Das Dorf der Zukunft Das Pilotprojekt Casas Bioclimáticas

Sie wirken wie Science-Fiction und könnten die Rettung sein. Die Casas Bioclimáticas sind ein Pilotprojekt zu Teneriffas Energiewende. Wind und Sonne werden hier bislang kaum genutzt, obwohl ein Umdenken dringend nötig ist. Sonst wird auf der Insel vielleicht schon 2020 das Trinkwasser knapp.
Ökodorf Teneriffa

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Etwas ab vom Schuss, in einer trockenen Landschaft zwischen Industriegebiet und Meer, stehen 24 Häuser. Manche von ihnen erinnern an eine Mischung aus Robotern und Insekten, als seien sie gerade einem Science-Fiction-Film entstiegen. Andere schmiegen sich so gekonnt in die Landschaft, dass sie fast in ihr zu verschwinden scheinen. Und dann fließt in einem auch noch ein Bach durchs Wohnzimmer. Klingt wie der Traum eines Architekten, ist aber noch viel mehr. In den futuristischen Häusern stecken viele kleine Lösungen für Teneriffas große Probleme. Das  ießende Wasser im Haus El Río beispielsweise sieht nicht nur hübsch aus, es kühlt den Raum auch wie eine Klimaanlage – ohne dabei Strom zu verbrauchen. Andere Häuser tragen Solarpanels auf dem Dach und aus- geklügelte Belüftungssysteme in den Wänden. Die Casas Bioclimáticas sind eine Feriensiedlung, betrieben vom Forschungsinstitut ITER, das auf erneuerbare Energien setzt. Gleichzeitig sollen die Häuser nahe Granadilla im Südosten der Insel auch Modelle für eine nachhaltige Architektur sein, eine Inspiration für Bauherren.

Für Attenya Campos sind sie vor allem ein Ort, an dem man eine Ahnung davon bekommt, was die Zukunft sein könnte. Die junge Architektin hat sich auf erneuerbare Energien und die Nutzung natürlichen Lichts spezialisiert. Sie und ihre Kollegen können an den Häusern neue Ideen und Funktionen testen. Denn während Feriengäste hier wohnen, werden Daten wie Temperatur, Feuchtigkeit und Licht erhoben und ausgewertet.

Ökodorf Teneriffa
Fragt man Campos, welcher Typ Tourist die Häuser bucht, muss sie grinsen. Das Feriendorf ist ein Ort für Liebhaber. Meistens seien es Menschen, die sich privat oder beru ich mit Wasserkraft, Solar- und Windenergie beschäftigen, sagt sie. Denn ein Problem mit dem konstanten Scharren der Windräder sollte man hier nicht haben. Wenn es auf Teneriffa zwei Dinge im Über uss gibt, dann sind das Sonne und Wind. Beste Voraussetzungen für Windkraft und Solarenergie – eigentlich. »Die Technologie für Alternativen wäre da, aber es mangelt noch an politischer Initiative«, sagt Campos. Und damit beginnt eine lange Kette von Problemen für die Insel. Denn im Gegensatz zu Wind und Sonne droht das Süßwasser in den kommenden Jahren knapp zu werden, und Strom und Trinkwasser hängen auf der Insel eng zusammen.

Wie eng, kann Manuel Hernández erklären. Er beschäftigt sich schon seit seinem Studium in den Siebzigern damit, wie man Trinkwasser gewinnt. Hernández beginnt damit, dass er einen unförmigen Schweizer Käse auf ein Blatt Papier malt. Er wird beim Erklären jeden Zentimeter seines Zettels vollkritzeln und danach ressourcenschonend auf der Rückseite weitermachen. Denn um das Problem Teneriffas zu erörtern, muss er weit ausholen und zu Strom und Wasser noch Tourismus und Landwirtschaft hinzufügen. Der Schweizer Käse stellt Teneriffa dar, ein Kreis markiert den Teide. An den Rand der Insel hat Manuel Hernández rundherum viele kleine Löcher gemalt. »Stollen, Stollen, Stollen«, sagt er und blickt vom Blatt auf, »eine durchlöcherte Insel«.

