Nordrhein-Westfalen Sonne und Sterne im Nationalpark Eifel

Tagsüber mit einem Ranger auf dem Wildnis-Trail in den »Urwald der Zukunft« oder nachts im Sternenpark Millionen Lichter sehen? Machen Sie am besten beides auf einmal – denn in der Eifel kann man rund um die Uhr etwas erleben.
Nationalpark Eifel

Plötzlich bleibt Rolf Jakobs stehen und dreht sich um.

»Hast du das bemerkt, diesen Maggi-Geruch?«, fragt er. »Hier sind Wildschweine unterwegs.« Wir bleiben bewegungslos, für zwei, drei Minuten, zeigen wollen sich die Tiere trotzdem nicht. Also ziehen wir weiter, den Hang hinauf, auf einem steinigen Pfad an hochgewachsenen Buchen vorbei. Wildnis-Trail wurde der Wanderweg, auf dem wir gerade sind, getauft, er ist so etwas wie die Königsdisziplin im Nationalpark Eifel. In vier Etappen führt die Route auf 85 Kilometern einmal durchs Revier, zu wildromantischen Flussläufen, weiten Wiesen und tiefen Waldtälern, zu spektakulären Fernsichten. Rolf Jakobs ist hier oft unterwegs, das ist sein Beruf. Er hat lange als Forstwirt gearbeitet, bevor er zum Nationalpark-Ranger umschulte.


© Dominik Ketz

Jakobs’ Aufgabe ist es, Gästen zu erklären, warum der 2004 gegründete Nationalpark so wichtig ist. Warum der Natur hier wieder freier Lauf gelassen wird, warum bald nicht mehr der Mensch die Entwicklung des Waldes lenkt, sondern ein »Urwald der Zukunft« entsteht. Und welch ein bedeutender Schutzraum dieser Nationalpark schon heute ist. Mehr als 10 000 Tier- und Pflanzenarten sind in dem 110 Quadratkilometer großen Areal nachgewiesen. Über 2000 davon stehen auf der Roten Liste, gelten als gefährdet. Gut 50 der äußerst seltenen Wildkatzen wurden im Nationalpark gezählt. Lebensraum ist er auch für rund 1000 Rothirsche, für Biber, Schwarzstörche, Uhus und Flussperlmuscheln. In den alten Schieferstollen haben viele Fledermausarten Unterschlupf gefunden.

Dabei bildet der Nationalpark den Kern für ein noch viel größeres Gebiet, in dem der Naturschutz eine wichtige Rolle spielt: den Naturpark Nordeifel. Die Hochmoore und Heidelandschaften des Hohen Venns an der Grenze zu Belgien gehören dazu, die Wasserwelten der Rureifel, die Bergrücken der Hocheifel genauso wie das Ourtal mit seinen sumpfigen Talauen, das an Luxemburg grenzt.

Rolf Jakobs trägt die typische Kluft der Ranger: den Hut mit der breiten Krempe, die waldgrüne Outdoorjacke, die Wanderstiefel. »Das ist wichtig, damit die Leute wissen, dass sie uns ansprechen können.« Wenn Jakobs, im typischen Singsang der Region, ins Erzählen kommt, ist der Ranger kaum zu bremsen. Dann holt er weit aus, erinnert etwa an die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, als die alten Bäume hier abgeholzt wurden, um damit Reparationszahlungen zu begleichen. Um den Wald wieder aufzuforsten, hat man danach vor allem die schnell wachsenden, aber nicht heimischen Fichten gepflanzt. Wenn die Landschaft nun immer mehr sich selbst überlassen wird, werden diese Bäume wieder verschwinden. Durchsetzen wird sich, so Jakobs, dagegen die Rotbuche: »Buchenwälder sind die natürlichen Wälder Deutschlands.«

Was für ein Sternenhimmel! Im Nationalpark sieht man die Milchstraße mit bloßem Auge

Den Besuchern nahebringen, was das Leben im Wald ausmacht, wie der »Urwald von morgen« wachsen wird – das liegt den Rangern am Herzen. Und dafür wird auch viel getan. Fünf sogenannte Nationalpark-Tore mit unterschiedlichen Ausstellungen sind entstanden, dazu die große, multimediale Schau »Wildnis(t)räume« im Nationalpark-Zentrum. Geführte Wanderungen stehen auf dem Programm. Per Kutschfahrt lässt sich die Dreiborner Hochfläche, die man auch auf dem Wildnis-Trail streift, erkunden. Hier wächst der Besenginster, und mit etwas Glück kann man Hirsche sehen. Und es gibt den »Wilden Weg«, einen Naturerlebnispfad, der auch mit dem Rollstuhl besucht werden kann und in Blindenschrift ausgeschildert ist. »Damit haben wir weltweit Aufmerksamkeit erzeugt«, so Jakobs.


