Warschau Polen, du bist Chopin

Einen Hehl daraus zu machen, ist sowieso sinnlos. "Die Leute hierzulande scheinen tatsächlich ein wenig besessen von dem Thema", räumt Alicja Knast ein. Sie ist Kuratorin der Ausstellung "Experiencing Chopin", die in diesem Jahr den 200. Geburtstag des Klavierkomponisten feiert. Schon vor der Eröffnung Anfang März waren die Eintrittskarten für das runderneuerte Museum im Stadtzentrum von Warschau ausverkauft.

Das allein wäre vielleicht weiter nicht erwähnenswert, auch bedeutende Ausstelllungen in Berlin, London und New York können sich über regen Zulauf nicht beklagen. Bemerkenswert ist vielmehr, was sich in der öffentlichen Wahrnehmung abspielt, der Welt also außerhalb des kunstfertig restaurierten Museumsbaus an der Okólnik-Straße.

Auf dem Weg etwa vom Frédéric-Chopin-Airport ins Stadtzentrum kündigen an jeder zweiten Straßenecke Litfasssäulen Chopin-Events an: Chopin-Kongresse, ein Chopin-Ballett, ein musikalisches Projekt namens "Rock loves Chopin" - wer im Jahre 2010 "Warschau" sagt, muss auch "Chopin" sagen. Oder Chopin gleich aufessen, wie im Le Regina beispielsweise.

Das Boutique-Hotel, eine der ersten Adressen der Stadt, bietet ein edles, fünfgängiges "Chopin Dinner" an. Zu Prélude-Klängen aus Opus 28 und Walzer-Melodien (Opus 34) führen die Kreationen von Michelin-Koch Pawel Oszczcyk durch Chopins Lebensstationen - von Warschau über Wien und Paris bis nach Schottland. Auch beim anschließenden Verdauungsspaziergang weicht einem Chopin nicht von der Seite: Quer durch die Innenstadt verläuft der "Chopin-Pfad", 15 elegante Marmorbänke, die auf Knopfdruck Chopin-Melodien wiedergeben und per SMS-Service Informationen über die historischen Fußstapfen des jungen Frédéric auf das eigene Handy liefern.

"Frédéric Chopin ist die bedeutendste Musikerpersönlichkeit unseres Landes, und er ist der berühmteste Warschauer", erklärt Alicja Knast die besondere Beziehung der Polen zu dem Komponisten mit französischen Wurzeln, den sie hier nur als "Fryderyk Szopen" (ausgesprochen wie das englisch "Shoppen") kennen. "In Warschau verbrachte er die ersten 20 Jahres seines Lebens, hier hat er studiert, seine ersten Konzerte gegeben und seine Lebensart entwickelt", begründet Knast den Museumsstandort Warschau.

Dass ihn diese Lebensart wenig später nach Paris trieb, wo er bis zu seinem frühen Tuberkulose- oder Mukoviszidose-Tod - da ist sich die Forschung uneins - im Jahr 1849 ein ausschweifendes Künstlerleben führte, hält in Polen heute niemanden von der Heldenverehrung ab. "In Polen gibt es in mehr als zwanzig Städten ein Chopin-Denkmal", weiß Alicja Knast. "In Frankreich hingegen kann man lange nach Spuren suchen." Der Einwand, die sterblichen Überreste des Komponisten lägen doch auf dem Pariser Friedhof Père Lachaise begraben findet nur kurz so etwas wie Zustimmung. "Stimmt", sagt Frau Knast, "aber eben nur diese: die sterblichen Überreste. Das Herz wurde direkt nach seinem Tod auf ausdrücklichen Wunsch des Künstlers selbst nach Polen überführt." Es ruht bis heute in der Heiligkreuzkirche, unweit des letzten Wohnortes Chopins, am Krakowskie Przedmiescie 5.

