Zürich Ausflug in die Kantone

Rapperswil - Langsamkeit als Lebensgefühl

Die letzten Strahlen der untergehenden Sonne tauchen die sanfthügelige Landschaft auf der rechten Zürichsee-Seite in goldgelbes Licht. Gemächlich durchpflügt der altertümliche Schaufelraddampfer die Wellen, dann nimmt er Kurs auf die "Goldküste", wie die rechte Uferseite genannt wird. Knapp anderthalb Stunden nach der Abfahrt von Zürich nähert sich der Dampfer seiner Endstation in Rapperswil. Bevor man die Wohngebäude in der Altstadt wahrnimmt, zieht die Achtung gebietende Burg derer von Rapperswil alle Blicke auf sich: Die schlanken Silhouetten von Glockenturm und Bergfried rahmen das dunkle Hauptgebäude des Herrschaftssitzes, dessen Konturen sich messerscharf vom tiefblauen Abendhimmel abheben. Während der Dämmerung wirkt Schloss Rapperswil wie ein mysteriöses Schiff, das erhaben über Ort und Zeit zu schweben scheint.

Zwei Gassen mit drei Häuserzeilen und ein Hauptplatz: Nach diesem simplen Schema hatten die Adligen den Ort im 13. Jahrhundert anlegen lassen. Die westliche Altstadt atmet den mittelalterlichen Geist bis heute. Kleine Steinbauten, die mit verputzten Fachwerkgebäuden kontrastieren. Nur das stattliche Bleulerhaus tanzt aus der Reihe: Aus mehreren Einzelhäusern zusammengefügt und mit einem eleganten Erker geschmückt, wirkt der herrschaftliche Sitz wie der Gegenentwurf selbstbewusster Bürger zum allmächtigen Schloss. Früheren Wohlstand bezeugen auch "Pfauen", "Engel" und "Alter Sternen", deren spätmittelalterliches Gepräge weitgehend erhalten ist. Selbst einen Laubengang legten sich die Rapperswiler damals zu, er erstreckt sich entlang der Hintergasse und lädt zum Müßiggang ein.

Rapperswil, das mit seiner wesentlich größeren Nachbargemeinde Jona 2007 zusammengelegt wurde und heute 25.000 Einwohner zählt, ist ein lohnendes Ziel für Tagesausflügler. "Die ältere Generation überwiegt eindeutig, sie überträgt ihren gemächlichen Lebensrhythmus auf die ganze Stadt", erzählt Reto Klotz, Geschäftsführer des städtischen Verkehrsvereins. Diese Entdeckung der Langsamkeit sei wesentlicher Bestandteil des urbanen Lebensgefühls. An der früher mit einer Zugbrücke gesicherten Burg kommt kein Besucher vorbei. Kunstvolle Gewölbe überspannen den Treppenaufgang, der in eine überraschende Ausstellung führt: das Polenmuseum.

Schon 1870 hatten Emigranten die Erlaubnis erhalten, im Rapperswiler Schloss an ihre geteilte Heimat zu erinnern und im Schlosshof eine Freiheitssäule zu errichten. Die gegenwärtige Ausstellung geht auf das Jahr 1975 zurück. Exilpolen, die nicht unter dem Kommunismus leben wollten, hatten Gemälde, Literatur, Trachten und weitere Zeugnisse der Volkskunst zur Verfügung gestellt. Nach dem kulturgeschichtlichen Exkurs zieht es die meisten Besucher zurück an den See, an dessen Ufer im 19. Jahrhundert eine großzügige und heitere Promenade angelegt wurde.

