Sauerland Die Kraft der Stille

Riesige Bäume, sanfte Hügel, Felsen, Seen, Grotten und Quellen: Im Sauerland liegen über 40 Seelenorte – Plätze, die berühren und inspirieren. Unsere Autorin ging Waldbaden
 Sauerland Nationalpark

Das Sauerland empfängt mich mit wärmender Spätsommersonne. Die Besenheide sprießt aus der Erde und taucht die Hügel der Niedersfelder Hochheide in sattes Lila. Vor mir liegt der Goldene Pfad, ein fünf Kilometer langer Rundweg am Fuße des Langenbergs. Die große Tafel am Eingang gibt jedem Besucher ein schönes Versprechen: den Alltag zu verlassen. Na, dann...

Als Landschaftstherapiepfad angelegt, lädt der Weg an zehn Achtsamkeitsstationen ein, die vielfältige Natur der Hochheide in sich aufzunehmen. Schon bei der ersten Station, »Auf dem Landschaftsbalkon«, halte ich inne – und genieße den Blick auf die Heide und die sanft geschwungenen, mit dichtem Wald bewachsenen Bergkuppen. Der Pfad liegt im Naturpark Sauerland Rothaargebirge, dem mit rund 3800 Quadratkilometern Fläche zweitgrößten Naturpark Deutschlands. 60 Prozent bestehen aus dichtem Mischwald – beste Voraussetzungen, um hier diesem Trend aus Japan nachzuspüren: Shinrin Yoku, dem Waldbaden. Dabei geht es um das Eintauchen in die Natur, um bewusstes Erleben. Was sich offenbar positiv auf Körper und Geist auswirkt: Wissenschaftler haben festgestellt, dass sich beim Waldbaden Blutdruck und Pulsfrequenz normalisieren, Stress und Ängste abbauen.


© Sauerland-Tourismus e.V.

Menschen im Sauerland haben die Orte ausgewählt und zu einem Projekt gemacht

Ich nehme mir Zeit zum Beobachten. Sehe seltsam verrenkte Bäume, die sich vereinzelt aus dem Boden strecken. War der Pfad gerade noch steinig, wird der Untergrund nun weicher. Angekommen im Wald lasse ich mich auf einer der geschwungenen Bänke an einer Lichtung nieder. Jetzt gerade, scheint es, stehen die Gedanken still. Die Atmung wird ruhiger, die Gesichtsmuskeln entspannen. Die Aufmerksamkeit richtet sich zugleich nach außen, in die Weite des Himmels, und nach innen, in die eigene Gefühlswelt. So ist es wohl, wenn die Seele entspannt.

Seit gut einem Jahr spricht man im Sauerland offiziell von den Seelenorten. Der Goldene Pfad ist einer von ihnen, 43 sind es insgesamt. Die meisten dieser Orte haben keine Tafeln oder auffällige Eingänge. Einige sind eher versteckt, in Wäldern, in der Heide, aber gut zu erreichen über Wanderwege. Mal sind es alte Steinbrüche wie der am Schinkenkeller bei Silberg, mal sanfte Bergkuppen oder Grotten, mal Gewässer wie der Schmalah See bei Brilon oder mythenumrankte Felsen wie das Hollenhaus bei Schmallenberg-Bödefeld. Alle liegen sie in der ersten »Qualitätsregion Wanderbares Deutschland«, nahe den Sauerland-Wanderdörfern – ein Verbund von elf Kommunen, der die Bedürfnisse der Wanderer im Fokus hat und auch das Projekt der Seelenorte verantwortet. Ein Projekt der Menschen, die hier leben und sich in Heimat- oder Wandervereinen, in Kulturbetrieben oder Kirchengemeinden engagieren. Auf Initiative des Tourismusverbandes haben sie ihre Seelenorte vorgeschlagen. Orte, die kraftvoll und spirituell sind, Stille und Entschleunigung versprechen, dazu den Blick für die sauerländische Landschaft und Lebensart schärfen. »Orte,«, so Sabine Risse vom Sauerland-Tourismus, »die Geschichten in sich tragen.«

