Vietnam Das Hotel Rex

Majestätisch steht es an der Ecke des Nguyen Boulevards: anmutig, weiß und mit einer Krone auf dem Haupt. Das Rex Hotel nimmt mit seinen 286 Zimmern fast einen ganzen Block in Ho-Chi-Minh-Stadt ein und wirkt im Chaos der vielbefahrenen Hauptstraße wie ein beruhigender Fels in der Brandung. "Das Rex ist noch viel mehr. Es ist ein Symbol für die Veränderungen der Zeit, ein Zeichen für die Geschichte", erklärt der britische Fotograf Tim Page bei einem Treffen früherer Kriegskorrespondenten auf der Dachterrasse des geschichtsträchtigen Baus. Sein leicht sentimentaler Blick in die Menge von gut 100 Kollegen aus vergangenen Tagen trifft auf bestätigendes Kopfnicken. Für die ehemaligen Kriegsreporter des Vietnamkriegs ist das Rex definitiv mehr als nur ein Hotel. Genau hier wurde Geschichte geschrieben. Und das nicht nur einmal.

Zentral ist nicht nur die Lage des Hotels, neben dem Volkskomitee-Gebäude und dem Wiedervereinigungs-Palast. In über 80 Jahren war das 5-Sterne Hotel immer wieder Mittelpunkt einschlägiger Veränderungen und Vorbote für die zahlreichen Metamorphosen Vietnams. In einer Stadt, die umkämpft, besetzt und letztendlich sogar ihres ursprünglichen Namens beraubt wurde, erwies sich das Rex als unbeugsames Manifest. Dabei hatte der heute teure Luxustempel eine erstaunlich unglamouröse Geburt: Früher war es ein Ausstellungsraum für Automobile. Während der französischen Kolonialherrschaft entstand 1927 die zweistöckige Bainier-Auto-Halle. Sie läutete den Beginn der Automobilära Vietnams ein und drückte dem damaligen Saigon mit einer Reihe europäischer Karossen und seiner Art Deco Architektur einen westlichen Stempel auf.

Nach dem Ende der Indochina-Besetzung, kaufte ein vietnamesisches Ehepaar das imposante Autohaus und begann 1959 mit der Vergrößerung zum sechsstöckigen Handelszentrum. Das Rex, wie es nun genannt wurde, war der Stolz der Einheimischen und hatte mit seinen hundert Hotelzimmern, drei Kinos, Cafes, einer Tanzhalle und Bibliothek nichts mehr mit einer Garage gemein. Noch vor der Fertigstellung kamen die ersten Gäste an - ungebeten und mit wenig Freude empfangen.

Im Dezember 1961 marschierten 400 amerikanische Soldaten in das Rex ein. Die beiden Kompanien aus Fort Lewis und Fort Bragg waren die ersten Einheiten in Saigon. Bis ihre Zelte in Tan Son Nhut aufgebaut waren, machten es sich die GIs im Gebäude am Nguyen Hue Boulevard bequem und feierten sogar ein verspätetes Thanksgiving-Dinner auf der großen Dachterrasse. Gemütlich schwelgten sie noch ein letztes Mal in der heimeligen Atmosphäre eines Landes, das sie bald mit Brandbomben übersäen würden.

Dort, wo nun die besten Mojitos der Stadt gemixt werden, gab es auch in den Wirren des Krieges stets gefüllte Gläser, die nach aufmunternden Trinksprüchen geleert wurden und ein Gefühl der Verbundenheit vermittelten. Zwischen hohen Pflanzen, Lampen und umgeben von den Lichtern der Metropole, blickt man heute an leicht kitschigen Elefantenstatuen vorbei auf das Gewusel der Straßen. Für Veteranen oder Kriegsberichterstatter haftet dem Dachgarten bis heute eine geradezu mystische Aura aus jenen Tagen an, die bei den regelmäßigen Treffen mit einer neuen Schicht Sentimentalität überzogen wird.

Bei Prada und Co in der Rex-Passage

Übersehen wird dann gerne, dass die Jahre des Vietnamkrieges im Rex von Lügen, Täuschungen und Vertuschungsaktionen geprägt waren. Berühmt-berüchtigt wird das Hotel durch die täglichen Pressekonferenzen, mit denen das amerikanische Militär ihr Volk beschwichtigen will. Tatsächlich arten diese Sitzungen jedoch immer mehr zu Märchenstunden aus. Jeden Abend geben Offiziere eine penibel manikürte Version der Kriegsgeschehnisse des Tage zum Besten, die so gut wie nichts mit den wirklichen Geschehnissen auf den Schlachtfeldern zu tun hat. Mit Sätzen wie "Wir mussten das Dorf zerstören, um es zu retten", machen sich die militärischen Pressesprecher zum Gespött der Journalisten. Die reagieren mit einer dicken Portion Zynismus und Sarkasmus auf die Zensur und taufen das nachmittägliche News-Briefing die five o'clock follies - "die Verrücktheiten um Punkt fünf".