Oleander und Esskastanienbäume säumen die Flaniermeile mit sommerlichem Flair. Bei einer Tasse Kaffee macht man es sich hier gemütlich, lauscht den Straßenmusikanten und beobachtet das bunte Treiben. Derart gestärkt, lohnt es, die Stadtgärten zu durchstreifen. Rapperswil, das mit der Blumenhalbinsel Mainau verschwistert ist, bietet jeden Sommer eine betörende Rosenvielfalt mit 15.000 Stöcken und 600 Sorten. Die edle Blume erinnert an die Grafen von Rapperswil. Diese führten die Rose in ihrem Wappen, auch die Stadt übernahm sie später als Wappensymbol. Die Königin der Blumen steht für eine Epoche, als Rapperswil nicht nur ein reicher Handelsort war, sondern auch Etappe für Pilger auf ihrem langen Weg nach Santiago de Compostela. Nachdem die Jakobspilgerfahrt in den vergangenen Jahren wieder an Elan gewonnen hat, erwarb ein findiger Zeitgenosse das ehemalige Gasthaus "Freihof" und gab ihm nach gründlicher Renovierung den Namen "Hotel Jakob". Wer sich mit seinem Pilgerbüchlein als Wallfahrer ausweist, erhält dort eine köstliche Pilgersuppe, die - wie es der alte Brauch vorschreibt - für Gotteslohn zu haben ist.

Der Uetliberg - Pflichtschulprogramm und Naherholungsgebiet

Auf den Uetliberg, und das ausgerechnet an einem Sonntag? Der Freund in Zürich-Seebach verdreht die Augen. Bei schönem Wetter sei der "Uezgi" komplett überlaufen, wird man gewarnt, und "wenn du dort irgendwo einkehren willst, kannst du erst mal Schlange stehen." Wir wagen die mehr als dreistündige Wanderung trotzdem und folgen zunächst dem geteerten, bei Wanderern hoch im Kurs stehenden Panoramaweg, von wo aus sich immer wieder Ausblicke auf den schillernden Zürichsee bieten.

Der Weg führt steil bergauf, vorbei an Gärten und Friedhöfen. Auf den zahlreichen, oft verschlungenen Pfaden des Zürcher Hausbergs geht es dann Richtung "Höckler/Langnau". Kurze Zeit später stehen wir vor dem Scheibenstand des Schützenhauses, in dem das traditionelle "Zürcher Knabenschießen" stattfindet. Dahinter geht es weiter bergauf zum "Höckler" genannten Wiesendamm. Erneut bietet sich ein gewaltiges Panorama: Dass die Natur im "Millionen-Zürich" näher und unverstellter ist als in den meisten Großstädten, wird auf dem Uetliberg an vielen Stellen deutlich. Das Grün des Waldes scheint sich ungebrochen fortzusetzen, hinunter in die Parks und Gärten der Wohnviertel. Selbst im Stadtgebiet erspäht man kleine Schluchten und Steilhänge, die verhindern, dass die Natur völlig im Häusermeer ertrinkt. Ein etwas versteckt angebrachter Wegweiser "Uetliberg" führt weiter auf einen im Zickzack bergauf steigenden Pfad.

Wir passieren schnaufend ein gefährlich steil wirkendes Rutschgebiet, die Fallätsche. Nach der Waldhütte erwartet uns der nächste Aufstieg, der diesmal richtig in die Beine geht. Nochmals zwei Kurven höher befinden wir uns bereits auf 700 Metern, dann führt der Pfad zur kleinen, aus Holz errichteten Teehütte Fallätschen. Sonntags hat man dort gute Chancen, ihrem Betreiber, dem Hobby-Geografen Roman Koch, über den Weg zu laufen. Hauptberuflich als Informatiker tätig, hat Koch in seinem virtuellen Gipfelbuch die landesweit größte Sammlung an Wanderwegen zusammengetragen. Dass der Weg auf den "Uezgi" zu den beliebten Routen gehört, wird beim Blick auf die Terrasse klar: Sie ist bis auf den letzten Platz mit Ausflüglern besetzt. Und drinnen herrscht Hochstimmung: Ein vom Weißwein recht beflügelter Männerchor lässt den Jahresausflug gerade mit Volksliedern ausklingen.

