Warschau Einfach die Kulissen stehen lassen

Wieder so eins. Wieder eines dieser Schilder, das da einfach prangt, und gar nicht weiß, wie cool es ist. "WEJSCIE", steht darauf in verblichenen roten Lettern, es kennzeichnet den Eingang einer Markthalle.

Mit seinem authentischen Retro-Chic könnte das Schild auch das Schmuckstück einer hippen Galerie in Berlin oder New York sein. Warschau ist voll von solchen Dingen. Als würden hier Filme gedreht, für die ganze Stadtteile nachgebaut worden sind, und dann hat man die Kulissen einfach stehen lassen, vom unscheinbaren Marktschild bis zum unübersehbaren, 231 Meter hohen Kulturpalast, eine Hinterlassenschaft Stalins im typischen "Zuckerbäckerstil" des sozialistischen Klassizismus.

Die historischen Kulissen verschmelzen sich in Warschau mit dem Modernisierungsfieber, das die 1,7-Millionen-Metropole seit einigen Jahren erfasst hat, "größte Baustelle Europas" nennen sie das hier. Alt und neu, grau und glänzend, potthässlich postsozialistisch und faszinierend futuristisch - das Warschau des Jahres 2010 präsentiert sich als aufregende Melange der Gegensätze.

Der Kulturpalast, gelegen nahe dem Hauptbahnhof, ist umringt von chromglänzenden Bürotürmen und dem Shopping-Tempel "Zlote Tarasy" ("Goldene Terassen"). Der am östlichen Ufer der Weichsel gelegene Stadtteil Praga mit seinen langen Reihen von Mietskasernen ist auf den ersten Blick der Inbegriff postsozialistischer Hässlichkeit, tatsächlich jedoch wirkt hier in günstigen Ateliers die aufstrebende Kunst- und Musikszene.

An der Jerozolimskie-Allee starren Panzer- und Hubschrauber-Relikte aus der Vergangenheit grimmig vom Hof des Polnischen Armee-Museums, während im Gebäude direkt daneben fleißig an einem Tabubruch gearbeitet wird: Am 11. Juni soll hier im Nationalen Museum die "Ars Homo Erotica" eröffnen, die erste Ausstellung über homoerotische Kunst in Polen unter Beteiligung eines großen staatlichen Museums.

"Im Vorfeld hat sich heftiger Widerstand geregt", berichtet Pawel Leszkowicz, Kurator der Ausstellung. Einige Teile der "Ars Homo Erotica" stammen aus dem Fundus des Museums, "die homoerotische Perspektive ist ja nichts Neues, sie ist essentieller Bestandteil der Kunst seit Jahrhunderten", so Leszkowicz. Aber die Dinge beim Namen zu nennen, das ist - EU-Mitgliedschaft und Öffnung zum Westen hin oder her - in Polen mit seiner zu 90 Prozent römisch-katholischen Gesellschaft schon etwas anderes. In Warschau sind in nahezu jedem zweiten Hinterhof Altäre und Marienbilder zu finden.

"Kaczynski soll in Rente gehen und mit seiner Katze spielen"

Pawel Leszkowicz kann ein wenig Entwarnung geben. "Die Situation hat sich erheblich verbessert. Vor drei, vier Jahren unter Premier Jaroswlaw Kaczynski wäre eine Ausstellung wie diese niemals möglich gewesen." Und so findet nur noch jene Folklore statt, wie man sie ähnlich auch aus erzkonservativen deutschen Landschaften kennt. "Die Partei Recht und Gerechtigkeit", sagt Leszkowicz, "hat erbitterte Briefe an den Kultusminister geschrieben, um die Ausstellung zu verbieten, allerdings vergebens".

Sorge bereitet dem Kurator derzeit allenfalls der Stimmungsumschwung nach dem Tod des konservativen Staatspräsidenten Lech Kaczynskis bei einem Flugzeugabsturz im April: "Sein Tod ist bei aller Tragik das Beste, was den Lobbygruppen am rechten politischen Rand passieren konnte. Der Tod ruft nationalistisch-patriotische Impulse hervor. Ein Backlash könnte die Folge sein."

Am 20. Juni stehen in Polen Präsidentschafts-Wahlen mit dem Kandidaten Jaroswlaw Kaczynski an, dem Bruder des verstorbenen Amtsinhabers. Dann wird man wissen, ob es einen Rückschlag für das seit 2004 zur EU zählende Land gibt. Wenn man sich heute in die grauen Vororte Warschaus verirrt, fernab der Billboards, Boutiquen und Bars im Zentrum, bekommt man eine Ahnung davon, wie das Lebensgefühl dieses "alten" Polen aussieht. Es ist keine schöne Ahnung.

Auf der Terrasse des Café Vergnano in der Nowy Swiat im Stadtzentrum sitzen Ewa und ihre Freundin Magdalena. Auf der von klassizistischen Bürgerhäusern gesäumten Straße finden sich zahlreiche Cafés und Boutiquen. Die beiden Mittzwanzigerinnen haben ihre eigene Sicht auf die jüngsten Ereignisse in Polen. "Die Hysterie um den Tod Lech Kaczynskis wurde unerträglich", findet Ewa. Dass Jaroslaw jetzt das Regiment seines verunglückten Bruders weiterführen will, sei kaum besser. "Der sollte lieber in Rente gehen und mit seiner Katze spielen", ergänzt ihre Freundin.

Dass die Geschehnisse auf der großen politischen Bühne ihr Lebensgefühl ernsthaft beeinträchtigen können, halten die beiden für ausgeschlossen. "Es passieren gerade so viele Sachen in Warschau, es fühlt sich sehr aufregend an, als würde man in einer happening city leben", sagt Ewa. Magdalena schlürft an ihrem Latte Macchiato. Sie hatte kürzlich Besuch aus der happening city Berlin. "Meine Freunde erzählten mir, dass die kreativen Leute in Berlin meist nicht Jobs haben, sondern Projekte. Und dass sie den ganzen Tag nur Latte Macchiato trinken und im Café sitzen. Was fällt Dir auf, wenn Du uns ansiehst?", fragt sie, und setzt ein selbstbewusstes Lächeln auf.

Ein rotes Marktschild, das die Geschichte vergangener Jahrzehnte erzählt. Eine Ausstellung über homoerotische Kunst, die Tabus bricht. Zwei junge Warschauerinnen, die dem angesagten Berliner Vorbild nacheifern. Irgendwo zwischen all diesen Spannungspunkten liegt Warschau 2010. Ob die Stadt tatsächlich die nächste happening city Europas wird, werden die kommenden Jahre zeigen. Platz genug für weitere Kulissen ist allemal.

Autor:
Nico Cramer