Im Gegensatz zu anderen kanarischen Inseln hat Teneriffa nämlich durchaus Grundwasser zur Verfügung. Trotz Saharanähe gibt es zum Teil ansehnliche Niederschläge, denn der Nordost-Passat bringt Regenwolken, die an den Bergen hängen bleiben und sich dort entleeren.

Das Problem dabei: Die Insel hat davon erstmal nichts, denn das Wasser fließt ins Meer oder versickert im löchrigen Vulkangestein. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts haben die Tinerfeños deshalb zum Teil kilometertiefe Stollen gesprengt und gebohrt, um an das versickerte Wasser heranzukommen. Über tausend solcher galerías gibt es auf der Insel, und mit dem so gewonnenen Wasser lässt sich ein großer Teil der landwirtschaftlichen Bewässerung bestreiten – jedenfalls noch. Manuel Hernández legt die Stirn in Falten und setzt den Stift neu an, denn jetzt kommt das erste Aber. Er schreibt die Zahl 3,6 und unterstreicht sie zweimal. »3,6 Meter – um so viel sinkt jedes Jahr der Grundwasserspiegel im Norden der Insel«, sagt er. Der Regen könne den steigenden Verbrauch nicht mehr kompensieren. Eine Fahrt rund um die Insel präsentiert ihre größten Wasserschlucker: Im Norden gleiten am Autofenster kilometerlange Mauern vorbei, darüber die fransigen Blätter von Bananenstauden. Seit Ende des 19. Jahrhunderts wird die Banane auf Teneriffa angebaut, sie ist eines der wichtigsten Exportgüter – und verantwortlich für einen hohen Wasserverbrauch. Je weiter man auf der Inselumrundung nach Süden fährt, desto dünner wird die Bananendichte, und ein zweiter Player mit großem Durst bestimmt das Bild: der Tourismus. Hotelanlagen, Gärten, Spaßbäder, auch sie verschlingen Teneriffas Süßwasser. Landwirtschaft und Tourismus ernähren die Einwohner der Insel – und saufen sich gegenseitig das Wasser weg. 

Wer auf Teneriffa Urlaub macht, erwartet, dass es fast tropisch aussieht«, sagt Hernández. Allein die Golfplätze grün zu halten, koste große Mengen Wasser. »Aber die Insel lebt vom Tourismus.« Hernández greift wieder zum Stift. Er malt eine steigende Kurve für den Wasserverbrauch in ein Koordinatensystem. Darüber setzt er eine sinkende, die für den Grundwasserspiegel steht. An der Stelle, wo sich die beiden Linien kreuzen, schreibt er 2020 und sagt: »Wenn wir nur auf die Stollen setzen, bekommt die Landwirtschaft schon in drei Jahren ein Problem.«

Dieses Problem will die Non-Profit-Organisation Fundación Centro Canario del Agua lösen. Hernández ist seit der Gründung 1998 dabei, und die Lösung liegt auf den ersten Blick ganz nahe. Warum soll eine Insel nicht das Wasser nutzen, das sie umgibt? Francisco Urquijo schlendert durch eine kühle Halle voller Rohre, Tanks und Becken. Hier wird das Wasser aus dem Meer nutzbar gemacht: eine Entsalzungsanlage. Fünf solche Anlagen zur Trinkwassergewinnung hat die Regierung auf Teneriffa schon in Betrieb, dazu kommen einige private Anlagen, die sich Betreiber von Golfplätzen und Schwimmbädern leisten. Urquijos Firma betreibt die öffentliche Anlage in dem einstöckigen Gebäude am Ortsrand von Granadilla de Abona. Er kennt hier jede Leitung und jede Schraube. Urquijo zeigt auf eine Reihe länglicher Tanks. »Da sind die Filter drin. Das Meerwasser muss als erstes gereinigt werden«, sagt er. Erst wenn Schmutz, Ölreste und Algen herausgefiltert seien, könne entsalzt werden. Dafür nutzt sein Team die Technik der Umkehrosmose. Mit Hilfe von großem Druck und einer halbdurchlässigen Membran trennt die Anlage die Salzpartikel vom Wasser. »Es ist einfach, aber auch genial«, sagt Urquijo. Ein wichtiger Schritt fehlt danach noch: die Remineralisierung. Denn das Produkt der umgekehrten Osmose ist eine Art Wasser, die Francisco Urquijo »hungrig« nennt. »Es versucht, sich die Mineralstoffe aus dem Metall zu holen.« Das wolle man vermeiden, denn das hungrige Wasser würde die Rohre kaputtfressen. Urquijo öffnet einen Plastiksack und greift hinein. Auf seiner Handfläche liegt ein Häufchen beige-weißen Granulats, das Futter für das hungrige Wasser. Kalkstein. 1500 Kilo davon schüttet er per Kran jeden Monat in die Wassersilos. »Man gibt Kohlendioxid dazu, lässt alles miteinander reagieren und fertig ist das remineralisierte Süßwasser.« Urquijo sieht zufrieden aus, während er das sagt.

