Berlin am Wasser Neue Horizonte

Diese pulsierende Metropole schiebt nicht überall eine große Welle. Dank Spree, Havel und Co fließt sie sogar im Zentrum mitunter ganz gemächlich vor sich hin. Unsere liebsten Orte am Wasser – zum Paddeln, Baden oder einfach nur Genießen.

Holzmarkt – ein Ort für Kreative an der Spree

AHOI BERLIN – »Flaschenpost« am Rummelsburger See

Nur von Weitem ist Berlins Großstadtlärm zu hören. Jan Sputnik sitzt in der Sonne und spuckt Kirschkerne ins Wasser. Hier an der Rummelsburger Bucht in Lichtenberg, nicht mal einen Kilometer vom Umsteigebahnhof Ostkreuz entfernt, schiebt Berlin eine ruhige Kugel. Jan Sputnik, einst Anhänger der DDR-Punk-Bewegung »Flaschenpost«, hat sich auf einem Steg ein kleines Paradies geschaffen. Dort verleiht er 18 Kajaks, ein Kanu und zwei Tretvögel (Ente und Flamingo). Die bekommt kostenlos, wer am ersten Dienstag des Monats einsteigt und nicht nur paddeln im Sinn hat: Dann lädt der gut gelaunte Alt-Punker zur »Clean Up Regatta«, einer großen Müllsammelaktion. Allen Paddlern gibt Sputnik gern Tipps für die passende Route – ganz entspannt, eine Runde auf dem Rummelsburger See, hinaus auf die Spree und bis zur Oberbaumbrücke oder in die andere Richtung bis zum Müggelsee. Adresse: Paul und Paula Ufer/Zillepromenade

HOLZMARKT – Das Kreativ-Dorf am Ufer der Spree 

Geballtes Berlin-Gefühl in Dorf-Format direkt am Friedrichshainer Ufer der Spree: Der Holzmarkt ist der sehr lebendige Beweis für die gestalterische Kraft der Berliner Kreativszene. Was einst mit der legendären »Bar 25« auf Brachen an der Spree begann und mit dem »Kater Holzig« weiterging, hat sich genossenschaftlich verfestigt – dank finanzieller Unterstützung. Zentrum des Geländes ist ein Dorfplatz mit Holzbänken und Zeltdächern, umgeben von Cafés, Läden, einer Musikschule und einer Kita. Hier treffen Menschen aus aller Welt auf jene, die hier arbeiten, zum Beispiel auf den Regisseur Tom Tykwer (siehe S. 78). Frisches Brot gibt es in der »Backpfeife«, Pizza auf die Hand in der »Pampa«, sehr gutes Essen im »Katerschmaus«. Am Abend sitzt man dort mit einem Glas Wein, sieht die Boote vorbeiziehen und die Sonne hinter dem Fernsehturm versinken. Und dann geht es zum Feiern ins »Kater Blau« – im selben Dorf, gleich nebenan. Adresse: Holzmarktstr. 25

MÜGGELSEE – Wasserlandschaft mit Bergpanorama

Der See, an dem alles möglich ist, liegt ganz am Ostrand der Stadt, die Spree fließt von dort ins Zentrum. Wassersportler nehmen die andere Richtung und kommen hierher zum Surfen, Baden, Beachvolleyball. Erste Anlaufstelle ist das Strandbad Müggelsee am Nordostufer (S-Bahn bis Rahnsdorf). Es wurde Anfang des 20. Jahrhunderts angelegt, immer wieder umgestaltet, steht inzwischen teilweise unter Denkmalschutz und wird ab 2019 leider mal wieder saniert. Dann sind 500 Meter besonders beliebter Strand eine Weile nicht zugänglich, es gibt aber eine schöne Alternative: das Seebad Friedrichshagen am Nordwestufer (S-Bahn bis Friedrichshagen). Genau genommen gibt es zwei Müggelseen, den Großen und den Kleinen, die Nachbarn sind. Und auch noch nebenan liegt Neu-Venedig, das aus einem alten Kanalsystem der Spreewiesen entstanden ist. Tipp: Wer die Gegend von oben sehen möchte, der steige auf den Müggelturm in den Müggelbergen. Es lohnt sich!

