Archäologische Park Xanten © Gulliver Theis
Kultur

Pracht und Alltag im alten Rom: Der Archäologische Park Xanten

Der Archäologische Park Xanten zeigt, mit was für einem opulenten Stil die Römer vor 2000 Jahren hier lebten: Von der unterirdischen Bewässerung über kunstvoll ausgestattete Wohnhäuser bis zu riesigen Tempeln, die schon von weitem Eindruck machten

Text Burkhard Maria Zimmermann

Interview: Sebastian Held, wissenschaftlicher Referent im APX

Es muss eine laute und lebendige Stadt gewesen sein: Die Colonia Ulpia Traiana, benannt nach dem römischen Kaiser Trajan, bekam von ihm im Jahr 100 n. Chr. die Rechte einer colonia verliehen, dadurch gehörte sie zu den 150 bedeutsamsten Städten im römischen Reich. Rund 200 Jahre lang erlebte die Stadt eine unglaubliche wirtschaftliche und kulturelle Blüte – heute zeichnet der Archäologische Park Xanten mit archäologischen Funden und orginalgetreuen Bauten nach, wie sie einmal ausgesehen haben muss. Die Stadtmauern mit ihren wuchtigen Türmen, die Herberge mit ihren überraschend eleganten Möbeln und der Tempel mit seinen 27 Meter hohen Säulen beeindrucken noch heute, aber wie sah der Alltag der Menschen aus? Sebastian Held, wissenschaftlicher Referent des Archäologischen Parks Xanten, hat MERIAN einige der Geschichten verraten, die ihm die historischen Funde erzählen.

Welchen historischen Stellenwert hatte die Stadt, die sich hier einmal befunden hat?

Unser Archäologischer Park hat eine Fläche von rund 60 Hektar: Hier stand vor 2.000 Jahren die Colonia Ulpia Traiana, neben Köln die wichtigste Metropole mit römischem Stadtrecht in dieser Region. Hier Stadt haben rund 10.000 Frauen, Männer und Kinder gelebt, das war für die damalige Zeit sehr viel.

Wo hat man die Menschen gefunden, die man brauchte, um so eine große Stadt aufzubauen?

Man hatte damals eine große Arbeitsressource,, nämlich die Soldaten: Die hatten in Friedenszeiten nichts zu tun, mussten aber beschäftigt werden – es gab für die Verwaltung nichts Schlimmeres als gelangweilte Soldaten, die womöglich irgendwelchen Unfug anstellten. Viele von ihnen waren gut ausgebildet; oft hatten sie einen Beruf als Schreiber, Holzfäller oder Steinmetz gelernt. Sie meldeten sich zum Militär, um ein Auskommen zu haben, und so hatte man viele qualifizierte Kräfte.

War die Stadt typisch für den Baustil im antiken Rom?

Ob Sie sich hier die Colonia anschauen oder römische Städte in Afrika: Eine römische Stadt wurde immer in einem ähnlichen Schema erbaut und einige Elemente werden Sie immer wieder antreffen. Auf den Bildern über dem Modell im Eingangsbereich sehen Sie die Aquädukte, die zur Stadt führen – das Wasser wurde erst durch die Bäder geleitet und dann genutzt, um Fäkalien aus den Latrinen in die unterirdische Straßenkanalisation zu spülen, in diesem Fall führte sie direkt in den Rhein. Die Bürger der obersten Schichten bekamen Wasser aus den Aquädukten in ihre Häuser geliefert, einfachere Bürger holten sich ihr frisches Wasser aus Brunnen. Aber allen war klar: Man durfte nie Wasser aus fließenden Gewässern holen, denn das war häufig durch Schmutzwasser aus Siedlungen verunreinigt.

Das dominanteste Gebäude im APX ist der Tempel, dessen Ausmaße wir durch einen Sockel und einige Säulen mit Aufbauten erahnen können: Welche Bedeutung hatte er für den Charakter und die Wirkung der Colonia Ulpia Traiana?

Neben seiner religiösen Funktion sollte er auch stellvertretend für die Macht Roms stehen. Solche Tempel wurden an den Hafen gesetzt, denn die Hafenseite war die wichtigste Schauseite einer Stadt: Hier konnte sie auf Menschen, die sich der Stadt näherten, den größten Eindruck machen. Es war nicht so, dass in der Stadt die Römerinnen und Römer lebten und drumherum die Menschen aus Germanien, sondern das hat sich verwischt; schon allein durch den Handel mit Gütern des täglichen Bedarfs gab es einen ständigen Austausch. Wir müssen uns vorstellen, dass Menschen von einem kleinen Gehöft oder einem Dorf auf der anderen Seite des Rheins hierherkamen, und das erste, was sie sahen, war ein riesiger Tempel mit wuchtigen Säulen – das muss sehr imposant gewirkt haben.