Die Zürcher kennen ihren Uetliberg, seine vertraute Silhouette mit dem Fernsehturm, bereits von Kindesbeinen an. Den Albisgrat, dessen nördlicher Abschnitt der Uetliberg ist, mindestens einmal in seiner vollen Länge durchlaufen zu haben, ist Pflichtschulprogramm. Dank der Eisenbahn, die Zürich seit 1875 mit dem Berggipfel verbindet, entwickelte sich der Uetliberg rasch zu einem populären Naherholungsgebiet mit Hotel, Gaststätten und einem Aussichtsturm. Die Besucher wollten vor allem die Aussicht genießen, auf die blaue Jurakette, auf die schneebekrönten Gipfel des Säntis, die Glarner, Bündner und Berner Alpen und manchmal sogar bis zu den Höhenzügen der Vogesen und des Schwarzwaldes. Dass der an manchen Wochenenden heillos überlaufene Hügel sonst nichts zu bieten hat, will Roman Koch freilich nicht gelten lassen.

"Der Uezgi zeigt sich uns lieber im Winter, im Morgennebel unter der Woche", sagt er. Wenn im Herbst Nebel die Stadt Zürich eintrübt, verkünden an den Trams Tafeln mit der Inschrift "Uetliberg hell", dass sich Besucher auf freie Sicht übers Land freuen dürfen. Dass der gute alte Uezgi jenseits ausgetretener Pfade wirklich ein zweites Gesicht besitzt, zeigt sich beim Weg zur Claridahütte. Um dorthin zu gelangen, schaden alpine Erfahrungen keinesfalls, führt doch der Parcours stellenweise über Sandstein, den man richtiggehend abklettern muss. Gute Kondition ist auch bei unserem Abstieg über den Denzlerweg von Nutzen, da die Tritte oft sehr schmal und hoch sind. Der Weg wurde übrigens nach dem Zürcher Bäcker Felix Denzler benannt, der die Gäste des Berggasthofs "Uto Kulm" täglich per pedes mit frischen Backwaren versorgte. Angeblich hat er die einen Kilometer lange Strecke, bei der er einen Höhenunterschied von über dreihundert Meter überwinden musste, in seinem Berufsleben 4000-mal zurückgelegt.

Rheinfallgebiet - die Modernisierung der Romantik

Halte dein Herz, o Wanderer, fest in gewaltigen Händen! Mir entstürzte vor Lust zitternd das meinige fast." So bewegend schilderte der Lyriker Eduard Mörike Mitte des 19. Jahrhunderts seine Empfindungen angesichts des gewaltigen Rheinfalls, der als eine der eindrücklichsten Naturerscheinungen Europas immer wieder in Kunst und Literatur verewigt wurde. Im Zeitalter der Romantik begaben sich im Schnitt bis zu 2000 Reisende jährlich nach Neuhausen, um das Spektakel zu bewundern. Dank der Rheinfallbahn, die seit 1857 Schaffhausen mit Winterthur verbindet, stieg die Besucherzahl bis in die jüngste Zeit auf knapp 1,5 Millionen an. Obschon die Rheinfall-Gemeinde wuchs und einige Hotels entstanden, bietet sich den Besuchern ein kaum verändertes Landschaftsbild. Noch immer thront Schloss Laufen mit seinen Stapfelhausfassaden wie ein Adlerhorst auf einem Felsen der Zürcher Uferseite, bis an den Rhein hinab erstreckt sich dichter Wald. Links davon überspannen die mächtigen Bögen der alten Eisenbahnbrücke Vater Rhein. Dass die moderne Panoramaterrasse am Fuße seines Gegenstücks auf der anderen Flussseite, der Wasserburg Schlösschen Wörth, nicht unbedingt zur Verschönerung des trutzigen Baudenkmals beigetragen hat, lässt sich nicht bestreiten.

