Zürich Ganz große Oper

Matthias von Bausznern kennt die Wirkung, weiß, dass ein Opernhaus-Rundgang das Gesamtkunstwerk offenbart. 9000 bis 10.000 Interessierte führt der Cellist und Musikmanager aus einer Komponistenfamilie pro Saison durch das Opernhaus. Für ihn gibt es dabei zwei Spezies, die Opernliebhaber und jene, bei denen es zunächst gilt, Schwellenängste abzubauen. Sowohl die einen wie auch die anderen kriegt er bereits im Treppenhaus des Werkstattgebäudes: ",Aida'. Kam nicht so an, aber ich mochte es! Oder: ,La Traviata'. Das spielen wir immer noch."

Das Treppenhaus ist Gedächtnis und Showroom zugleich, es atmet kalten Zigarettenrauch, eine flüchtige Note Lösungsmitteldunst und jede Menge Bühnenluft. Opernplakate - Kunstwerke allesamt - bedecken die Wände auf allen Etagen, die von Bausznern launig kommentiert. ",Il Trionfo del Tempo e del Disinganno', ,Der Triumph von Zeit und Wahrheit.' Haben Sie das gesehen? Eine der besten Inszenierungen, die wir hatten. Ein Highlight. Eigentlich ist es ja ein Oratorium. Aber es war toll!" Und kurz darauf: "? Der Opernball' von Heuberger. Naja, schön viel Plüsch, war aber auch nicht so der Renner."

Schon ist der 53-Jährige mittendrin und lässt die Besucher zur Gemeinschaft werden, wie beim Fußball oder Eishockey. "Einblicke in eine andere Daseinsform geben", nennt er seine Arbeit und will das durchaus wechselseitig verstanden wissen. Sponsorenpflege ist sein "Kerngeschäft". Das heißt Geburtstagsfeiern für Sponsoren ausrichten, Essen für Sponsoren auf der Opernbühne organisieren, durch Gala-Abende für Sponsoren führen, "Figaro" in eine Stunde gepfercht. Von Bausznern weiß, dass jede Entscheidung der Geldgeber fürs Sponsoring begründet sein muss. "Weshalb Oper? Warum nicht Segelsport oder Boxen?" Das heißt für von Bausznern, er muss den Sponsoren immer wieder das Gefühl geben, sie hätten sich richtig entschieden. Auch deshalb nimmt er "bei aller gebotenen Diplomatie auch Enttäuschungen vorweg. Um das manchmal Unvermeidliche abzumildern."

Bei seinen Operneinführungen hören Sponsoren schon mal, dass "uns die Inszenierung durchaus um die Ohren fliegen kann. Bei Nitsch darf niemand Rokoko erwarten", sagt von Bausznern und weiß, wovon er spricht. "Im Schatten des Maulbeerbaums", die Oper von Edward Rushton und seiner Librettistin Dagny Gioulami, sieht sich großen Erwartungen gegenüber. Der junge Komponist gewann vor einigen Jahren den Wettbewerb "Teatro minimo" und inszenierte in Zürich mit viel Erfolg das Auftragswerk "Harley".

Hinter der Bühne werden Kulissen aus dem Lager angeliefert. Die Redakteure der Neuen Zürcher Zeitung im Haus vis-à-vis, die Spaziergänger am Seeufer sind diesen Anblick längst gewohnt. Die Zürcher kennen die quietschroten, chromglänzenden Pick-ups, die mit ihren voll gepackten Kulissenwagen auffallen wie ein Maybach bei einer Offroad-Rallye. Ein paar Touristen bleiben stehen und staunen über die Kulissen: ein Haus wohl, mit Sat-Schüssel und allem Drum und Dran, wird hier, in Teile zerlegt, gebracht. "Opernhaus Zürich fährt Dodge Trucks by Calonder", steht auf den Zugmaschinen.

Drei vor acht! Kein Läuten, kein erstes, kein zweites, kein drittes - stattdessen klingelt laut ein Handy. Dreimal, kurz hintereinander. Mitten ins Stimmengewirr, mitten in die großen Erwartungen stößt das Klingeln. Wie es wohl sein wird - diesmal? Dann eine Stimme, als hätte jemand den Lautsprecher auf Saal-Lautstärke gestellt: "Meine Damen und Herren, dürfen wir Sie bitten, ihre Mobiltelefone abzustellen? Das Opernhaus Zürich wünscht Ihnen und den Künstlern toi, toi, toi für einen schönen Abend." Wohl jeder Zürcher kennt die charismatische Stimme mit dem schmelzenden Idiom des Nachbarlands. Nicht ein Handy schreit hernach noch ins Spiel. Am Ende stehen sie alle Arm in Arm auf der Bühne. Das Ensemble, die Regisseurin, der Komponist, die Librettistin. Ein begeistertes Publikum bleibt zurück, lang und dankbar ist der Schlussapplaus.

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Autor:
Thomas Gebhardt