Reisen mit Kindern Familienurlaub im Trentino

Wanderurlaub mit der Familie kann seine Tücken haben. Ins Trentino würde unsere Autorin aber jederzeit wieder mit ihren drei Kindern fahren. Weil Berge und Seen hier jeden glücklich machen.

Wanderurlaub mit der Familie im Trentino

»Bambino terribile«, sagt Anna Maria, und sie meint meinen Sohn. Und ich mag sie. Nicht nur, weil sie eine sehr sympathische Bergführerin ist, sondern weil sie dabei noch lächelt. Sie streicht dem »schrecklichen Kind« über die Haare, und mein Sohn lächelt auch, denn er sieht das riesige Plastikeis vor einer Gelateria und hat plötzlich wieder gute Laune. Anders als die drei Stunden vorher, in denen wir mit Anna Maria auf das Hochplateau Dromaè gewandert sind. Dorthin, wo wilde Pfingstrosen und Narzissen auf Bergwiesen wachsen. Dorthin, wo man aus 1300 Meter Höhe einen gigantischen Blick auf den Ledrosee hat und dorthin, wo Luis (7) auf dem Aussichtspunkt hoch über Mezzolago beinahe die zig Meter hohen Steilklippen hinuntergestolpert wäre, weil ihm der Hinweg zu steil, der Rückweg zu lang, die Kekse zu wenig und überhaupt die Berge zu bergig waren.

Es ist unser erster Tag im Trentino. Als Familie: zwei Erwachsene, drei Kinder, und für uns ist es ein Experiment. Wir haben so viele Geschichten von Freunden und Bekannten gehört, die mit ihren Kindern großartige Touren von Hütte zu Hütte gemacht oder gar die Alpen überquert haben. Wir schauten uns beeindruckt ihre Fotos an und fuhren selbst trotzdem jedes Jahr wieder ans Meer. Bis jetzt: Als in der Redaktion die Idee aufkam, dass jemand mit Kindern die Alpen bereist, hob ich den Finger. Mit dem Vorsatz, von Beginn an alle Anfängerfehler zu vermeiden, sprich: bloß kein Programm, das Bergtour an Bergtour reiht, auf die Interessen aller eingehen, für Abwechslung sorgen!

Das Trentino ist dafür perfekt, es liegt südlich von Südtirol, reicht vom Rosengarten-Massiv im Nordosten bis zum Gardasee im Südwesten und hat den Umriss eines Schmetterlings, was meine ganze Familie auf Anhieb sympathisch fand. Jetzt wohnen wir für eine knappe Woche im linken unteren Flügel, in Bezzecca, einem Dorf im Ledrotal, nur fünf Minuten vom Ledrosee entfernt. Der wiederum ist nur einer – aber ein besonders schöner – von insgesamt 297 Seen im Trentino, was ein weiterer Pluspunkt dieser Region ist: Nirgendwo sonst im gesamten Alpenraum gibt es so viele und so klare Bergseen auf so kleiner Fläche.

Bergsee in den Alpen
Unser Programm: Fischen auf Wunsch von Felix, 11, eine Tour durch hübsche Orte als Shopping-Trip für Lilly, 14, und der Besuch einer Ritterburg für Luis. Mein Mann und ich hatten eine Wanderung reklamiert, und jetzt sitzen wir mit Anna Maria am Ufer des Ledrosees und schauen hoch auf die Berge, in denen wir eben noch unterwegs waren.

Das Wasser und die Berge stehen im Trentino in einer ganz besonderen, bezaubernden Harmonie. Das spüren wir am nächsten Morgen, als wir am Ufer des Chiese im Valle di Daone stehen. Wir werden in dem flachen, klaren Fluss Forellen fangen. Zumindest ist Matteo Lavezzini davon überzeugt. Er ist 30 Jahre alt, führt einen Laden, in dem er alles verkauft, was man fürs Fliegenfischen braucht, und zählt zu den Trentino Fishing Guides, die man für Angeltouren buchen kann – auch als blutige Anfänger wie wir.

Wenn Matteo normalerweise am Chiese unterwegs ist, fängt er mindestens zehn Fische, an guten Tagen auch 30. Für Fliegenfischer ist das Trentino das beste Revier in ganz Italien. Wir lassen uns von ihm zeigen, wie man die Fliegen an der Schnur befestigt und wie man die Angel auswirft. Er erklärt uns, dass die Forellen »smart« sind, deswegen: flache Würfe, bei denen die »Fliege« aus Draht, Perlen und Fell als Köder nur ein paar Sekunden auf dem Wasser schwebt. Man verfolgt sie mit dem Blick, holt sie hoch, wirft neu aus. Bis einer beißt.

Das Wunderbare am Fliegenfischen ist, dass man alles um sich herum vergisst, wenn man die Angel konzentriert wieder und wieder auswirft und dabei ganz vorsichtig – um die Fische nicht aufzuschrecken – stromaufwärts durchs Wasser stapft. Richtet man dann noch zwischendurch den Blick auf die Gipfel ringsum und erahnt den Schnee auf dem Adamello–Gletscher vor strahlend blauem Himmel, dann ist man dem Glück eines perfekten Bergurlaubs schon ziemlich nah. Der einzige, der etwas unglücklich ist, ist Matteo. Denn wir fangen keinen einzigen Fisch.