Sie haben den Tempel nur in seiner Basis mit einigen Säulen rekonstruiert: Können wir etwas darüber sagen, wie er von innen ausgesehen haben mag?

Die Steine kamen zu einem großen Teil aus einem Steinbruch beim heutigen Bonn, aber das Innere war komplett mit Marmor ausgekleidet, ein Teil kam sogar aus dem Süden Ägyptens. Der Marmor wurde den Nil hochgezogen, in Alexandria umgeschlagen, dann über das Mittelmeer und wahrscheinlich über Frankreich hierhergebracht. Selbst für das römische Reich, das mit seiner Armee eine große Arbeitskraft zur Verfügung hatte, war das unglaublich aufwendig.

Warum haben einige der Säulen vor dem Tempel rötlich gefärbte Flächen?

Man stellt sich die Gebäude häufig als weiß vor, weil der Stein so hell ist, aber heute geht man in der historischen Forschung davon aus, dass Säulen und Skulpturen mindestens teilweise bemalt werden – das wissen wir aus mikroskopisch kleinen Farbpartikeln, die auf den Oberflächen von archäologischen Funden die Jahrtausende überdauert haben. Wir haben an den Säulen vor dem Tempel einige Bereich eingefärbt, um davon einen Eindruck zu vermitteln.

Unweit vom Tempel sieht man Nachbauten von Häusern, in denen damals gelebt und gearbeitet wurde. Was sagen sie uns über das Leben der einfachen Menschen in dieser Stadt?

In vielen solcher Häuser waren Geschäfte und Werkstätten eingerichtet. Aus Ausgabungen in Pompeji wissen wir, dass an die Außenwände der Häuser oft Bilder angemalt waren, die zeigten, was man dort bekam, häufig Schuhe, Kleidung oder Lebensmittel. Vor so einem Haus gab es ein Vordach, das lief die ganze Häuserzeile entlang, die Menschen gingen in der Stadt also die meiste Zeit unter so einem Dach: So waren sie vor der Sonne oder vor Regen geschützt. Das war nützlich, da man sich damals sehr viel in der Stadt bewegte – die Häuser hatten oft keine erhöhten Feuerstellen, auf denen man kochen konnte, und keine Latrinen. Die einfachen Arbeiterinnen und Arbeiter kauften sich fertiges Essen bei preiswerten Straßenküchen, und sie erleichterten sich in den Latrinen, die den Badehäusern angeschlossen waren. Es war wohl eine recht geruchsintensive Zeit.

Wie im römischen Leben: Das Römermuseum im APX

Genau hier, aber vor 2.000 Jahren! Wer das Römermuseum im Archäologischen Park Xanten besucht, betritt nahe dem Eingangsbereich eine rund 30 Quadratmeter große Glasfläche, unter der Erde zu sehen ist: Hier haben Menschen ihre Fußabdrücke hinterlasssen, Erwachsene und Kinder, barfuß und mit Schuhen, dazwischen die Spuren von Karren und die Abdrücke von Tieren. Wer waren diese Menschen? Waren sie glücklich in ihrer Welt, die so weit entfernt war von unserer?

Diese Fragen stellen sich wohl viele Menschen, die das Römermuseum besuchen: Das 70 Meter hohe und 20 Meter lange Gebäude spannt sich über die Fundamente eines römischen Stadtbades, die Konstruktion aus Stahl und Glas zitiert in ihren Proportionen den antiken römischen Baustil und wirkt dabei leicht und transparent –  als wolle sie die wertvollen Exponate schützen, aber so wenig wie möglich von ihnen ablenken. Über 2.500 moderne Medien und historische Fundstücke erzählen vom Leben im heutigen Xanten zur Zeit der römischen Herrschaft. Zu den beeindruckendsten gehören wohl die Überreste eines römischen Schiffes, zwölf Meter hoch im Raum schwebend, und die vier Meter hohe Wandmalerei, farbenprächtig bevölkert von Adlern, Riesen, Tieren und Pflanzen.  Räumlich und emotional wird man dem römischen Leben in dieser Region wohl nirgends näher kommen als hier.

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