Eine Insel in einem Ozean voller Wasser und eine Technologie, die dieses Meerwasser trinkbar macht – eigentlich könnte Manuel Hernández genauso zufrieden sein wie Francisco Urquijo. Aber er hat schon wieder eine Falte auf der gebräunten Stirn: Es geht um Elektrizität. »Als das Verfahren neu war, verbrauchte eine Entsalzungsanlage 22 Kilowattstunden Strom pro Kubikmeter Wasser«, sagt er. Über die Jahre sei die Technik effizienter geworden, sodass man heute für einen Kubikmeter nur noch zwei bis drei Kilowattstunden Strom brauche. »Trotzdem«, sagt Hernández und legt den Stift auf die Tischplatte, »ohne Strom kein Wasser. Und da liegt ein weiteres Problem.« Denn auf Teneriffa wird Strom zum größten Teil aus Erdöl gewonnen. Ob man aus Meerwasser Süßwasser machen kann, ist also von der Verfügbarkeit fossiler Brennstoffe abhängig. Darum sind erneuerbare Energien für Teneriffa so wichtig und die Casas Bioclimáticas, diese 24 Häuser, ein Schritt in die Zukunft. Man sieht der Architektin Attenya Campos an, dass es ihr Spaß macht, zu beobachten, wie die Raffinessen von »El Cubo« (der Würfel), »El Escudo« (das Wappenschild), »La Estrella« (der Stern), »El Cangrejo« (der Krebs) und den anderen Häusern ihre Besucher überraschen.

Campos erzählt gern davon, wie sie und ihre Kollegen die Häuser dank der erhobenen Messdaten verbessern. »Wenn wir zum Beispiel feststellen, dass die Klimatisierung mit den Windkanälen noch nicht optimal funktioniert, denken wir uns etwas Neues aus und probieren es«, sagt die Architektin und bleibt neben einem Haus stehen, dessen Frontseite komplett mit vertikalen Solarpanels bedeckt ist. »Das hier hat sich zum Beispiel nicht bewährt«, sagt sie. »An dieser senkrechten Hauswand bringen die Solarzellen kaum etwas. Aber wir wollten es unbedingt einmal ausprobieren.« Campos’ Lieblingshaus heißt »La Duna«, die Düne, hat weiche, abgerundete Formen und Solarpanels auf dem Dach. »Siehst du den Kamin?«, fragt sie. »Er ist da, um Wind einzufangen. Der wird dann in die Wände gelenkt und kühlt das Haus.« Wieder so eine Klimaanlage, die keinen Strom braucht. Wie der Bach im Wohnzimmer. »Teneriffa müsste nicht komplett auf Öl angewiesen sein«, sagt Campos. Sie schiebt sich eine Strähne aus der Stirn, der Wind lässt ihr Haar und ihr Blümchenkleid flattern und bringt nur einen Steinwurf hinter ihr ein Windrad zum Rotieren. Wind, Sonne und Meerwasser sind schließlich da. Man muss sie nur nutzen.

BIOHÄUSER: Casas Bioclimáticas

Die 24 Passivhäuser, alle umweltfreundlich erbaut, liegen im Südosten Teneriffas. Windräder und Solarzellen erzeugen Strom, Sensoren bestimmen das Raumklima, das Trinkwasser kommt aus dem Ozean. Die futuristischen Unterkünfte bieten jeweils 4, 5 oder 6 Gästen Platz.

Adresse: Granadilla de Abona, Polígono Industrial, http://casas.iter.es

Autor

Veronika Keller