Wilhelmshaven Stadtgeschichte

Niemand hat die Absicht, eine Stadt zu bauen." Wörtlich ist dieser Satz wohl nicht gefallen an jenem lausig kalten 23. November 1854, als Prinz Adalbert von Preußen sich durch leichtes Schneetreiben in offener Kutsche an den Jadebusen bemühte, um 160 Hektar Oldenburger Land für Preußen in Besitz zu nehmen. Noch führte keine Bahnlinie in die Einöde, es gab noch nicht einmal eine Straße. Kaum mehr als 200 Menschen trotzten auf verstreuten Gehöften den Malaria-Mücken im Sommer und den Winterstürmen in der flachen Marsch. Aber es gab das natürliche tiefe Fahrwasser der Jade, und es gab Pläne für einen Marinehafen Preußens an der Nordsee. Zu dessen Bau hatte Preußen dem Großherzogtum Oldenburg den Flecken Land abgeschwatzt und vertraglich versichert, eine Stadt werde es nicht geben.

Gut 150 Jahre später zeigt Wilhelmshaven, wie wenig Verlass auf solche Verträge ist. Mit dem Hafen kamen Werftarbeiter, Matrosen, Wirte, Beamte und Händler. 1869 kam schließlich Preußens König Wilhelm I. und gab dem ungewollten Kind feierlich einen Namen: Wilhelmshaven - niederdeutsch geschrieben.

Eine Revolution, zwei Weltkriege und diverse Wirtschaftskrisen haben die Stadt gebeutelt. Noch immer führt sie ein Schattendasein "am Rande der Wetterkarte", wie Einheimische spotten. Ein Fünftel der Bevölkerung zog in den vergangenen 20 Jahren fort, weil Jobs fehlen. Und ihren Charme legt die Stadt nicht jedem Besucher freimütig zu Füßen. Man muss schon über die sieben großen Brücken gehen, um den Reiz dieser grünen Wasserstadt zu entdecken. 260 Strandkörbe, 21 Kirchen, zehn Häfen, eine Moschee, eine Burg, eine Burgruine und ein Leuchtturm stehen dafür, dass Wilhelmshaven mehr ist als Marinestützpunkt und Hartz-IV-Hochburg. Im weitläufigen, mit Parks und Freiflächen durchsetzten Stadtgebiet leben immerhin 81.700 Menschen, 5500 Rinder, 1750 Schafe, 3500 Hunde und die Seehunde Peter, Paul und Mary im Aquarium.

Prinz Adalbert weist den Weg zu einer Stadterkundung. Mit Stab und dem Text des so genannten Jade-Vertrages von 1853 in Händen, blickt der Stadtvater als Bronzestatue am Adalbertplatz nahe dem Bahnhof Richtung Hafen. Die begrünte Adalbertstraße in seinem Rücken zeugt von wilhelminischer Prachtentfaltung zur Jahrhundertwende, als man mit Pomp und Paraden auf diesem Aufmarschgelände Deutschlands neue Rolle in der Welt inszenierte. Den Kern der alten Stadt prägen trotz schwerer Verwüstungen im Zweiten Weltkrieg noch heute ganze Straßenzüge gründerzeitlicher Fassaden mit verspielten Stuck- ornamenten, Zierbalkonen und Giebeln, die um die Jahrhundertwende nach Berliner Vorbildern entstanden. Allmählich wird der Wert dieser alten Beamtenhäuser erkannt, die verkommenen Quartiere werden saniert.

Viele große Repräsentationsbauten jener Zeit aber gibt es nicht mehr. Die neogotische Christus- und Garnisonkirche (1869 bis 1872) zeugt mit ihrer Sammlung alter Regimentsfahnen und dem Steuerrad der Kaiseryacht "Hohenzollern" vom Bemühen um die kurze, nicht immer strahlende Geschichte der Stadt. Gegenüber ließen Bürger 1994 sogar eine Kopie des im Krieg eingeschmolzenen Wilhelm-I-Denkmals neu aufstellen. Authentisch dagegen ist das Werfttor I von 1876, der imposante rote Backstein-Eingang zur Reichsmarinewerft. Dahinter, im Arsenalhafen, liegen in Sichtweite der Innenstadt heute die grauen Schiffe der Bundesmarine.

