Polen Baden in der Ostsee

Gleißend steigt die Sonne aus der Ostsee empor. Silbern kräuseln sich die Schaumkronen, überschlagen sich. Die ersten Möwen segeln über das Kliff. Mit spitzen Schreien stoßen sie auf den Strand hinunter. Dort finden sie ihr Frühstück, hacken in Chipstüten und streiten sich um Pizzareste. Ein Strandschläfer krabbelt aus seinem Schlafsack. Dies ist die Stunde der Müllmänner von Jastrzbia Góra. Sie treten ein noch schwach glimmendes Lagerfeuer aus, werfen Bierdosen, Wodkaflaschen, Pappteller in einen blauen Plastiksack und einige Schaufeln Sand auf den schwarzgrauen Aschefleck. In wenigen Stunden wird man diesen Strand nicht wieder erkennen.

Für Beata und Dorota ist es Zeit, ihre Strandbude aufzuschließen. Sie ziehen die Fensterläden hoch, stellen Sonnenschirme auf, legen Tuben mit Sonnencreme, einen Spielzeugtraktor aus Plastik, Tüten mit Erdnüssen und Pistazien auf die Theke, schließen die elektrische Registrierkasse und den CD-Player an. Es ist eigentlich nicht ihre Bude. Beata und Dorota kommen aus Kattowitz, studieren dort Pädagogik.

Nun, in der Saison, arbeiten sie für 80 Zloty (20 Euro) am Tag am Strand von Jastrzbia Góra, 650 Kilometer vom oberschlesischen Kohlenpott entfernt, am nördlichsten Punkt Polens. Der Name bedeutet auf Deutsch Habichtsberg. "Das klingt romantisch", sagt Dorota. "Ist es aber nicht", fügt Beata hinzu. Die jungen Frauen müssen bei Sonnenaufgang aufstehen, doch sie haben keinen Blick dafür, wie sich die ersten Sonnenstrahlen golden auf den Wellen der Ostsee widerspiegeln. Ihre Bude steht zwar direkt am Strand, aber nur einmal am Tag können sie kurz ins Wasser springen, dann, wenn sie Pause haben.

Piotr und Andrzej, ihre Freunde, sehen Dorota und Beata fast gar nicht. Der eine arbeitet in der Küche einer Pizzeria, der andere kellnert in einem der vielen Biergärten. Das gemeinsame Quartier ist fast zwei Kilometer vom Strand entfernt. Ein näheres können sie sich nicht leisten, denn je dichter die Pensionen und Privatquartiere zum Meer liegen, desto teurer sind sie.

Zurzeit wohnen in jedem Zimmer der vielen Häuschen, die in den letzten Jahren eilig hochgezogen wurden, mehrere Personen. Im Winter leben gerade 700 Menschen auf dem Kliff, im Sommer sind es, wenn das Wetter schön ist, rund 20.000. Auf den Wäscheleinen und auf den Balkonbrüstungen flattern morgens bunt die Handtücher, Badehosen und Bikinis. In den Höfen und Vorgärten stehen dicht gedrängt Autos mit Nummernschildern aus ganz Polen. Man fragt sich, wie die da wieder rauskommen. Aus den Fenstern ziehen Gerüche von Kohl, Fisch, Braten. Nicht alle Urlauber können es sich leisten, mit der ganzen Familie täglich in eine Pizzeria, einen Biergarten mit Schaschlik-Grill oder eine Fischbräterei zu gehen.

Dorota und Beata wollten mit Piotr und Andrzej unbedingt nach Jastrzbia Góra. Das Seebad gehört zu den heißesten In-Destinationen junger Leute, in der Kattowitzer Szene redet jeder davon. Doch nun kommen die beiden Studentinnen kaum dazu, ihre grellbunten Bikinis vorzuführen.

Auf der Rangliste der polnischen Ostseebäder, die von der Zeitschrift "Polityka" erstellt wurde, belegt Jastrzbia Góra nur den 24. Rang. Die Jugend stört es nicht. Sie braucht keine Strandpromenade, keinen Park mit Musikpavillon, schon gar nicht ein

Kurhaus, wie es das in den nobleren Badeorten Swinemünde auf Usedom und in dem wieder mondän werdenden Zoppot gibt, wo die polnische Schickeria ihren Auftritt hat.