KRANHAUS CAFÉ – Genießen, wo einst malocht wurde

Kranhaus Café: Wo Durst statt Frachten gelöscht werden
Früher wohnten die Arbeiter auf der einen Seite des Spree-Knies, auf der anderen verdienten sie ihr Geld. Die Oberschöneweide war im Osten Berlins das Industriegebiet, eines der größten in der DDR: AEG, NAG und das Kabelwerk Oberspree hatten hier ihre Produktionsstätten und beschäftigten Tausende. Die Vergangenheit ist noch sichtbar, die ganze Gegend aber im Wandel. Heute nutzt die Hochschule für Technik und Wirtschaft die verlassenen Gebäude diverser Unternehmen, rundherum sollen Innovations- und Technologiezentren entstehen. Wie übrig geblieben ruht das alte Kranhaus am Ufer, Schiffsfracht wird dort nicht mehr gelöscht. Aber Durst. Denn hinter der großen Glasfront befindet sich im Erdgeschoss das schöne, lichtdurchflutete »Kranhaus Café«. Die Kuchen und Quiches kann man bei schönem Wetter auch draußen auf Bierbänken genießen und der Spree beim gemächlichen Fluss ins Zentrum zusehen. So langsam kann Berlin sein (Tram bis Rathenaustraße). Adresse: Paul-Tropp-Str. 11

SCHLACHTENSEE – Badespaß im saubersten Wasser der Stadt

Willy Brandt ruderte in den fünfziger Jahren gern mit seinen Söhnen über den lang gezogenen, schmalen Schlachtensee. Da war er noch Bürgermeister von Berlin und wohnte nicht weit, er konnte zu Fuß dorthin laufen. Der See liegt nah beim Grunewald im Südwesten der Stadt und ist auch mit der S-Bahn gut erreichbar, vom Hauptbahnhof zur Station Schlachtensee in einer halben Stunde. Es lohnt sich, Jogger, Hundebesitzer und Wildschweine mögen das üppig bewaldete Ufer. Und im Sommer tummeln sich auf dem sandigen Boden all jene, die das Wasser im saubersten Badesee Berlins lieben – zum Baden, zum Angeln oder, um wie einst Willy Brandt darauf herumschippern. Neuerdings gibt es auch Boards für Stand-up-Paddler zu mieten. Der Ufer-Rundweg ist sieben Kilometer lang, ideal für einen ausgedehnten Spaziergang. Stärkung gibt es in der denkmalgeschützten »Fischerhütte« von 1723 mit Biergarten und Bootsverleih. Adresse: Fischerhüttenstr. 136

STRANDBAR MITTE – Der letzte Tango in Berlin

Sie ist eine der Urzellen des Strandbar-Booms, der Anfang des Jahrtausends das ganze Land erfasste. Und sie ist sich seitdem treu geblieben: als ein Ort zum Entspannen inmitten geballter Berlin-Kulisse, den Fernsehturm im Blick und die Museumsinsel direkt gegenüber. Wer im Sommer vom Hackeschen Markt durch den Monbijoupark spreeabwärts spaziert, kommt automatisch zur »Strandbar Mitte«, ihre Liegestühle und Kübelpalmen sind auch nicht zu übersehen. Könnte sein, dass Sie dort länger bleiben als geplant und nicht nur die Füße hochlegen. Denn abends wird hier getanzt: Tango, Swing, Cha-Cha-Cha, Walzer oder Salsa – unter professioneller Anleitung, zur Musik wechselnder DJs. Mitmachen kann jeder, manchmal gratis, manchmal für ein paar Euro. Und wenn die Lichterketten dann irgendwann ausgehen und der letzte Tango von Berlin verklungen ist, dann funkelt die Stadt im Dunkeln, und man möchte immer noch nicht weg.

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Autor

Kerstin Zillmer