Gombe Nationalpark Janes Erbe

Ganz im Westen Tansanias liegt der Gombe-Nationalpark. Jane Goodalls bahnbrechende Forschungen über seine Schimpansen machten ihn weltbekannt – heute kann jeder den Menschenaffen hier ganz nah kommen.
Jane Goodall

Dranbleiben. Jetzt nicht den Anschluss verlieren. Meine Füße schlittern über das Laub, meine Hände krallen sich um die Wurzeln. Ich ziehe mich so schnell es geht den Hang hinauf. Das Herz schlägt mir bis in den Hals. Durch den Dschungel sehe ich Joels schwarzen Rucksack schimmern. Sein Lockenkopf und sein Vollbart stecken voller Zweige. Er rutscht fast so oft aus wie ich. Aber im Gegensatz zu mir balanciert er in der Hand auch ein Tablet, mit dem er die Bewegungen der Tiere aufzeichnet, die wir durch das Gebüsch verfolgen. Sie suchen nach etwas. »Wenn du Glück hast, siehst du sie vielleicht gleich jagen«, sagt Joel leise und dreht sich zu mir um. »Das machen sie hier oben gerne.«

Aber als wir sie einholen, jagen sie keine Beute. Sie jagen einander: Oben in den Bäumen tobt eine Gruppe junger Schimpansen. Sie hetzen über die Äste, bis sie einander erwischen und sich der Gefangene auf den Waldboden gleiten lässt. Dort steht er auf, als sei nichts gewesen, und klettert grunzend wieder den Stamm hinauf, um das Spiel von vorne zu beginnen. Die Eltern sitzen entspannt auf den Wurzeln und schenken dem Nachwuchs kaum Beachtung. Genauso wenig dem halben Dutzend Gestalten, die sich zehn Meter entfernt in das Laub gehockt haben. Tracker, Guides, Gäste und Wissenschaftler wie Joel Bray, alle gekommen, weil es auf der Welt keinen anderen Ort gibt, an dem sich Schimpansen und Menschen in der Wildnis so nah kommen. Keinen Ort wie den Gombe-Nationalpark hier am Ufer des Tanganjikasees, wo Tansania auf den Kongo trifft.

Wie nah, zeigt sich kurz darauf. Ein kolossaler Schimpanse hockt sich fünf Meter von mir entfernt auf den Boden. »Kannst du den Boss sehen?«, fragt mein Guide Iddi und deutet auf den Affen, der mir den Rücken zugewandt hat. »Ist er das Alphatier?«, frage ich zurück. »Ja, das ist Fudgi«, lächelt Iddi. Ich schlucke und mache drei Schritte zurück.

Fudge gehört zur Königsfamilie von Gombe. Die rund hundert Schimpansen in Tansanias zweitkleinstem Nationalpark – er ist nur zehn Kilometer lang und anderthalb Kilometer breit – leben in drei Gruppen, von denen die größte rund um das zentrale Flusstal Kasekela am besten erforscht ist. Um sie leichter zuordnen zu können, beginnen die Mitglieder ihrer vielen Familien immer mit demselben Buchstaben. Frodo, Ferdinand, Fudge. Oder »Fugdi«, wie Iddi ihn liebevoll nennt. Alle diese Männchen aus der F-Familie stiegen zu Alphatieren auf. Dass die Schimpansen überhaupt Namen bekommen, mag heute selbstverständlich erscheinen, aber es war eine wissenschaftliche Revolution, als die weltberühmte Primatologin und Umweltaktivistin Jane Goodall diese Praxis einführte – genau hier in Gombe.

Schimpanse im Gombe Nationalpark

30 Jahre lebte die Primatenforscherin Jane Goodall in Gombe – und baute eine so enge Beziehung zu den Schimpansen auf, dass deren Kinder sie teils noch heute bei ihren Besuchen erkennen.

