Europop Auf nach Centropa!

Wenn diese Zeilen erscheinen, sitze ich im Nachtzug, der heute City Night Line heißt. 12 Stunden und 36 Minuten durch die Winterdunkelheit von Köln nach Wien, eine Zeitspanne wie auf einem Flug in den Fernen Osten. Nach einem kleinen Rotweinchen im Speisewagen zur Einstimmung werde ich einen Krimi von Wolf Haas auf dem Ruhesessel im Großraumwagen lesen, während im Schlafabteil schon die Hardcore-Schnarcher sägen. Es ist eine Reise ohne baldige Rückfahrt. Fürs Jahr 2010 habe ich mir vorgenommen, die alte Habsburger-Hauptstadt nebst umliegenden Regionen näher zu erkunden.

Die Ankunft in Wien erfolgt morgens um neun (noch) am alten Westbahnhof, der gerade zur "Bahnhofcity Wien West" umgewühlt wird. Künftig leistet sich Österreichs Kapitale einen , der bis 2015 auf dem Gelände des im Abriss begriffenen Südbahnhofs entstehen soll. Dort weicht die rationale Architektursprache des österreichischen Wiederaufbaus einer protzigen Anlage, die die Drehscheibe in einem Vierländereck mit der Neubezeichnung übernehmen soll. Hier werden die alten Verbindungslinien der einstigen Doppel-Monarchie also neu gezogen. Neben Wien gehören übrigens auch das slowakische Bratislava, das tschechische Brno sowie die westungarische Stadt Györ zu dieser Metropolregion im mittleren Osten Europas.

An einem meiner ersten Tage in Wien werde ich im am Naschmarkt vorbeischauen, das einst als Frühcafe der "Marktstandler" auch Nachtschwärmer anlockte. 2007 wurde das alt-verrauchte Drechsler vom englischen Design-Großmeister Sir Terence Conran umgestaltet: eine Komplettsanierung bar eitler Designer-Gesten. Jetzt gibt es zur abendlichen Dämmerstunde einen DJ; sogar eine CD mit dem musikalischen Spektrum des Drechslers ist erschienen. Alteingesessenen Grantler mag das zu modisch und aufgesetzt vorkommen, mich dagegen interessieren solche Brüche und Transformationen inmitten von Topfenstrudel-Tradition. Wie etwa auch in der Hochkulturzone entlang der Ringstraße mit Hofburg und Burgtheater zu beobachten. Das in den ehemaligen kaiserlichen Stallanlagen mit seinen wuseligen Kultur- und Gastronomie-Einrichtungen ist der Versuch, die digitale Moderne hinter barocken Fassaden zu installieren. Mittlerweile ist der weiträumige Komplex ökonomisch so erfolgreich, dass der Haupthof mit seinem Freiluft-Mobiliar im Sommer an ein Strandbad erinnert. Und zum Abkühlen geht's dann rüber ins . Zu Beuys, Warhol, Picasso et al.

Interessant ist auch der weitgehend unkoordinierte Schub von Zuzüglern aus den südlichen und östlichen Nachbarländern. Dieser zeigt sich besonders gut im XVI. Stadtbezirk entlang der Ottakringer Hauptstadtstraße, auf dem Yppenplatz oder dem täglichen Straßenmarkt an der Brunnenstraße. Hier mischt sich eine ganz besondere Aura aus Vorarlberger Bergkäse und "Best Döner in Vienna". Im heißen Sommer der Fußball-Europameisterschaft 2008 feierten auf der Ottakringer Magistrale zehntausende Kroaten frenetisch ihre Mannschaft. Und lieferten sich nach dem tragischen Ausscheiden gegen die Türkei - auch das ist das moderne Wien - eine nächtliche Straßenschlacht mit der schwarz uniformierten Einsatzpolizei. Am nahen Hernalser Gürtel wiederum war von den Scharmützeln der Hooligans schon nichts mehr zu spüren. Hier hupten türkische Autokorsos um die Wette, während sich die studentische Musikszene in den Brückenbögen-Clubs unterhalb der Stadtbahnlinie die Kante gab.

Ich bin gespannt, welche Balance sich zwischen den glatten Business-Fassaden der UNO-City auf der anderen Donauseite, der verschrobenen Kunst- und Musikszene und der arg entspannten Gemütlichkeit der Heurigen-Geheimtipps in den nahen Weinbergen ergeben wird. Ein Erfahrungstrip jenseits der ständig aufgeregten Hipness, der gleichwohl anregend und verquer sein wird. Eine Art Gegengift zu den zu offensichtlichen In-Metropolen der westlichen Welt. Wie's sich ausgehen wird? Spätestens mit den ersten warmen Frühlingsstrahlen, wenn die Marktschänken oder das gemeinnützige Cafe "Club International" auf dem Yppenplatz ihre Schirme rausstellen werden, weiß ich mehr.

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Ralf Niemczyk