Vietnam Gemeinsam Vietnams Straßen überqueren

In Ho Chi Minh-Stadt – der selbst ernannten Metropole des Südens – stehe ich an einer viel befahrenen Straße. Ich schaue hinunter auf meine Füße und weiß nicht recht, ob sie mich sicher auf die andere Seite bringen.

Verkehr in Vietnam - Ho-Chi-Minh-Stadt

Vietnam ist bekannt für seine Motorroller. Rollerfahren ist in Vietnam wie Fahrradfahren in Deutschland. Fast jeder kann es und fast jeder besitzt ein Zweirad. Autos gibt es auch – jedoch sind es meist Taxifahrer, die ihr Geld damit verdienen Touristen durch die Stadt zu fahren. Der Roller ist das Fortbewegungsmittel Nummer Eins. Deshalb ist es keine Seltenheit, dass an einer Ampel in einer Linie 15 Roller die Rotphase abwarten. Oft wirkte diese Situation auf mich wie der Anstoß bei einem Rugbyspiel: In der Hoffnung, möglichst schnell die Kreuzung überqueren zu können, knattern die Rollerfahrer aufeinander los. Bei diesem zum Teil frontal aufeinandertreffen der Rollerfahrer herrscht eigentlich das Rechtsfahrgebot, jedoch hat auch derjenige Vorfahrt, dessen Hupe am Lautesten dröhnt.

Ein Taxifahrer hat mich hierhin gefahren. Mit dem Finger zeigt er quer über die Straße und sagt „City“. Ich steige aus. Er hat es eilig, denn er sieht ein paar Meter entfernt neue Touristen, die für ihn bares Geld bringen und seinen Lebensunterhalt sichern. Die Fahrt bis an diese Straßenkante erinnerte mich an meine erste Fahrt in einem Autoscooter, mit der Ausnahme, dass Roller, Busse und Autos aus unerklärlichen Gründen nicht gegeneinander scheppern. Wild hupend drückte sich mein Taxifahrer durch die Rollerscharen. Die Hupe wird in Vietnam so oft betätigt, wie die Bremse getreten wird. Hupen hat für mich eigentlich etwas mit aufkeimendem Ärger zu tun. Entweder werde ich von jemandem ermahnt oder ich mache mit diesem Warnsignal jemanden auf sein Fehlverhalten aufmerksam. Hier in Vietnam ist das anders. Hier bringt das Hupen niemanden aus der Fassung: Auf dem Weg in die City war mein Taxifahrer die Ruhe selbst.

Ich sehe einen Zebrastreifen in ein paar Metern Entfernung. In der Hoffnung, dass der Zebrastreifen den dichten Verkehr aufhält, mache ich mich auf den Weg dorthin.

Deutschland - Vietnam: Zwei Welten treffen aufeinander

Gerade die Unterschiede zu Deutschland machen das Land so spannend – ob es die fünf- köpfige Familie ist, die auf einem Roller gemeinsam durch die Stadt düst, oder ob es um das Essen an den Straßenrändern geht. Überall dort, wo Menschen unterwegs sind, bieten fahrende Händler ihre vietnamesischen Speisen an: Von Durian über gefüllte Teigtaschen bis hin zur Nudelsuppe – warme und kalte Speisen aß ich nur an Ständen, an denen sich viele Menschen versammeln. Grund dafür ist, dass vor allem Touristen darauf achten sollten, dass

die Ware ausreichend gekühlt und gut gelagert ist. Da gibt es keine einheitlichen Standards. Ein waches Auge ist ein guter Begleiter.

Ein älterer Mann liegt rittlings auf der Sitzfläche seines Rollers. Vom Straßenrand aus hat er mich schon eine Weile beobachtet. Der Zebrastreifen ist keine Garantie dafür, dass die Rollerfahrer halten. Die vierspurige Straße ist so dicht befahren, dass für mich scheinbar keine Lücke bleibt. Einen Moment später springt der Mann galant von seinem Gefährt und kommt barfüßig und mit einem Leinenhemd bekleidet auf mich zu. Mir wird schummerig als wir gemeinsam nebeneinander über die Straße laufen. Kaum zu glauben, dass wir nicht überfahren werden. Währenddessen denke ich darüber nach, dass ich niemals während eines Pferderennens die Rennbahn überqueren würde – und vor allem nicht in aller Seelenruhe.

Tourismus als Einnahmequelle

Touristen sind Devisenbringer. Nicht zuletzt deswegen begegnen mir die Einheimischen überall mit einer besonderen Höflichkeit. Jedoch – und das ist der vornehmliche Grund – sind Vietnamesen stets darauf bedacht, das eigene und das Gesicht des Gegenübers zu wahren. Fragt ein Ausländer einen Vietnamesen beispielsweise nach dem Weg, verliert der Vietnamese sein Gesicht, wenn er keine Auskunft darüber geben kann. So erhalten vor allem Touristen stets eine höfliche Antwort – ob sie nun wahr ist oder falsch.