Almquellen Sauerland Nationalpark
Damit auch Besucher diese Geschichten erfahren, vermittelt die Touristinformation Kontakt zu den Erzählpaten. Zu Menschen wie Wolfgang Kraft und Melanie Stratmann. An einem wolkenbehangenen Herbstmorgen treffen wir uns an den Almequellen im Mühlental bei Brilon. Auch sie gehören zu den Seelenorten. 104 Quellen sind es, die in den Rinnsalen und in einem kleinen See sprudeln und die Alme zu einem Fluss bilden.

Ein Besuch bei den Baumriesen rückt die eigene Welt ein Stück zurecht

An einer Bank am Fuße der Quellen bleiben wir stehen. Pyrenäen-Löffelkraut säumt die Ufer, es riecht nach frischer Minze. Ein Blubbern durchdringt die Stille. Bläschen steigen auf, scheinen die Gedanken wegzutragen. Manchmal komme er mit seinen Enkeln her, sagt Wolfgang Kraft, am liebsten aber ist er allein. Ich ahne, warum. Ursprünglicher als eine Quelle – dort, wo alles beginnt – kann die Natur kaum sein. Und davon gibt es viele in dieser Gegend: Sieg, Eder, Lahn, Lenne und Ruhr entspringen hier, dazu kleinere Flüsse wie die Alme. Mit ihr ist auch Melanie Stratmann tief verbunden. Ihre Kinder hat sie mit Alme-Wasser taufen lassen, seit ihrer Kindheit kommt sie fast jede Woche hierher. Die Ordnung der Natur, die Farben, das Rauschen der Blätter – all das entspanne sie. »An diesem Ort darf ich einfach sein«, sagt sie. »Die Natur hat keinen Anspruch an mich.«

Meine nächsten »Begleiter« sind 130 Jahre alt und riesig. Im Jungholz, einem Waldgebiet in Glindfeld bei Medebach, weist ein Holzschild den Weg zu den »größten Lebewesen im Sauerland«, zu 38 Douglasien, die als »Himmelssäulen« ebenfalls zu den Seelenorten zählen. Ich habe keine Eile. Die alten Riesen werden warten. Fast beiläufig richtet sich die Aufmerksamkeit auf das seichte Licht. Shinrin Yoku heißt auch, den Wald mit allen Sinnen aufzunehmen, in die Atmosphäre einzutauchen, anders zu riechen, zu sehen, zu hören. Ich lausche den Vogelstimmen, mal ein Zwitschern, mal ein Krächzen. Ohnehin ist der Naturpark für Vogelkundler eine Wonne: Seltene Arten wie Rotmilan, Braunkehlchen oder Neuntöter leben hier.


© Klaus-Peter Kappest, Sauerland-Tourismus e.V.

Dann türmen sie sich auf, 38 eng in einer Reihe stehende Douglasien. Während die Äste der Buchen wild im Wind tanzen, wippen die Douglasien mit ihren mächtigen Ästen nur müde im Takt. Ich lege den Kopf in den Nacken und kann trotzdem keinen Blick in die Kronen dieser Kieferngewächse erhaschen. Über 60 Meter sind sie hoch. Wie winzig man sich fühlt. Fast belanglos kommen mir die Dinge vor, um die am Morgen meine Gedanken kreisten. Ein Besuch bei den Baumriesen rückt die eigene Welt ein Stück zurecht. Und so passiert ganz nebenbei das, was mir der Goldene Pfad versprach: den Alltag zu verlassen.

Weitere Informationen finden Sie auch unter: 

www.dein-nrw.de/natur​​​

www.sauerland-wanderdoerfer.de

www.naturpark-sauerland-rothaargebirge.de

Text: Leonie Schulte

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