Größtes Hindufest Afrikas Gleichrangigkeit der Götter

Reinigung und Ritual: Im Innenhof der Jummah-Moschee beten Moslems gen Mekka gewandt.

Dass ihm die Gleichrangigkeit der Götter am Herzen liegt, kann ich sehen. In seinem Andachtszimmer hängen ein katholischer, ein muslimischer und ein buddhistischer Rosenkranz an der Wand. Auf dem Fußboden sind Bibeln in verschiedenen Sprachen drapiert. Und erst Souchons Soutanen, seine Gewänder, die im geräumigen Holzspind hängen! Eine nach der anderen fischt er heraus, sie sind so bunt wie die Saris der Hindu-Frauen. Je nachdem, welches seiner katholischen Schäfchen mit Braut oder Bräutigam anderen Glaubens zum Ehegelübde vor ihn tritt, wird ihm oder ihr zu Ehren die Soutane mit einer Schärpe übergestreift, die Zitate aus der Bibel mit hinduistischem Orange, buddhistischem Rot oder muslimischem Grün vereint.

"Man akzeptiert den anderen von Anfang an“

REISEPLANER

Ankommen: z.B. mit Condor ab Frankfurt/Main ca. 700 Euro für Hin- und Rückflug: www.condor.de

 

Unterkommen: schöne Ferienhäuser ab ca. 400 Euro/Woche: www.ferienhaus-discount.de. Charmant und direkt am Strand liegt das Hotel „Paul & Virginie“ in Grand Gaube. DZ ab 86 Euro p. P.: www.paul-et-virginie-hotel.com. Luxuriöser thront das „Sugar Beach Resort“ am Flic-en-Flac-Strand im Nordwesten der Insel. DZ ab 140 Euro: www.sugarbeachresort.com

„Auswärtige denken, dass es bei uns viel mehr krachen müsste. Aber wir wachsen schon in der Schule zusammen auf, da akzeptiert man den anderen von Anfang an“, erzählt Michel, schwarzer Katholik und Fahrer in der Touristikbranche. Einen Tag lang zeigt er mir das traumschöne Mauritius mit seinen Zuckerrohrplantagen, Puderzuckerstränden und den immergrünen Bergen im Hintergrund. In dieser sanften Landschaft werde ich selbst ganz ruhig und friedlich. Auch weil die einheimischen Familien ein Händchen dafür haben, Touristen das Fremdeln zu nehmen: Sie drücken den Verdutzten arglos ihre Babys in den Arm oder laden am Strand zum Picknick auf die Familiendecke ein. Nur Frauen mit Kopftüchern habe ich noch keine gesehen, obwohl Muslime knapp 20 Prozent der Bevölkerung stellen. Michel meint, dass die muslimischen Frauen hier sowieso selten Kopftuch tragen und tendenziell auch lieber unter sich bleiben. Stimmt das?

Respekt als Basis für den Frieden

Am nächsten Morgen besuche ich die Jummah-Moschee in Port Louis und treffe Nissar Ramtoola, einen der Direktoren des größten islamischen Gotteshauses der Insel. Der engagierte Mann hat gar nichts gegen gemischte Ehen: „Trotzdem bin ich bei aller Toleranz davon überzeugt, dass jeder seinen Glauben für den besten hält.“ Deswegen sei Respekt die Basis für den Frieden. Seine Moschee liegt in unmittelbarer Nähe der buddhistischen Kwan Tee Pagoda.

Deren Vorsteher Wilson Chan hat neben den chinesischen Gemeindemitgliedern oft auch Hindus zu Gast, doch mit Glaubensklüngeleien wollen sie nichts zu tun haben, für sie gibt es Wichtigeres. „Wir sind sehr businessorientiert“, erklärt mir Wilson Chan ganz trocken, „der Rest interessiert uns nicht groß.“ 

Meine Stippvisite bei den geistlichen Köpfen der Insel ist zwar aufschlussreich, aber das ganze Geheimnis lüftet sie nicht. Alle beschwören die Harmonie untereinander, doch zu nahe rücken wollen sie auch nicht unbedingt. Bei mir formt sich der Eindruck eines freundlichen Wettbewerbs, nicht nur der Religionen, sondern auch der Kulturen. Mauritius wirkt weder europäisch, indisch oder afrikanisch. Eher wie ein Querschnitt der Welt, mit ganz eigener Note. Und ein Fest wie das Maha Shivaratri erzählt viel mehr von der Einzigartigkeit dieser Insel als die exzellenten Strände und die quietschbunten Schnorchelreviere.

Bis in die Dunkelheit hinein trappelt die Menschenmenge gen Erleuchtung. Auch sengende Hitze und peitschender Regen konnten sie nicht bremsen. Angekommen am Grand Bassin, schicken die Familien ihre Geschenke für Shiva auf Betelblättern über den See: Azaleenblüten, Kokosnussstücke und dampfender Kampfer treiben hinaus. „Shivaratri“, das bedeutet „Nacht der Übergießung mit göttlicher Gnade“. Da selbst ein Shiva-Neuling wie ich noch Tage später mit einem Dauerlächeln nach Hause zurückkehrt, hat es wohl auch dieses Jahr geklappt.

Seite 2 : Gleichrangigkeit der Götter

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