Lübeck Das Gängeviertel – die Stadt in der Stadt

Der wirtschaftliche Aufschwung, der Lübeck als Hansestadt ereilte, kam für das Städtchen recht unerwartet. Zeugnis davon ...

Schlendert man durch Lübecks Altstadt, wandert der Blick meist von Fassade zu Fassade - den Aushängeschildern der Bürger- und Kaufmannshäuser aus Backstein. Keiner der Stufengiebel ist wie der nächste: andere Silhouette, andere Farbe, anders windschief. Dabei entgeht einem schnell, was sich unmittelbar auf Augenhöhe offenbart. Schmale, niedrige Gänge unterqueren die großzügigen Vorderhäuser und führen in eine Stadt in der Stadt: das Gängeviertel.

... entstanden die schmalen Gassen, deren Häuser bis zu drei Generationen Platz boten - auf nur rund 45 Quadratmetern. Das ...

Seit dem Zusammenschluss niederdeutscher Kaufleute zur Hanse im 13. Jahrhundert wuchs nicht nur Einfluss und Reichtum der Stadt, sondern auch die Einwohnerzahl von Lübeck. In einem Großraum von den Niederlanden bis Estland und von Schweden bis Köln und Krakau schlossen sich bald 200 große und kleine Städte der Hanse an. Der wirtschaftliche Einflussbereich reichte bis nach Portugal und Russland. Die Handelsvereinigung wurde so mächtig, dass sie zur Durchsetzung ihrer wirtschaftlichen Interessen sogar Wirtschaftsblockaden gegen Königreiche und Fürstentümer verhängen konnte.

Der wirtschaftliche Aufschwung durch die Hanse brachte den Wohnungsmarkt der 8.000-Seelen-Stadt Lübeck völlig durcheinander. Das historische Stadtgebiet war durch die Flussläufe der Trave und der Wakenitz begrenzt und auch auf den gegenüberliegenden Flussseiten war kein Platz für Ansiedlungen. Aufgrund der Wohnungsnot begannen die Kaufleute ab dem 14. Jahrhundert in ihren Hinterhöfen Buden für Handwerker, Wanderarbeiter, Dienstboten, Seeleute und Witwen zu bauen. Im Jahr 1502 - knapp 300 Jahre nach Gründung der Hanse - zählte die blühende Handelsstadt über 25.000 Einwohner. Man geizte mit jedem Quadratmeter, mit jedem Quadratzentimeter. Die Durchbrüche zu den Gängen und ihren Ganghäusern sind daher oft so niedrig, dass man den Kopf einziehen muss und so schmal, dass keine zwei Menschen aneinander vorbeikommen.

Um 1700 bestand das Gassenlabyrinth noch aus rund 190 schmalen Gängen. Nur etwa 80 haben den Zweiten Weltkrieg weitgehend unbeschadet überstanden. Ein besonders enges Geflecht aus Gängen gibt es rund um den Dom sowie im nordwestlichen Teil der Altstadt um die Engelsgrube. Die schmalen Gänge werden von zweistöckigen Kleinsthäusern begrenzt, die meist denselben Grundriss haben: Im Erdgeschoss ist die Küche, eine Wendeltreppe führt in den oberen Stock, wo Schlafzimmer und Bad untergebracht sind. Häufig wurde noch eine Ebene in den Spitzboden eingezogen. Nicht selten lebten neben drei Generationen auch Haus- und Nutztiere in einem 45-Quadratmeter-Haus.

Doch was früher für die Ärmsten der Armen gebaut wurde, ist in den letzten Jahrzehnten zu begehrtem Wohnraum avanciert, der auch als Ferienwohnung vermietet wird. Die winzigen Reihenhäuser sind Liebhaberobjekte geworden und oft bilderbuchmäßig herausgeputzt. Auf den Fensterbänken stehen Lavendel und Basilikum, in Kübeln gedeihen Sonnenblumen und Oleander, an den Häusern ranken Rosen und Kapuzinerkresse empor. Mit dem Platzmangel hat man sich arrangiert. Zumindest an regenfreien Tagen findet ein Großteil des Lebens draußen statt. Vor fast jedem Haus steht eine Bank - und, wenn es die Gangbreite zulässt, auch ein Tisch. Hier wird gefrühstückt, geklönt oder für die Medizinklausur gelernt, während auf dem Wäscheständer die Unterhosen trocken.

... gibt das Gängeviertel der Stadt: Weil Platz für Ansiedlungen rar war und wirklich jedes bisschen Wohnraum benötigt wurde, ...
Allein als Tourist wünscht man sich im Gängeviertel einen Unsichtbarkeitsumhang herbei. Wie ein ertappter Voyeur latscht man über fremder Leute Balkon und beglotzt ihre Bewohner und deren Behausung wie Tiere im Zoo. Hunderte von Touristen werden an schönen Tagen durch die Gänge geschleust. Zehnmal auf den Auslöser des Fotoapparats gedrückt, ein bisschen Idylle aufgesogen und weiter geht's in den nächsten Gang.

Ganghäuser im Gängeviertel, Informationen zu Übernachtungsmöglichkeiten gibt es hier!

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Autor

Katharina Müller-Güldemeister