Goodall und Gombe. Die beiden gehören unzertrennlich zusammen. Ohne die eine gäbe es den anderen heute so nicht. Im Juli 1960 wird die gelernte Sekretärin von Louis Leakey, dem renommierten Anthropologen, Paläontologen und Kurator des Naturkundemuseums von Nairobi, nach Gombe geschickt, um die in der gebirgigen und von der Zivilisation abgeschnittenen Region lebenden Schimpansen zu erforschen. Der Anfang ist hart. Immer wieder versucht sich Goodall den Schimpansen zu nähern, aber die flüchten vor ihr. Nur langsam gewinnt sie ihr Vertrauen und macht schließlich eine revolutionäre Entdeckung: Sie beobachtet, wie die Schimpansen mit Zweigen Termiten aus ihren Hügeln angeln – eine Art Werkzeug, das sie herstellen, indem sie die Blätter abreißen. Bis dahin war die Wissenschaft davon ausgegangen, dass der Mensch das einzige Lebewesen sei, das Werkzeuge benutzen und fertigen könne. Goodall schickt sofort ein Telegramm an Leakey. Er schreibt begeistert zurück: »Entweder müssen wir Werkzeug neu definieren, den Menschen neu definieren oder die Schimpansen zu den Menschen zählen!«

Es war der Mensch, der sich letztlich neu definierte. Aber Goodalls größte Errungenschaft war nicht, wie der Mensch sich selbst, sondern wie er anderes Leben zu sehen lernte. Sie zeigte, dass Schimpansen komplizierte Charaktere mit einem komplexen sozialen Gefüge sind. Also gab sie ihnen Namen. 30 Jahre arbeitete Goodall im Dschungel, lebte mit den Schimpansen, baute am See eine internationale Forschungsstation auf. Sie war dabei, wenn sich die Menschenaffen umarmten, kitzelten und küssten, aber sie war auch dabei, als die Gruppe aus Kasekela Mitte der Siebziger vier Jahre einen erbitterten Krieg gegen die Schimpansen von Kahama führte, während dem sie alle Männchen ihrer Rivalen tötete, und der heute so berühmt ist, dass man seine Chronologie auf Wikipedia in sieben Sprachen nachlesen kann.

Bis heute ist Gombe Schauplatz der längsten Tierstudie der Welt. Seit Goodalls Ankunft fehlen nur die Feldnotizen eines einzigen Tages – es war der Tag nach einem Überfall aus dem damaligen Zaire, bei dem Rebellensoldaten vier Wissenschaftler entführten, die erst nach Wochen freigelassen wurden. Mittlerweile haben sich die Menschenaffen so an die hinter den Büschen hockenden Begleiter gewöhnt, dass sie die Forscher weitestgehend ignorieren. »Wir sind für sie im Prinzip ein Teil des Waldes«, sagt Joel. »Sie laufen an uns vorbei, ohne uns auch nur zweimal anzusehen.« Und wenn die Schimpansen doch einmal misstrauisch werden, wedeln die Verfolger mit ihren Schreibblöcken. Dann wissen die Affen: Das sind bloß die Wissenschaftler.

Im Windschatten dieser Beziehung dürfen auch Besucher des Parks an der Seite eines Guides die Schimpansen aus der Nähe beobachten. Während man auf Safari in Nationalparks wie der Serengeti den Geländewagen eigentlich nicht verlassen darf, begegnen sich Mensch und Tier in der Wildnis von Gombe zu einem gewissen Grad auf Augenhöhe: Keiner von beiden steckt in irgendeiner Form eines Käfigs. Das kann am Anfang ein Schock sein, zumindest für den Menschen. Gleich an meinem ersten Tag in Gombe lief ich mit Iddi und einer Gruppe italienischer Touristen durch den Wald. Als wir nach einigen Stunden noch keine Schimpansen gefunden hatten, wurden die Italiener langsam unruhig, also führte uns Iddi weiter die Hänge hinauf, bis wir schließlich eine Gruppe Affen in den Wipfeln entdeckten. Nach wenigen Minuten kletterte ein Weibchen namens Gaia den Baum hinunter, schaute auf dem Boden kurz nach rechts und links und lief dann gelassen an uns vorbei – nur einen halben Meter entfernt. Als wäre das hier kein Pfad mitten im Dschungel Tansanias, sondern ein beliebter Weg für Spaziergänger, den man sich eben teilt.