Wobei wir ihn, wenn wir ihn denn hätten, sowieso wieder freilassen würden. Das Trentino gehört zu den Vorreitern des sogenannten »No-Kill-Fishings«. Damit will man die Lebensräume der Forellen schützen, allein am Chiese sind fünf besonders fischreiche Abschnitte zu »No-Kill«-Zonen erklärt worden.

Nach dem Mittagessen zieht Lilly die erste Forelle aus dem Fluss. Wir fotografieren sie von allen Seiten, bevor sie wieder ins Wasser darf. Etwas später fange ich auch noch eine, bin aber so aufgeregt, dass Matteo sie lieber aus dem Wasser zieht. Bald nachdem Luis in den Fluss gefallen ist und danach mangels Ersatzklamotten in einer zehn Nummern zu großen Angelhose am Ufer entlang stromert, machen wir Schluss.

Das Trentino in Italien
»Das Besondere am Trentino ist, dass es noch so viele unentdeckte Ecken hat«, sagt uns Carmen Picciani. Klar, Arco, Torbole, Riva am Gardasee, Rovereto und natürlich die Hauptstadt Trient, die kenne man, aber die vielen kleinen Orte hier, »die sind noch echt und unverfälscht«. Wir haben uns mit Carmen zu einer Tour durch die schönsten Orte des Trentino verabredet. Mehr noch, sie will uns Dörfer zeigen, die ganz offiziell zu den piu belli borghi d’Italia gehören, zu den schönsten Orten Italiens. Uns allen und Lilly im Besonderen wird schnell klar, dass die Idee von »schönem Dorf« gleich »hübschen Läden und netten Cafés« nicht aufgehen wird, denn die Straßen, durch die wir mit Carmen ziehen, entführen uns in eine andere Zeit. Wie durch ein Freilichtmuseum spazieren wir vorbei an altehrwürdigen Häusern mit Brücken, Ställen und Speichern. Seitdem Orte wie San Lorenzo di Banale, Rango und Canale di Tenno als »schönste Dörfer« geadelt seien, wachse das Bewusstsein für die Schätze, die hier erhalten sind, sagt Carmen.

Shopping war wohl nix«, sagt Lilly, als wir am Abend zu Hause ankommen, aber sie muss selber lachen, denn das einzige Geschäft, das wir in fünf Dörfern betreten haben, ist eine Töpferwarenhandlung in Canale di Tenno. »Schade, dass es in diesen Dörfern so still ist.« Und Luis sagt: »Wir können ja hinziehen.« – »Ja«, antworte ich, »und dann gehen wir jeden Tag wandern.« – »Lieber fischen!«, sagt er. »Und überhaupt: Wann kommt endlich mein Schloss?«

»Sein Schloss« gehört Graf Ulrico Spaur, seines Zeichens Schlossherr in 27. Generation. Das Castel Valer war schon Kulisse für einen Romeo-und-Julia-Film, und wer im Schlosshof steht, auf den 40 Meter hohen Turm sieht oder von der Loggia den Blick über das Val di Non schweifen lässt, versteht sofort, warum. Wein bewächst die Fassade mit den weiß-roten Fensterläden, und plötzlich steht ein älterer Herr mit Gehstock auf dem Balkon, schaut Luis ernst an und sagt: »Dieses Geländer ist aus echten Pfeilspitzen geschmiedet.« Ich sehe, wie die Augen meines Sohnes größer werden. Graf Ulrico, 79, hat einen neuen Knappen. Wir folgen ihm durch sein Schloss, und er zeigt uns das Cembalo, auf dem Mozart gespielt haben soll, und zieht im Ulrichssaal einen Degen aus einem Gehstock, an dessen Klinge, wie er sagt, noch das Blut aus dem letzten Kreuzzug nach Konstantinopel haftet.

»Wie wird man Graf?«, fragt Luis abends, und ich will gerade ansetzen zu einer kleinen Erklärung über den Adel und den Wandel der Zeit, als ich merke, dass er in seinen Gedanken schon woanders ist. »Egal. Ich brauche kein eigenes Schloss«, sagt er. »Wieso? Fandest du es nicht toll?« – »Doch, aber wir kennen ja jetzt den Grafen. Wir können einfach in sein Schloss. Wenn wir wieder in die Berge fahren!«

»Wollt ihr denn nochmal in die Alpen?«, frage ich die Kinder. »Kein Shopping, kaum Fische, steile Wege?« Alle sehen mich entgeistert an: »Natürlich. Wieso fragst du sowas?« Und Felix sagt: »Ich find’s besser als Strand.« Ich denke also, wir werden wiederkommen ins Trentino, vielleicht wieder genau hierher, in den linken unteren Flügel des Schmetterlings.

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