Wildpferde Die Wilden von Dülmen

Sie kennen keinen Hufschmied, keinen Tierarzt und auch keinen Reiter: Im Merfelder Bruch im Naturpark Hohe Mark ist die größte wild lebende Pferdeherde Deutschlands zu Hause.
Wildpferde Dülmen

Es ist ein Moment der Ruhe. Der Nebel hat sich verzogen, der Tau liegt noch über der Wiese. Die Tiere bewegen sich langsam, leichtfüßig, anmutig. Mal verteilen sie sich in alle Richtungen über das weite Grün, mal bewegen sie sich im Pulk. Nur selten wechselt eines der Pferde in den Trab, nur ab und zu hüpft mal ein Fohlen davon. Ein Wiehern unterbricht für einen Augenblick die Stille, ein Tier schnaubt auf. Und man bemerkt: Je länger man hier steht, auf der Weide bei den Dülmener Wildpferden, umso ruhiger wird man selbst. 

© Gulliver Theis

Friederike Rövekamp, dunkle Barbourweste über der Bluse, grüner Filzhut, Wanderstiefel, ist so gut wie jeden Tag hier draußen. Die Försterin kümmert sich um die Herde. Wobei kümmern in ihrem Fall bedeutet: den Tieren ihre Ruhe lassen, ihnen ihre Freiheit erhalten. Denn bei der gut 400 Exemplare zählenden Herde handelt es sich um einige der letzten weitgehend wild lebenden Pferde in Deutschland. Ihre Heimat ist der Merfelder Bruch, nur ein paar Kilometer westlich von Dülmen. Das rund 400 Hektar große Naturschutzgebiet gehört zum Naturpark Hohe Mark, einer Gegend mit ganz unterschiedlichen Gesichtern. Da sind die Wasserlandschaften rund um Haltern mit ihren Gewässern, an denen seltene Vogelarten Schutz finden. Da ist, nicht weit davon entfernt, die Westruper Heide, eines der ältesten Naturschutzgebiete Nordrhein-Westfalens. Auch Wälder wie der Diersfordter Wald bei Wesel oder der Hiesfelder Wald am Stadtrand von Oberhausen gehören dazu. Und im Nordosten des Naturparks, im Münsterland, kann man große, von der englischen Gartenkunst inspirierte Landschaftsparks durchstreifen. Eine schöne Gegend, die sich am besten mit dem Fahrrad erkunden lässt: Gleich mehrere Mehrtagesrouten führen durch den beinahe 2000 Quadratkilometer großen Naturpark.

Herzog von Croÿ hat den Pferden ein Reservat geschaffen – für ihn eine »Art Arche Noah«

Wenn die Wildpferde im Merfelder Bruch über die Wiese laufen, dann scheint ihr Schweif im Takt zu hüpfen. Ganz leicht wirken die Bewegungen. Dülmener Brücher wurde die Rasse ursprünglich genannt. Sie sind deutlich kleiner als die groß gezüchteten Reitpferde, ungestüm oder gar aggressiv wirkt keines von ihnen. Mit dem heute typischen Dasein eines Pferdes hat ihr Leben so gut wie nichts gemein: Kein Tierarzt versorgt die Tiere, kein Hufschmied schaut vorbei, niemand reitet auf ihnen. Sie werden auch nicht gefüttert, sondern ernähren sich von dem Gras, das sie finden. »Nur im Winter, wenn es eisig wird, geben wir manchmal Heu dazu«, erzählt Friederike Rövekamp. »So frei wie nur möglich« sollen die Pferde leben.

