feiern. Erst seit den 1950er Jahren dürfen sie sich wieder öffentlich drehen – formal als Tänzer bei Darbietungen einer kulturellen Vereinigung.

Man kann Derwische in vielen türkischen Städten sehen. Ein besonders stimmungsvoller Ort für eine solche Aufführung befindet sich in Kappadokien, fünf Kilometer östlich von Avanos: die Karawanserei Sarıhan. Die mittelalterliche Raststätte liegt noch heute direkt an einer Überlandstraße, gäbe es sie nicht, stünde hier bestimmt eine Tankstelle. Sarıhan wurde 1249 gebaut, zur selben Zeit, als Rumi in Konya lebte und seine mystischen Werke schrieb. In der von dicken Mauern umgebenen, von einem kolossalen Gewölbe überspannten Haupthalle übernachteten einst die Kamele.

Die Mevlevi-Derwische betreten hier allabendlich ihre Tanzfläche, meist zu zwei Vorstellungen hintereinander. Die Sema, wie die knapp einstündige Zeremonie heißt, steckt voller Symbole. So verkörpern die schwarzen Umhänge der Tänzer ihr irdisches Leben, das sie während des Tanzes ablegen, darunter soll das weiße Kleid an das Leichengewand des bisherigen Ichs und an die Neugeburt im Paradies erinnern. Den hohen Filzhut ("Sikke") behalten sie während des Tanzes auf. Er symbolisiert ihren eigenen Grabstein. Besondere Bedeutung kommt einem rot gefärbten Stück Schafsfell zu, das auf dem Boden ausgebreitet liegt: Der symbolische Platz des mit Gott vereinigten Meisters Rumi wird von Tänzern und Musikern mit einer tiefen Verbeugung gegrüßt.

Diese Begrüßungen mit verschränkten, an die Schulter gelegten Armen gibt es reichlich im Lauf des Rituals – man muss kein Insider sein, um darin Ehrerbietungen zu erkennen, die an gegenseitigen Respekt gemahnen. Die Tänzer bewegen sich stets gegen den Uhrzeigersinn – als Gruppe und individuell. Derwische sind prinzipiell linksdrehend, immer in Richtung des Herzens. Dabei neigen die Tänzer den Kopf nach rechts. Wissenschaftler haben nachgewiesen, dass sie nur so ohne Schwindelgefühl ihr Gleichgewicht über längere Zeit halten können. Die rechte Hand ist wie eine Antenne zum Himmel hin geöffnet, die linke leitet die göttliche Botschaft zur Erde weiter. Und dort kommt sie an: Der Mevlevi-Orden ist heute nicht nur in Teilen der islamischen Welt vertreten – besonders in Ägypten –, sondern in vielen Ländern, auch in Europa. Das liegt wohl auch an der großen Offenheit von Rumis Lehre, die sich an alle Menschen richtet, egal ob Muslim, Christ oder Ungläubiger. Der große Meister selbst hat es in einem Gedicht einmal so gesagt: "Komm und komm wieder, wer immer du bist / Ungläubiger, Feueranbeter oder Götzendiener / Hier ist das Tor zur Hoffnung, komm so, wie du bist."

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