© Maximilian Kaiser

Seine Faszination übt der Nationalpark auch nachts aus. Dann kann man hier etwas beobachten, was es an vielen anderen Orten schon lange nicht mehr gibt: einen sternenreichen Nachthimmel. Unter dem Motto »Sterne ohne Grenzen« hat der Kölner Harald Bardenhagen eine Astronomie-Werkstatt initiiert. Der ehemalige Berater aus der IT-Branche wollte seinem Leben mit einer neuen Aufgabe einen anderen Dreh geben. »Irgendwann hat man genug von Bits und Bytes«, sagt er. Seine Himmelsbeobachtungen sind enorm beliebt: In einer Herbstnacht, die Temperatur knapp über dem Gefrierpunkt, pilgern gut 200 Menschen auf die ein paar hundert Meter vom Nationalpark-Zentrum entfernte Lichtung, auf der Bardenhagen zwei riesige Teleskope und ein nicht weniger beeindruckendes Fernglas aufgebaut hat. Anfangs fühlt man sich noch etwas unsicher in der Dunkelheit, tappt lieber etwas vorsichtiger über die Wiese, doch schon bald gewöhnen sich die Augen an die Abwesenheit des Lichts. Dann erkennt man die Schatten der Bäume ringsherum und die Menschen, die es sich mit warmen Daunenjacken und in Decken gehüllt auf mitgebrachten Campingstühlen bequem gemacht haben, um in den Abendhimmel zu blicken. Und man fängt selbst an zu staunen, über die Masse an funkelnden Sternen über einem, über das Stück Milchstraße, das man mit bloßem Auge erkennen kann. »Solch einen Himmel gibt es bei uns in der Stadt nicht«, sagt eine Frau.

Das ist tatsächlich ein Problem: Denn natürliche Nachthimmel sind zur Seltenheit geworden. Zu viel künstliches Licht, besonders in den urbanen Zentren, sorgt dafür, dass es an den meisten Orten der Welt nicht mehr richtig Nacht wird. Gegen all die Straßenlaternen, blinkenden Reklametafeln und beleuchteten Gebäude kommt die Dunkelheit nicht an. In der dünn besiedelten Eifel ist das anders. Dort sind die störenden Einflüsse nur minimal, und viele Gemeinden rund um den Nationalpark haben sich verpflichtet, sich dafür zu engagieren, dass das auch so bleibt. Die International Dark Sky Association, ein global agierender Zusammenschluss gegen die Lichtverschmutzung, hat den Nationalpark deshalb als »Sternenpark« ausgezeichnet. Der Schutz der Nacht ist dabei ein wichtiger Beitrag zum Naturschutz. Denn nachtaktive Tiere leiden unter dem Mangel an Dunkelheit. Wo zu viel Licht die Nacht stört, gerät ihr Biorhythmus aus dem Gleichgewicht. So fallen immer mehr Lebensräume für die Tiere weg.

Harald Bardenhagen steht nun an einem der Teleskope. Er hat es so eingestellt, dass man beim Blick hindurch den Saturn erspäht. Er hilft einem Jungen auf die Leiter, damit er durchs Teleskop schauen kann. »Siehst du die Ringe um den Planeten?«, fragt er. »Ja«, jubelt der Kleine. Bardenhagen gestaltet seine Sternennächte unterhaltsam, erklärt die Dinge so, dass alle sie gut verstehen. Er stellt Sterne vor, beschreibt, wie man mit einfachen Tricks Sternbilder findet, und spricht immer wieder darüber, warum die Lichtverschmutzung kein zu vernachlässigendes Problem ist. Vor allem aber will er seine Begeisterung weitergeben. Denn, so Bardenhagen, »etwas Faszinierenderes als einen Himmel voller Sterne gibt es für mich nicht.«

Entdecken Sie den Naturpark Eifel mit einem/r unserer erfahrenen Ranger/innen.

Weitere Informationen zum Nationalpark Eifel finden Sie auch unter: www.dein-nrw.de/natur​

Text: Alexander Jürgs

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