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Rövekamps Arbeitgeber ist Rudolph Herzog von Croÿ, ihm gehört der Merfelder Bruch. Nach Dülmen ist die Adelsfamilie von Croÿ nach der Französischen Revolution gekommen. Wilde Pferde haben damals schon in dem Gebiet gelebt. Bereits 1316 wurden sie das erste Mal erwähnt. Ursprünglich müssen es Tausende umherziehende Tiere gewesen sein. In der Mitte des 19. Jahrhunderts aber wäre das Ende der Herde beinahe besiegelt gewesen. Immer mehr Land wurde urbar gemacht, die wilde Natur verschwand. Nicht einmal 40 Pferde lebten damals noch. Doch die Familie von Croÿ schuf ihnen ein Reservat, mit dem die Geschichte der heutigen Wildpferdebahn begann. »Ein Sichtfenster in die Vergangenheit, eine Art Arche Noah«, nennt Herzog von Croÿ den Merfelder Bruch.

Er sagt, dass es ihm wichtig ist, dass die Herde am Leben bleibt. »Vom Pferde-Virus befallen« sei er seit seiner Kindheit. Sobald er damals von der Schule nach Hause gekommen war, wollte er reiten. Die Begeisterung für die Tiere prägt ihn bis heute. »Große Massen an Pferden sind mir eindeutig lieber als Menschenmassen«, sagt von Croÿ. Auf der Wildpferdebahn könne man noch erleben, wie Pferde sich verhalten, wenn der Mensch nicht über ihr Leben bestimmt, wenn er sie nicht formt, züchtet und domestiziert. Das Reservat zu erhalten, sei für ihn deshalb auch das: »Achtung vor der Natur und der Schöpfung«.

Einmal im Jahr werden die jungen Hengste gefangen – beim »westfälischen Rodeo«

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Doch ganz ohne menschlichen Eingriff geht es auch im Merfelder Bruch nicht. Einmal im Jahr wird das Leben der Pferde gestört. Besser gesagt: muss gestört werden. Die jungen Hengste, rund 30 sind es pro Jahr, werden dann aus der Herde genommen. Würde das nicht passieren, käme es zu brutalen Rangkämpfen – »bis zum Tod«, sagt Friederike Rövekamp. Denn die Pferde leben zwar weitgehend frei in der Natur, aber eben doch in einem von Zäunen begrenzten Areal. Anders als in völliger Freiheit können sich die miteinander streitenden Hengste auf der Wildpferdebahn niemals ganz aus dem Weg gehen. Es sind Landwirte aus der Umgebung, die die jungen Tiere beim sogenannten Wildpferdefang mit den Händen einfangen. Die Herde wird dafür, immer am letzten Samstag im Mai, in eine Arena getrieben. Die Männer ergreifen den Hals der Hengste und streifen ihnen ein Halfter um – vom »westfälischen Rodeo« ist deshalb oft die Rede. »Dafür braucht man Fingerspitzengefühl«, sagt Friederike Rövekamp. Damit die Tiere nicht in Panik geraten, werden die Fänger von einer Expertin von der Tierärztlichen Hochschule Hannover geschult. Mehr als 10000 Zuschauer verfolgen das Spektakel, Karten sind heiß begehrt. Mit den Eintrittsgeldern wird ein Teil der Kosten für die Pflege des Merfelder Bruchs erwirtschaftet.

Die Wildpferdebahn kann von März bis November samstags, sonntags und an Feiertagen sowie bei Führungen besucht werden. www.wildpferde.de, www.naturpark-hohe-mark.de

Oft kommen auch Gruppen, um die Wildpferdebahn zu besuchen. Friederike Rövekamp führt sie dann über das Gelände. Bevor sie zum Arbeiten in den Merfelder Bruch gekommen ist, erzählt die Försterin, hätte sie kein besonderes Verhältnis zu Pferden gehabt, Reiten sie nie interessiert. »Ob ein Pferd besonders elegant trabt oder nicht, das kann ich nicht erkennen.«

Es ist etwas anderes, das Friederike Rövekamp an den wilden Pferden fasziniert. »Der Herdentrieb begeistert mich, das Sozialverhalten in der Gruppe«, sagt sie. »Und ich staune immer wieder über diese Ruhe der Tiere, darüber, wie sie sich selbst nicht so wichtig nehmen. Da können wir Menschen noch viel von den Pferden lernen.«

Weitere Informationen finden Sie auch unter: www.dein-nrw.de/natur​​

Text: Alexander Jürgs

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