In Jastrzbia Góra sieht man keine Urlauber mit Clubjacke, Kapitänsmütze und Frauen mit Hut und Stöckelschuhen, die an den zahlreichen Andenkenläden vorbeistolzieren und Badenixen aus rosa Porzellan, bemalte Teller oder dicke Bernsteinketten, echte wie falsche, begutachten. "Solchen feinen Pinkeln würden wir sehr schnell Beine machen", prahlt ein tätowierter Muskelmann. Er kommt seit ein paar Jahren mit seinem Motorradclub für ein, zwei Wochen in den Ort, je nachdem, wie das Wetter ist. "Schade, dass wir mit unseren Maschinen nicht mehr durch den Sand pflügen dürfen", meint er mit Blick auf seine Kawasaki.

Gerade rechtzeitig haben Beata und Dorota die Tiefkühltruhe mit dem Eis am Stil und den Kühlschrank für die Bierdosen aufgeschlossen. Die ersten Familien kommen an den Strand. Noch können die Mädchen zwischendurch verschnaufen, die anstrengende Kundschaft taucht erst gegen Mittag auf, wenn die Sonne hoch am Himmel steht. Vorausgesetzt, sie scheint. Wenn es bewölkt ist, regnet und kalt wird, ziehen Dorota und Beata dicke Pullover über. Dann zeigen sich am Strand nur Großfamilien, die am Ufer unter dem Kliff entlang wandern, und Pfadfindergruppen, die auch im Regen Völkerball spielen. An solchen Tagen werden meist nur ein paar Dutzend Becher heißen Tees und ein paar Gläser Glühwein verkauft.

Doch meist ist das Wetter gut, wie die in allen Farben, in zartem Rosa, Sonnenbrandknallrot und afrikanischem Braun am Strand liegenden Bikinimädchen demonstrieren. Kinder bekommen ein paar Zloty in die Hand gedrückt, um den Riesenrutschbaum aus aufblasbaren Gummikissen auszuprobieren. Die Stimmung erinnert ein bisschen an Rimini 1962. Oben auf dem Kliff, wo es einen wunderschönen Höhenweg mit bester Sicht auf die See gibt, startet ein Wagemutiger mit seinem Gleitschirm. Landeinwärts setzt sich der Ferienrummel vor allem an der großen Lindenallee mit ihren Läden, Buden und Kiosken fort.

Das Meer ist für viele der jungen Leute eher Nebensache. Beata sagt knapp: "Viel zu kalt. "Man kann immer nur ein paar Minuten im Wasser bleiben, selten ist es wärmer als 19 Grad. Auch ist Salzwasser ja nicht gut für die Schminke, die viele der Schönen aus Warschau, ód und Kattowitz schon am Morgen aufgelegt haben, und auch nicht für die Bikinis, die raffiniert geschnittenen Einteiler und die superknappen Tangas.

Letztere führen manche der Mädchen lieber spektakulär am Abend vor. Wenn im Biergarten, in dem Andrzej arbeitet, "Miss Po" oder "Miss Busen" gekürt werden. Zwei Dutzend Kandidatinnen tänzeln den Laufsteg hinauf und hinunter. Je schmaler der Tangastrip auf dem Laufsteg, desto breiter die Zustimmung und umso lauter das Johlen aus Hunderten Männerkehlen, durch die meistens schon reichlich ywiec und EB, die polnischen Massenbiere, geflossen sind. Der Hit: Bier mit Strohhalmen aus einem Eimer trinken.

Eine Disco ist schnell organisiert: Man braucht ein Grundstück, ein aufrollbares großes Zeltdach, einen Getränkeausschank und eine Musikanlage mit mannshohen Lautsprechern. Wenn die Sonne im Westen im Meer versunken ist, werden die ersten Anlagen aufgedreht. Bis zum Morgengrauen hämmert und dröhnt in Jastrzbia Góra von allen Ecken und Enden die Hitparade rauf und runter, internationale Songs und polnischer Rock. Nahezu textilfreie Mädchen, muskulöse Burschen in gerippten Unterhemden und schwitzende, vorübergehend beurlaubte Familienväter mit sich über dem Bauch spannenden T-Shirts machen die Nacht zum Tag.

Beata und Dorota aber bekommen davon kaum noch etwas mit. Nach ihrem langen Tag in der Strandbude sind sie meistens viel zu müde, um sich noch in das pralle Nachtleben auf dem Kliff des Habichtsbergs zu stürzen. Sie schlafen sofort ein und werden auch nicht wach, wenn ihre nach Zigarettenqualm, Bratenfett und Bier riechenden Freunde kurz vor Morgengrauen ins Quartier kommen. Eine Stunde später klingelt der Wecker der beiden Mädchen, und dann geht die Sonne wieder über der Ostsee vor Jastrzbia Góra auf.

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Autor:
Thomas Urban