Gombe Nationalpark

Der Weg ist hier das Ziel: Auf den Pfaden durch den Wald von Gombe können Besucher mit etwas Glück Schimpansen erspähen.

Aber diese Nähe zwischen Menschen und Menschenaffen ist eine Gratwanderung. Je mehr Besucher kämen, desto größer sei das Risiko für die Affen, sich mit Krankheiten zu infizieren, sagt Anthony Collins, Vizedirektor des Gombe Stream Research Centre. Besonders Lungenentzündungen seien gefährlich. Auf der anderen Seite garantierten die Besucher aus der ganzen Welt den Erhalt des Parks. »Der Tourismus gedeiht hier wegen Janes Erbe. Aber es ist entscheidend, dass er gut gelenkt wird.« Auch deshalb dürfen Besucher nicht länger als eine Stunde bei den Schimpansen bleiben – die brauchen schließlich mal eine Pause.

Anthony Collins ist einer der dienstältesten Wissenschaftler von Gombe. Neben den Begegnungen mit den Schimpansen ist die Chance, auf den Pfaden renommierten Forschern wie ihm über dem Weg zu laufen, eine der Besonderheiten des Nationalparks. Denn das Gasthaus für Besucher liegt mitten in der rund zwei Dutzend Häuser umfassenden Forschungsstation. Neben Anthony arbeiten hier mehr als 40 Tansanier, dazu internationale Wissenschaftler wie der US-Amerikaner Joel Bray, der hier ein Jahr lang das Sozialverhalten erwachsener Männchen untersucht, bevor er in seine Heimat zurückkehren und darüber seine Doktorarbeit schreiben wird. Außer den Schimpansen studieren die Zoologen, Virologen, Genetiker heute das ganze Ökosystem von Gombe, etwa die Kreuzung aus Rotschwanzmeerkatze und Diademmeerkatze, die es nur an diesem Ort gibt, oder die Paviane, die durch das Camp laufen, als gehörte es ihnen. Anthony, der 1971 nach Gombe kam, ist einer der führenden Experten, wenn es um die Affen geht. »Paviane sind immer in Aktion«, sagt er. »Sie sind in ganz Afrika erfolgreich, und der Grund dafür ist der eine Aspekt, in dem sie uns mehr ähneln als Schimpansen: Sie sind Opportunisten. Immer beschäftigt, immer am Umschauen, immer am Ausprobieren.«

Am Tag nach meinem Treffen mit dem Alphatier gehe ich ein letztes Mal in den Wald. Anthony muss mit dem Boot nach Kigoma, Joel steckt bei einer Gruppe hoch oben in den Bergen, also machen Iddi und ich uns alleine auf den Weg in den Dschungel. Wir folgen einem kleinen Bach Richtung Süden. Immer wieder springen wir über das Wasser, um den Pfad zu halten, und immer wieder bleibt Iddi stehen und horcht gegen unser Hecheln in den Wald hinein. Manchmal macht er dann einen runden Mund und stößt Affenschreie heraus. So kommunizieren die Guides im Wald mit den Trackern, die fast immer die letzte Position der Schimpansen kennen. Die Menschenaffen wissen natürlich, dass die Schreie nicht von Affen kommen, sondern von Menschen. Aber die benutzen sie trotzdem. Weil es ihnen zu peinlich wäre, einfach zu rufen: »Wer ist da draußen?« Ich weiß es nicht. Nach einer Stunde jedenfalls bricht einer der Tracker durch die Äste. Wir verlassen den Pfad und folgen ihm. Er weiß, wo sie sind.