Wo aber bietet sich ein großartigerer Rundblick über Europas bekanntesten Wasserfall als von dieser Betonfläche aus? Das Panorama muss man sich jedoch im Sommer erst einmal verdienen. Oft sind die Parkplätze bei den Schlössern, in denen heute Restaurants untergebracht sind, hoffnungslos überfüllt. Ständig quellen Heerscharen von Besuchern aus den Reisebussen und strömen durch das Portal von Schloss Laufen, einzig getrieben vom Bedürfnis, die tosenden Wassermassen endlich in natura vor sich zu haben. Nach der Kasse führt ein schmaler Steintreppenweg in die Tiefe hinunter. Bevor man die gewaltige Kaskade, deren Wassermassen aus einer Höhe von 23 Meter in die Tiefe rauschen, aus nächster Nähe zu Gesicht bekommt, kann man sie hören.

Die Aussichtsplattform "Kaenzeli" überragt keck den Wasserfall, hier spritzt den Ankömmlingen ordentlich Gischt entgegen. Dennoch harren die Besucher aus aller Herren Länder tapfer im feinen Sprühregen aus und gruppieren sich für die obligatorischen Erinnerungsfotos mit dem Rheinfelsen im Hintergrund. Mutige, die noch näher auf Tuchfühlung gehen wollen, begeben sich anschließend an Bord von Aussichtsbooten, die sich über das Kolkbecken an den Wasserfall heranarbeiten. Mythen und Legenden ranken sich um den Katarakt, die Helden sind oft Fischer, deren Boote in einem Moment der Unachtsamkeit vom Sog des Wasserfalls erfasst und in die Tiefe gerissen wurden. Dennoch überlebten sie auf wundersame Weise. Nicht nur die Wissenschaft, die den Großen Laufen, wie der Rheinfall früher genannt wurde, gründlich erforscht hat, trug zu seiner Entzauberung bei. In den vergangenen Jahren haben durchtrainierte Wassersportler mehrfach bewiesen, dass man die gefährliche Abfahrt unbeschadet überstehen kann. Am Steuer eines der Passagierschiffe steht Kurt Stalder, er versieht seinen Dienst schon seit 25 Jahren.

Von Schlösschen Wörth aus nimmt der bedächtige Kapitän Kurs auf den Rheinfelsen mit Aussichtsplattform und Schweizerfahne. Dass die Besucherzahlen in den vergangenen Jahren um jährlich rund 20.000 auf 1,2 Millionen zurückgegangen sind, weiß natürlich auch Kurt Stalder. Jetzt will eine Interessengemeinschaft die "Attraktivierung des Rheinfallgebiets" voran treiben. Nur zuzuschauen, wie die Wassermassen in die Tiefe rauschen, reicht wohl nicht mehr, und deswegen planen die Verantwortlichen die Anlage eines Fischparks, eines Lernpfads "Wasser und Energie" sowie einen "Weg der Stille". Dass sich damit der gegenwärtige Trend umkehren lässt, davon ist Kapitän Stalder nicht wirklich überzeugt. "Unser größter Trumpf ist doch der Rheinfall und eine ziemlich gut erhaltene Naturlandschaft", sagt er. "So eine Art künstliches Disneyland-Rheinfallgebiet, das brauchen wir hier wirklich nicht."

Zug - neuer Glanz und alte Pracht

Jedes Zuger Kind kennt die wackere Greth Schell, die stets am Rosenmontag ihren großen Auftritt hat. Man mag die arme Frau nicht beneiden um ihre Lebenslast, die sie an diesem Tag mitten durch die johlende Menschenmenge in der Altstadt schleppt: Es ist ein Tragkorb, in dem ihr sturzbetrunkener Gatte seinen Rausch ausschläft, begleitet von sieben tanzenden Narren, die auch schon viel zu viel gebechert haben. Sie halten zudringliche Kinder mit Stecken, woran sie Schweinsblasen befestigt haben, auf Distanz, manchmal verteilen sie auch Leckereien. Kaum ein Brauchtum in der Schweiz ist ursprünglicher und wilder als die Zuger Fasnacht, vor einem Jahrhundert in dieser Form eingeführt und von den Zünften der Schreiner, Drechsler und Küfer sorgsam gepflegt. Man könnte sich gar keine passendere Kulisse für die derben Narrenstreiche vorstellen als die Altstadt von Zug, die von ihren Einwohnern liebevoll "Dorf" genannt wird.

