Köln-6 © Darshana Borges
Temperamentvoll und selbstbewusst

Mein Köln

Eine Primadonna ist Köln, 2000 Jahre jung, nicht gerade hinreißend schön, aber temperamentvoll, lebensfroh und selbstbewusst.

Köln-84 © Darshana Borges

»Dat Hätz vun d’r Welt jo dat es Kölle, dat Hätz vun d’r Welt dat schlät am Rhing.« (Das Herz von der Welt, ja das ist Köln, das Herz von der Welt, das schlägt am Rhein; Karnevalslied der Höhner): Millionen Jecken singen und  schunkeln die Rheinmetropole mit diesem Lied zu Karneval in Stimmung. Ob in Sitzungen oder Sälen, Kneipen oder auf der Straße, die Botschaft lautet: Köln, diese alte, aber immer noch junge Stadt, mit ihrer Vitalität und ihrem Temperament, geliebt und geschmäht, ist das Herz der Welt! So narzisstisch und selbstgefällig das klingt, ein Blick auf das Rheinpanorama genügt, und selbst der größte Skeptiker gerät ins Schwärmen: Da liegt oder – besser gesagt − schlägt es, das Herz der Welt mit den spitzen Giebeln der schmalen Altstadthäuser, dem majestätischen Dom, Groß St.Martin, dem Museum Ludwig und der Hohenzollernbrücke. Das Herz der Welt Das »Hätz vun d’r Welt« ist nicht perfekt, nichts an ihm ist durchgestylt, alles sprießt wie Kraut und Rüben durcheinander. In diesem Mix aus architektonischer Hypermoderne, Gründerzeit und biederer Hinterhof-Tristesse regiert die kölsche Seele. Und die ist so gespalten wie die Stadt. Mal gibt sie sich weltoffen, mal zugeknöpft. Ihre viel gerühmte Nonchalance, ihr Leben und Lebenlassen, so böse Zungen, sei nichts anderes als grenzenlose Unverbindlichkeit und Ignoranz. »Los mer fiere« (lass uns feiern) ist die Basis des kölschen Wohlbefindens. Entsprechend Hochkonjunktur herrscht während der viel zitierten fünften Jahreszeit. Innerhalb dieses amtlich lizenzierten Ausnahmezustands »bützt« (küsst), trinkt und feiert der Kölner von Weiberfastnacht Punkt 11.11 Uhr bis zur Nubbelverbrennung (eine Strohpuppe als Sündenbock) am Karnevalsdienstag Schlag Mitternacht. Aschermittwoch ist dann alles vorbei. Sagt man, doch Köln wäre nicht Köln, wäre dem so. Dom-, Stadt- und Veedelsfeste, der Christopher Street Day, unzählige Kneipen, Discos, Clubs und Konzerte sorgen für 365 Tage Partystimmung. 

Rechts und links des Rheins Wer glaubt, der Kölner wohne in (s)einer Stadt, der irrt. Die Heimat des Homo coloniensis ist das »Veedel« (Viertel). Davon gibt es viele und durchaus gegensätzliche. Für Multikulti-, Wochenmarkt- und Pinten-Freunde sind die Südstadt, Ehrenfeld, Nippes oder das Agnes- viertel die − zugegeben − pauschalisierten Adressen. Schick im Sinne von Hochburg für Galeristen und Jugendstil-Liebhaber ist das Belgische Viertel. Weniger Veedel als Schickimicki-Kolonie sind Klettenberg und Lindenthal; eher schon beleidigend klingt das Wort »Veedel« für die Bewohner der mondänen Villenreservate Marienburg und Hahnwald. Auch wenn sie dem echten Kölschen eher suspekt ist, es gibt sie, die »schäl Sick«, die Rechtsrheinische Seite. Mit dem hyperstylishen Büroturm KölnTriangle und der LANXESSarena, Europas mithin größter und modernster Veranstaltungshalle, wurde »Düx« (Deutz) − vis-à-vis der Altstadt − näherungsweise gesellschaftsfähig. Anders dagegen ergeht es den dahinterliegenden Stadtteilen »Müllem« (Mülheim) und »Kallek« (Kalk). Trotz des (Kalker) Shoppingcenters Köln Arkaden und der renommierten (Mülheimer) Event-Adressen E-Werk und Palladium sind dem Kölner die ehemaligen Industriestandorte mit ihren heute hohen Arbeitslosen- und Ausländeranteilen eher eine Art Drittweltland − oder frei nach Adenauer: ein Vorhof von Sibirien. Wie gesagt, der Kölner lebt in seinem Veedel. Damit reduziert er seine vermeintliche Weltbürgerlichkeit auf das Maß fußläufiger Straßenzüge. Doch was macht das schon? Erstens »kütt et, wie et kütt« (kommt es, wie es kommt), und zweitens sind es ja nur ein paar Schritte bis zu seiner wahren Heimat, seiner Kneipe. Diese ist der Ankerplatz der Seele, Kommunikationszentrum, Wohnzimmer, Psychotherapie-Ersatz oder auch nur Endstation eines Kirchgangs, einer Trauung oder − Gott habe ihn selig − einer Beerdigung. Nirgendwo sonst lässt es sich besser Kölsch »süffele«, herrlicher »schwade« und in romantisch verklärter Melancholie »versinke«. »Et is halt, wie et is...«

Köln-5 © Darshana Borges

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