Lübeck Übernachten auf einem Schiff

... Seemannsgarn sind. In seiner hundertjährigen Historie trotzte das Schiff Wind und Wetter, ...

Die Segelyachten im Priwallhafen am östlichen Traveufer wirken vor ihrer Kulisse wie Modellschiffchen. Masten schaukeln unruhig in den Wellen, Wanten klimpern im Wind und an der Kaimauer thront ruhig und majestätisch die Viermastbark Passat. Fast ein wenig sehnsuchtsvoll schaut das außer Dienst gestellte Segelfrachtschiff Richtung Ostsee. Die Passat ist viel herumgekommen. Seit 1960 liegt der stolze Tiefwassersegler als einer der letzten Zeugen des Segelschiffszeitalters in Travemünde und wird seither nicht nur als Museumsschiff, sondern auch als Jugendherberge, für Veranstaltungen, Tagungen und Hochzeiten genutzt.

... hat der Viermaster "Passat" eine Menge Geschichten zu erzählen, die beileibe nicht nur ...
Über eine schaukelnde und knarzende Gangway gelangt man an Deck des rund 115 Meter langen Schiffes. Was von außen mächtig und elegant aussieht, ist innen die Perfektion der Funktionalität. Um in den Bauch des Schiffskörpers zu kommen, muss man über bis zu 30 Zentimeter hohe Schwellen steigen. Diese so genannten Sülle sollten Seewasser, das über die Bordwand geschwappt war, davon abhalten, durch die Gänge zu rauschen.

Eine Doppelkammer ist etwa fünf Quadratmeter groß, hat ein hölzernes Stockbett, eine Bank, einen Tisch, zwei Spinde, zwei kleine Schubladen und zwei Bullaugen. Die Kojen muss man selbst beziehen, einen Kopfkissenbezug gibt es nicht, stattdessen legt man das keilförmige Polster einfach am Kopfende unters Bettlaken - ein Luxus, von dem die Schiffsjungen in ihren Hängematten nur träumen konnten. Die 34 Stammbesatzungsmitglieder hatten feste Kojen. Die Matrosen schliefen mit je 12 Mann in einem großen Raum, eingeteilt in Steuerbord- und Backbordwache. Nur die Offiziere und der Kapitän hatten Einzelkammern.

Die Geschichte der Passat ist so abenteuerlich, wie die einer 100-jährigen Weltenbummlerin nur eben sein kann. Als das Fünfmastvollschiff Preußen nach einer unverschuldeten Kollision mit einem britischen Dampfer vor Dover strandet, gibt die Reederei F. Laeisz die kleineren Viermastbarken Peking und Passat bei Blohm & Voss in Auftrag. Die alteingesessene Reederei existiert noch heute und wurde bekannt für ihre zuverlässige und robuste Segelflotte. Flying-P-Liner wurden die Großsegler genannt, weil sie schnell waren und 66 von 86 Segelschiffen einen Namen mit dem Anfangsbuchstaben "P" trugen. Unter voller Besegelung von 3860 Quadratmetern Segelfläche erreichte die Passat beispielsweise bis zu 18 Knoten (ca. 33 km/h) und ließ die Dampfschiffe damit in ihrem Kielwasser.

Am 20. September 1911 läuft die Passat bei der Hamburger Werft Blohm & Voss vom Stapel und wird in der Salpeterfahrt eingesetzt. Salpeter wird damals in großen Mengen in Chile gewonnen und zur Herstellung von Nitratdünger und Sprengstoff nach Europa verschifft. Nach dem Ersten Weltkrieg muss Deutschland die Passat als Kriegsentschädigung an Frankreich abtreten. Da die Franzosen aber keine Verwendung für das Schiff haben, kauft der Reeder Laeisz es zurück. 1928 kollidiert die Passat mit dem französischen Dampfschiff Daphne. Bevor die Daphne mit 2000 Tonnen Eisenerz sinkt, kann sich ihre Besatzung über den Klüverbaum, den nach vorne herausragenden Teil des Vorschiffs, auf die Passat retten. Der Flying-P-Liner hat nur ein paar Kratzer abgekriegt und nimmt wenige Tage später den Kurs Richtung Chile wieder auf.

Mit der Entwicklung des Haber-Bosch-Verfahrens, durch das Ammoniak industriell hergestellt werden kann, wird die Salpeterfahrt unrentabel. Als die Wirtschaftskrise auch die Reedereien erreicht, verkauft Laeisz die Passat und ihr Schwesterschiff Pamir an den finnischen Reeder Gustaf Erikson, der Getreide aus Australien nach Europa bringen lässt. Nach dem Tod von Gustaf Erikson werden die "Passat" und "Pamir" 1950 an die Belgische Abwrackwerft Van der Loo verkauft. Dort werden sie von der Reederei Schliewen unter Zugabe des Schleppers "Thomas" für einen Schrottpreis gekauft und wieder als Frachtsegelschulschiff eingesetzt.

Wenige Wochen nach dem Untergang der Pamir am 21. September 1957 in dem Hurricane Carry wäre die Passat ebenfalls fast gesunken. Südwestlich der Biskaya gerät sie in einen Orkan, bei dem die Gerstenladung verrutscht und die Viermastbark in eine gefährliche Schlagseite von knapp 60 Grad gerät. Der Kapitän lässt den Steuerbord-Tieftank, der mit Gerste gefüllt war, fluten und segelt sie unter ständiger Kentergefahr in den rettenden Hafen von Lissabon. Anschließend wird sie endgültig außer Dienst gestellt und zwei Jahre später von der Stadt Lübeck gekauft. Seit 1960 ist sie in Travemünde fest vertäut, wenige Jahre später wird sie abgetakelt.

Seither hat die Passat nur noch Menschen geladen, die sich von echten Passat-Matrosen wie Klaus Grope nicht nur Seemannsgarn vertellen lassen, und Übernachtungsgäste, die für den Charme eines der letzten Frachtsegler gerne mal auf den gewohnten Alltagluxus verzichten. Aber wer braucht schon Luxus, wenn die alte Lady einen sanft in den Schlaf schaukelt? Durchs offene Bullauge hört man die Wellen rauschen. Und wenn eine Fähre vorbei fährt, ist das leise Dröhnen ihres Motors noch lange zu hören. Noch länger jedoch übertragen sich die leichten Erschütterungen der Schiffsschrauben durch die Bordwand aus Stahl, durch das Holz des Bettes und dann das feine Rucken in den schweren Trossen, mit denen die Passat an den Dalben festgemacht ist. Während die Fähre unbeirrt ihren Weg nach Schweden oder Finnland fortsetzt, schnattern zwei Enten als wollten sie sich über die Störung ihrer Nachtruhe beschweren.

SS Passat, Bordwache: Am Primwallhafen 16a, Telefon 04502 5287, Informationen unter www.ss-passat.com

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Autor

Katharina Müller-Güldemeister