Wahrzeichen der Altstadt ist der mit einer eleganten astronomischen Uhr verzierte Zytturm, ein massiver Wehrbau, der auch als Gefängnis genutzt wurde. Über den beiden turmförmigen Erkern erhebt sich ein in den Stadtfarben Blau und Weiß gehaltenes steiles Walmdach. Aus luftiger Höhe musste der Föhnwächter bei heftigen Südwestwinden einst die Stadt nach möglichen Brandherden absuchen und bei Feuer Alarm schlagen. Der einst unberechenbare See, an dessen Ufer heute eine von Straßencafés gesäumte Promenade verläuft und eine Volière voller Zug-Vögel, hat den Zugern freilich auch manchen Schicksalsschlag versetzt. Gut ein Drittel der Stadt versank 1435 im Wasser, 1887 schlugen die Naturgewalten nochmals zu und verschlangen die Vorstadt. Nur zwei mittelalterliche Gassenzüge sind erhalten. Weil die ersten Stockwerke der gedrungenen Wohnhäuser gefährlich weit vorspringen, wirken die engen Gassen stets etwas düster. Dass der Stadt im ausgehenden Mittelalter das nötige Kleingeld nicht gefehlt hat, bezeugt das prunkvoll verzierte ehemalige Kaufhaus in der Unteraltstadt. Und auch für das Rathaus und den spätgotischen Bürgersaal griffen die Zuger tief in die Tasche.

Auch heutzutage verstehen es die Zuger, Geld anzuziehen. Aufgrund günstiger Steuersätze verlegen viele Firmen, auch aus dem Ausland, ihren Hauptsitz an die kleine Stadt am See, die in manchem wie eine Miniaturausgabe von Zürich wirkt. "Auf diese Weise ist unser Steueraufkommen allmählich gestiegen, und das hat uns erlaubt, die Steuerlast für normale Unternehmen, aber auch für Private zu senken", erklärt der sozialdemokratische Stadtpräsident Dolfi Müller. Modernes Aushängeschild ist das Einkaufsund Dienstleistungszentrum "Metalli" auf dem Gelände einer ehemaligen Metallwarenfabrik, deren Fläche fast so groß ist wie die Altstadt. Edle Natursteine verkleiden ehemalige Produktionshallen, dahinter liegen Büros, Wohnungen und Läden, darunter Luxusboutiquen und edle Restaurants. "Wir haben 25.000 Einwohner und können 25.000 Arbeitsplätze vorweisen", sagt der Stadtpräsident selbstbewusst. Neuester Coup der Stadt ist der fünfstöckige Bahnhof mit Glasfassade und Hallendach. Der US-Lichtkünstler James Turrell brachte das 2003 eröffnete Gebäude zum Strahlen: Die sich farblich peu à peu verändernde Beleuchtung symbolisiert den allmählichen Übergang von der Dämmerung bis zur Nacht.

Sihlwald - Wildnis am Rande der Großstadt

Es dauert eine Weile, bis sich das Auge an das Halbdunkel im Wald gewöhnt hat. Die ausgeschilderten Wanderpfade durch den Sihlwald hinter sich lassend, taucht der Besucher auf seinem Weg zum dunklen Herz der Waldwildnis ab in eine merkwürdige Welt. Immer wieder stößt er auf Barrieren aus Dornengestrüpp.Auf kreuz und quer liegenden Baumstämmen wachsen dicke Moospolster, die bezeugen, dass Naturgewalten die allmählich zerfallenden Giganten schon vor geraumer Zeit gefällt haben. Daneben gedeihen auf dem Boden Lungenkraut, Aronstab und Zahnwurz. So sahen weite Teile Europas, das einst von Urwald überzogen war, im frühen Mittelalter aus.