In der aufwändig inszenierten Ausstellung erhält der Besucher einen umfassenden Überblick über Werk, Leben und die Frauen des Komponisten. Aus den über 7000 Objekten, die das Warschauer Chopin-Institut besitzt, kreierte Kuratorin Knast eine faszinierende Welt aus Bildern, Tönen und Objekten. Der Ansatz, den die 44-Jährige gewählt hat, ist dabei erfrischend: "Ich selbst habe Schule immer gehasst und möchte daher unbedingt vermeiden, dass das Museum ein starres didaktisches Gebilde ist. Stattdessen sollte man in seinem eigenen Tempo Dinge erfahren und erleben können." Um dies zu ermöglichen, entwickelte die Kuratorin gemeinsam mit dem italienischen Designerbüro Miglore + Servetto ein radikal modernes Museumskonzept.

Dafür wurde in den Jahren zwischen 2005 und 2009 zunächst der historische Ostrogski-Palast entkernt. Ein mehrgeschossiger Keller wurde trockengelegt, die Räume in den oberen Etagen renoviert und neu gestaltet. Auf diese Weise konnten die nutzbaren Flächen um erstaunliche 90 Prozent erhöht werden - reichlich Platz also für Alicja Knast und ihr Team, sich mit einem Museumskonzept auszuprobieren, das in Sachen Individualität und Sinnesfreude seines Gleichen sucht.

Kernpunkt des Konzepts ist die so genannte Radio Frequency Identification-Technologie (RFID): Mit einem elektronischen Ticket legt der Besucher vor dem Eintritt in das Museum fest, welche Tour er wünscht: basic, fortgeschritten, für Kinder, für Sehgeschädigte; zusätzlich besteht die Wahl zwischen acht Sprachen. Beim Gang durch das Museum erkennt das System an zahlreichen Checkpoints anhand der RFID-Tickets stets, wen es vor sich hat. Chronologie und Richtung spielen dabei keine Rolle - die Ausstellung folgt dem Konzept eines "offenen Museums" - das Programm passt sich dem Besucher an, nicht umgekehrt.

Derart befreit von herkömmlichen musealen Zwängen, wird der Besuch von "Experiencing Chopin" zur spannenden Zeitreise mit Event-Charakter: Im Keller kann man in modern designten Alkoven tief in die Klangwelten des Komponisten abtauchen. Im ersten Geschoss erinnern Pferdegetrappel, Stimmengemurmel und der Geruch von Veilchen, Chopins Lieblingsduft, an das Paris der 1830er Jahre. Und in der zweiten Etage führen schließlich interaktive Klang- und Licht-Installationen durch das Werk eines der einflussreichsten Klavierkomponisten des 19. Jahrhunderts.

"Riechen, Fühlen, Sehen, Hören das ist das Museumskonzept der Zukunft", ist sich Alicja Knast sicher. "Wir haben für diese Ausstellung ausführlich die Regeln der Wahrnehmung studiert. Wenn man Tests durchführt, wie Dinge über die Umgebung erlernt werden, nehmen 95 Prozent der Menschen Erfahrungen über ein Bündel von Erfahrungen auf. Niemals nur durch Riechen oder nur durch Hören." Ihre Erklärung dafür reicht wesentlich weiter zurück als in die Zeit Chopins: "Am Ende des Tages sind wir eine Spezies, die aus dem Dschungel kommt und dort war es auch essentiell, alle Sinne einzusetzen."

Am Ende des Rundgangs hat man tatsächlich das Gefühl, mühelos eine Menge über den Menschen und Künstler Frédéric Chopin verinnerlicht zu haben. Er war ein großer Komponist, aber er war auch ein Lebemann, einer, der viel reiste, der das Leben und die Frauen liebte und der frühe Prototyp eines modernen Europäers war. Letzteres, da ist sich Alicja Knast sicher, ist auch der Grund, weshalb Chopin von den Menschen in Polen heute so verehrt wird: "Chopin ist ein Stellvertreter für eine nationale Identitätssuche, in der wir nach vielen Jahrzehnten der politischen Fremdbestimmung zu uns selbst finden. Ich glaube, wenn Psychologen in zwei Jahren auf das Chopin-Jahr 2010 zurückblicken, werden ihre Analysen sagen, dass es ein Schlüsseljahr war."

Autor:
Nico Cramer