"Man kann es auch als am längsten gespielte Militärkomödie der Geschichte bezeichnen, in der zwei GI-Reporter und ein Wettermädchen Unfug erzählten", erinnert sich Richard Pyle, damaliger Bürochef der Presseagentur Associated Press. Im Weißen Haus findet man solche Kommentare weniger lustig. Der erste mediale "Wohnzimmer-Krieg" gerät auf dem Schlachtfeld wie im Fernsehen allmählich außer Kontrolle. Vor allem nach der Tet-Offensive, einem vietnamesischen Überraschungsangriff 1968, brauchen die amerikanischen Truppen Wochen, um sich zu erholen.

Korrespondenten wie David Halberstam, Neil Sheehanu und Peter Arnett beginnen aus dem Konferenzraum des Rex die Unwahrheiten aufzuzeigen und erzählen, was sie mit eigenen Augen in den Regenwäldern im Süden Vietnams gesehen haben. In den USA schwindet der Glaube an einen baldigen Kriegsgewinn ebenso wie der Wille zur Unterstützung der Regierung. Die wiederum schiebt die Schuld auf die verräterische Journalistenschar, die sich täglich auf der Terrasse des Hotels versammelt. Jene schüttelt heute noch kollektiv verwundert den Kopf, wenn bei den nostalgischen Wiedersehen über den Dächern der Stadt, die mittlerweile Ho Chi Minh heißt, die alten Geschichten ausgepackt werden.

Mit der Umbenennung der Stadt erhält auch das Rex einen neuen Titel: Ben Thanh. Zwar verschwinden Amerikaner und Reporter nach dem Ende des Vietnamkrieges aus den Räumen, die Besetzung des Hauses nimmt trotzdem kein Ende. Nun quartieren sich die Kommunisten ein und verkünden 1976 aus dem Hotel heraus die Wiedervereinigung Vietnams. Erst 1986 bekommt der herrschaftliche Bau wieder seinen Namen, den Luxus und ein kleines Stück Autonomie zurück. Dass es nun in staatlichem Besitz ist, lockt bei den Einheimischen ein zufriedenes Lächeln hervor. "Das Rex ist ein Symbol der Unbeugsamkeit. Es hat sich stoisch in jedem Kampf behauptet und trotzdem nichts von seiner Identität eingebüßt. Mit dieser Einstellung gehen auch viele Vietnamesen durch Leben", erklärt Mac Kim Thuy Huong, Chefin der Marketing-Abteilung, mit eben jenem versteckt zufriedenen Zucken um die Mundwinkel.

Trotzdem musste eine Verjüngung her, der Westen gibt den neuen Standard vor und 2003 beginnt die umfassende Modernisierung und Vergrößerung, die dem Hotel die 5-Sterne einbringt und zur bevorzugten Anlaufstelle der Reichen und Schönen macht. Pool, Spa, Fitnessstudio sind heute ebenso fester Bestandteil des Rex wie der große Chanel-Shop, der in den Räumen der früheren Bibliothek Glamour ausstrahlt. Das ganze Erdgeschoss des Komplexes ist gesäumt von schicken Designerläden. Die neureiche Elite des Landes geht ebenso gern bei Prada und Co. in der Rex-Passage bummeln wie die Gäste aus dem Ausland.

"Das Interieur wurde komplett verändert, der Eingang neu designt und das Nebengebäude angekauft. Alles ist luftiger, eleganter und trotzdem noch typisch vietnamesisch", sagt Thuy Huong. Den eigenen Charakter des Hotels zu bewahren sei wichtig, das sei man der Geschichte des Rex schuldig. "Besucher, die während des Krieges hier waren, staunen und finden sich trotzdem immer sehr schnell zurecht. Sie scheinen eine spezielle Verbindung zum Rex zu haben", so die Marketing-Chefin. Der neue Slogan "Our Vietnam Home" hat für jene Ausländer, die die Stadt noch als Saigon kennen eine andere Bedeutung als für die cool aufgestylte lokale Jugend, die lässig überteuerte Cocktails bestellt oder die betagten Vietnamesen, die zur Teestunde in den Piano-Saal schlendern. Aber das macht nichts, das Rex Hotel war schon immer gut darin, sich für jede Art von Besucher in den perfekten Gastgeber zu verwandeln.

Autor:
Manuela Imre