Lediglich zwölf Autokilometer vom Zürcher Paradeplatz entfernt, empfängt diese grüne Kathedrale den Eindringling mit einer unheimlichen Stille. Schon ein knackender Ast vermag Herzklopfen auszulösen. Nur monotones Insektensummen, hier und da der Ruf eines Kuckucks und das Hämmern eines Spechts ganz in der Nähe vermitteln das Gefühl, in diesem Dschungel doch nicht ganz allein zu sein. Es riecht nach nasser Erde und frischem Bärlauch, Waldbeeren und Pilzen. Seit Mitte der neunziger Jahre hält sich der Mensch aus dem Sihlwald bewusst heraus, seither erholt sich der Wald und der Mensch in ihm.

Fast ein halbes Jahrtausend lang wurde der heute größte geschlossene Laubmischwald des Schweizer Mittellandes intensiv genutzt. Seit 1876 ging der Holztransport, der früher über das Flüsschen Sihl bewältigt wurde, wesentlichleichter vonstatten: Man baute eine 26 Kilometer lange Eisenbahnstrecke, einzelne Trassenabschnitte dieser längst stillgelegten Anlage, die allmählich unter der Vegetation verschwindet, kann man auch heute noch erkennen. Dass der Sihlwald, der überwiegend aus Buchen besteht, sich selbst überlassen wurde, ist das Verdienst des ehemaligen Zürcher Stadtforstmeisters Andreas Speich. "Man braucht den Menschen im Wald nicht immer", lautete sein Credo, mit dem er Mitte der achtziger Jahre an die Öffentlichkeit trat. Mit seiner Vorstellung, den Wald nicht mehr zu bewirtschaften, stieß Speich zunächst auf Unverständnis. Aber Speich ließ sich nicht entmutigen. Mit Beharrlichkeit und Geduld gewann er immer mehr Verbündete. Nachdem die Sihlwald-Gemeinden Teile ihres Waldbesitzes zur Verfügung gestellt hatten, konnte das Projekt in den neunziger Jahren starten. "

Gerade im Einzugsgebiet von Großstädten, deren Bewohner immer mehr die Verbindung zur Natur verlieren, erlaubt so ein Wald den Menschen, die Natur wieder zu fühlen, zu leben und schätzen zu lernen", bekräftigt Speich, der heute häufig in andere Länder eingeladen wird, um bei Waldrenaturierungsvorhaben mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Heute umfasst die nicht mehr bewirtschaftete Kernzone des Sihlwaldes eine Fläche von acht Quadratkilometern. Einst unter die Erde verbannte Bachläufe hat man inzwischen freigelegt und renaturiert. Bis sich der Sihlwald allerdings in einen echten Urwald zurückverwandelt hat, werden noch einige Jahrhunderte vergehen. Da die älteren und großen Bäume überwiegend gefällt worden waren, fehlen sie in der Altersstruktur des ökologisch jungen Waldes. Nur an Steilhängen oder in schwer zugänglichen Schluchten stößt man noch auf solche beeindruckenden Methusalems. Steilhänge und Plateaus, Schluchten und trockene Gebiete prägen das abwechslungsreiche Erscheinungsbild des Sihlwaldes, auch Hochmoore und Quellsümpfe gehören dazu.

Welche ökologische Rolle der Sihlwald übernimmt, erfahren Besucher im Naturzentrum Sihlwald in der ehemaligen Bahnstation. Schulklassen haben mit ihren Lehrern gerade den Themengarten entdeckt und den zwei Kilometer langen Erlebnispfad erfolgreich bewältigt. Nun folgt die kulinarische Krönung ihrer Exkursion in die Wildnis: Wie bei solchen Ausflügen üblich, hat sich die lärmende Kinderschar um eine Feuerstelle gruppiert und sorgt mit ihren Cervelatwürsten für eine weitere, durchaus angenehme Geruchskomponente.

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Autor:
Thomas Veser