Tom sitzt im Schatten über dem Fluss. Er sei sehr freundlich, sagt Iddi, manchmal renne der Schimpanse sogar durch seine Beine. Heute dreht er sich um und führt uns stattdessen zu seiner Familie. Seine Mutter Tanga, seine kleine Schwester Tukuyu und seine Freundin Trezia hocken zwischen den Bäumen weiter oben, wo das Rauschen des Baches nur noch leise zu hören ist. Die drei Erwachsenen sitzen einfach da, ganz eng beieinander, zwischen ihnen Tukuyu. Das winzige Kind klettert wieder und wieder über die Körper ihrer Verwandten in die Äste hinein und wirft verstohlene Blicke zu den Gestalten herüber, die wenige Meter von ihr entfernt auf der Erde sitzen. Ich muss an Joels Worte denken, dass es vor allem die Kinder seien, die den Menschen noch gespannt anschauten – als sich eines der Weibchen, ich glaube, es war Trezia, nach hinten fallen lässt, auf dem Laub liegend den Kopf dreht und mich ansieht. Ich weiß nicht, was ich sah. Lange habe ich gerätselt, was hinter diesen schwarzen Augen steckte. Ob sie genervt war oder neugierig. Aber ich weiß noch immer ganz genau, was ich fühlte. Glück. Unverhohlen und ungefiltert. Ich lächelte, und obwohl sie ihr Gesicht nicht verzog, lächelte ich weiter. Noch lange, nachdem sie die Augen geschlossen hatte und eingeschlafen war.

Text: Kalle Harberg

 

Nationalpark Gombe

Hinkommen

Der einzige Weg den Park zu erreichen, ist eine knapp zweistündige Bootsfahrt über den Tanganjikasee. Von der Kleinstadt Kigoma gibt es dafür drei Möglichkeiten. Erstens: Die Parkbehörde stellt ihr Boot gegen eine dreistellige Summe zur Verfügung (Tel. 00255 282804009). Zweitens: Einmal täglich fährt ein öffentliches Wassertaxi Richtung Gombe, das nur ein paar Euro kostet, aber oft hoffnungslos überfüllt ist. Drittens: Man mietet sich in Kigoma privat für etwa 70 Euro ein Boot. Bei Ankunft muss man die Parkgebühren bezahlen: 24 Stunden in Gombe kosten 100 US-Dollar plus 18 Prozent Steuern. Alles zahlbar im Büro des Parks, das kein Bargeld akzeptiert, nur Kreditkarten – und von denen keine American Express oder Maestro.

Unterkommen

Im Flusstal Kasekela stehen die von der Parkbehörde angebotenen Unterkünfte – einfache Zimmer, die 24 Dollar pro Nacht kosten. Für Verpflegung sorgt das schlichte Restaurant, in dem jede Mahlzeit zwischen 10 und 15 Dollar kostet. Wem das zu rudimentär ist, für den gibt es im Norden des Parks die luxuriöse »Gombe Forest Lodge«, die auch ein eigenes Bootsshuttle hat.

Parkunterkünfte Reservierungen etwa über gonapachimps@yahoo.com, chimps@tanzania parks.go.tz oder Tel. 00255 282804009
Gombe Forest Lodge www.mbalimbali.com

Reinkommen

Zu den Schimpansen kommt man nur mit einem Guide des Parks. Pro Tour und Führer bezahlt man rund 24 Dollar. Hat man die Affen gefunden, gilt es einige Regeln zu beachten: Nicht länger als eine Stunde darf man bei den Tieren bleiben, dazu sollte man einen Mindestabstand von zehn Metern halten. Kommen die Tiere von sich aus näher, ruhig verhalten und Augenkontakt vermeiden. Das Wichtigste: Wer krank ist, sollte im Camp bleiben. Atemwegserkrankungen können für die Affen sehr gefährlich sein.

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