Bis zu 20.000 Arbeiter waren in Spitzenzeiten auf der Werft beschäftigt - genug, um den im Herbst 1918 von den Marineschiffen und Matrosen ausgehenden Umsturz eben jener Gesellschaftsordnung zu nähren, die Wilhelmshaven erst erschaffen hatte. Zeitgleich mit den Ereignissen in Kiel nahm die Revolution hier ihren Ausgang, als die Marineführung gegen Kriegsende einen letzten Vorstoß zur Selbstvernichtung plante.

 

Der Spaziergang vom alten Werfttor entlang der Marktstraße führt vor die Tore des alten Wilhelmshaven. Außerhalb des preußischen Gebiets hatten sich bereits in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts Vorstädte entwickelt, in denen sich Arbeiter ansiedelten. Die alte Siedlung Belfort am Ende der Marktstraße im heutigen Stadtteil Bant erinnert an diese Zeit. Reihen von 450 gedrungenen Klinkerhäusern mit kaum mehr als 50 Quadratmetern Wohnfläche, enge Straßen und Gärtchen vermitteln Puppenstuben-Gefühl. Ab 1871 hatte der Ammerländer Ziegeleibesitzer Adolph de Cousser auf der Suche nach Absatzmöglichkeiten für sein Produkt die Kolonie errichten lassen, die als eine der größten Arbeitersiedlungen Deutschlands unbedingt einen Besuch wert ist.

In den Wirtschaften und Spelunken Bants wurde nicht nur getrunken, sondern auch agitiert. Die Gemeinde blieb von Oldenburgs Regierung praktisch sich selbst überlassen, Zentrum sozialdemokratischer Aktivitäten. Selbst der Kanzler Bismarck und Kaiser Wilhelm II. sahen sich von Berlin aus zu Interventionen aufgerufen.

1937 schlug das NS-Regime mit dem Gesetz über Groß-Hamburg und andere Gebietsbereinigungen Wilhelmshaven dem Land Oldenburg zu und vereinigte es mit den Vorstädten. Beflissene Nationalsozialisten träumten von einer "Stadt der 500.000". Ganze Stadtteile wie Altengroden oder Fedderwardergroden mit insgesamt 18.000 Wohnungen stampften sie aus dem Boden. Einheitlich wie Kasernenbauten, massig und dekorarm, wurden sie Teil einer Einschüchterungsarchitektur, die noch heute in weiten Teilen der städtischen Peripherie erkennbar ist. Als breite Schneisen durchkreuzen Bismarck- und Gökerstraße, im "Dritten Reich" als Ost-West- und Nord-Süd-Achse teilweise an den alten Stadtgrenzen entlang geplant, die Bebauung. Kaum zu übersehende Reste von 40 Großbunkern sind eine weitere Hypothek jener Jahre.

Eleganter wirkt das Wahrzeichen der Stadt. Mit einer Spannweite von 159 Metern quert die luftig-grazile Kaiser-Wilhelm-Brücke seit einem Jahrhundert Wilhelmshavens Binnenhafen. Von 1905 an schmiedeten Arbeiter in der Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg (MAN) aus 758 Tonnen Stahl die filigranen Teile. Am 29. August 1907 wurde die damals größte Drehbrücke auf dem Kontinent für den Verkehr geöffnet.

Wenn die beiden Brückenteile nicht gerade lautlos auseinanderschwingen, um selbst größten Pötten die Durchfahrt zu gewähren, liegt Betrachtern von hier oben Wilhelmshaven zu Füßen. Im Norden die Silhouette der Stadt mit vielen Neubauten am Wasser, aber auch dem abbruchreifen Baudenkmal Südzentrale, um das sich seit Jahrzehnten niemand kümmert. Im Süden der einzige Südstrand der deutschen Nordseeküste mit Badehotels aus den "Goldenen Zwanzigern", dem Deutschen Marinemuseum, Yacht-Anlegern und der markanten Windwächter-Skulptur auf dem Fliegerdeich dahinter.

Wie der weitsichtige Adalbert von Preußen lässt man den Blick dann weiter hinaus auf den Jadebusen schweifen, wo bei klarer Sicht nachts der Leuchtturm von Arngast mit seiner Laterne grüßt. Dieser freie Blick und der ewige Wind haben die Menschen geprägt hier am Rand der Wetterkarte. Sie lassen sich nicht unterkriegen und grüßen in der preußischen Ex-Exklave mit ihrem oldenburgischen "Moin".

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Martin Wein