Italien Die Arena von Verona als Opernbühne

Um 19 Uhr sollen sich die Tore zu den Tribünen öffnen. Als sich um 19.05 immer noch nichts rührt, rütteln die ersten Opernfans ungeduldig am Eingangsgitter und stimmen lauthals den Gefangenenchor aus "Nabucco" an. Endlich darf gestürmt werden. Alles drängt nach oben. In der obersten Reihe gibt es nämlich Rückenlehnen, die Steinstufen, auf denen man sitzt, sind von der Sonne verwöhnt, und oben weht gelegentlich ein erfrischender Windhauch. Von hier hat man auch den besten Blick auf die vom Abendlicht vergoldete Stadtsilhouette, die eindrucksvoll über den Rand der historischen Arena von Verona ragt, in der schon Gladiatorenkämpfe und öffentliche Hinrichtungen stattgefunden haben.

Das Publikum in der Arena von Verona ist klar aufgeteilt: Wir hier oben - die da unten. Oben hockt das einfache Volk, das sich keine nummerierten Plätze leisten kann. Und doch sind gerade das begehrte Plätze, für die man anstehen und drängeln muss.

Dafür kann man dann später herabschauen auf die da unten. Auf die, die aufreizend spät, in bester Garderobe, paarweise zu ihren reservierten Plätzen schreiten, als wollten sie heiraten.

Oben ist Party mit dem inoffiziellen Wettbewerb um die "Miss Bauchnabel". Oben gestaltet sich das Publikum das Vorprogramm selbst, während unten noch die Bühne gefegt wird. Oben klatschen sich die Ersten schon eine Stunde vor der Ouvertüre warm, wenn unten noch nicht mal die große Pauke aufgebaut ist.

Probeweise werden schon mal die Ferngläser rumgereicht. Zwei gute Freundinnen teilen sich die mitgebrachten Panini mit Mozzarella. Oben sitzt barfuß der Padrone im Kreise seiner Lieben, zerteilt zeremoniell mit dem Taschenmesser eine Melone und reicht die Stücke lässig weiter. Und darüber, ganz oben, sind die harten Burschen. Die, die heimlich rauchen und wild entschlossen sind, ihre Sonnenbrille auch nach Einbruch der Dunkelheit nicht wieder abzunehmen.

Oben ist das Volk. Auch wenn die Sandalen deutlich über deutschem Modestandard liegen und die Leute nicht gerade aussehen, als ob sie frisch vom Strand kommen: Es sind einfach ganz normale Menschen hier. Die müssen sich keine Sitzkissen für fünf Euro ausleihen, die haben selber Schlafsäcke im Tarnmuster mitgebracht und gestreifte Bezüge von heimischen Gartenmöbeln. Zwar werden in Bauchläden niedliche Fächer als Souvenir angeboten, aber die Damen behelfen sich lieber mit den überdimensionierten Eintrittskarten.

Ein schmaler Mann, der offensichtlich nicht ganz freiwillig hier ist und von der Gattin mitgeschleppt wurde, hockt tief über sein Motorsport-Magazin gebeugt auf den Steinstufen. Lesen muss man, solange es noch hell ist. Das gilt auch für alle, die das Libretto lesen wollen, das man rechtzeitig in preiswerten Ausgaben an den Kiosken in der Stadt kaufen kann oder auch noch im letzten Moment in der Arena. Die echten Verdi-Liebhaber, die, die jede Zeile mitlesen, haben sich vorsorglich mit einer Taschenlampe ausgerüstet.

Natürlich wissen die meisten Zuschauer auch ohne Textbuch, worum es im Stück geht: Rasende Eifersucht und unerwiderte Liebe auf Seiten der Frauen erweisen sich als die wahrhaft treibenden Kräfte, die alles tragisch enden lassen - das ist bei "Nabucco" nicht anders als bei "Aida". Und das wollen die Zuschauer immer wieder bestätigt wissen. Da stört sich auch niemand an der plakativen Dramatik, die Verdi gelegentlich vorgeworfen wurde. Hier findet es niemand abgeschmackt, dass der Schrecken ganz banal durch verminderte Septakkorde deutlich gemacht wird, dass sich Maßlosigkeit durch übergroße Intervalle ausdrückt und die Gefühlskälte der Bösen durch virtuose Koloraturen in extremer Höhe. Das ist bei Verdi so, und das Publikum goutiert es. Schon vor hundert Jahren galt die Parole: Wagner wird bewundert, Verdi wird geliebt.

Eine Beziehung auf Gegenseitigkeit, auch Guiseppe Verdi liebte das Volk. Nach einem frühen Misserfolg war der Arme durch die hämischen Buhrufe wie betäubt, so dass er - wie er seinem Verleger gestand - nur noch Schundromane lesen konnte: Es hat ihm auf lange Sicht gut getan. Denn danach wusste Verdi, was seine Landsleute eigentlich wollen: Große Liebe endet unglücklich, und das Volk braucht endlich einen Retter.

Musik, die mit leisen Tönen überzeugt

So begann Verdis Erfolgsstory. Hüte und Schals à la Verdi wurden Mode. Seine Melodien wurden auf Leierkästen gespielt, und es geht die Legende, dass er die Leierkastenmänner bezahlt hat, damit sie ihn wenigstens in seiner Nähe vor seinen eigenen Gassenhauern verschonten. Der Gefangenenchor "Va, pensiero" aus "Nabucco" wurde zur heimlichen Nationalhymne. Allein schon durch das Summen derselben konnten die Italiener im Norden gegen die Unterdrückung durch die Österreicher aufbegehren.

Über der Arena fliegen inzwischen einzelne Fledermäuse ihre Zickzack-Linien. Die Beleuchtung für die Bühne wird eingeschaltet und lässt die Mücken glitzern. Unten werden die kleinen Lampen an den Notenständern angeknipst. In letzter Minute werden noch mal Eis, Bier, Wein und belegte Brote angeboten, dann ertönt der Gong - und bekommt Applaus.

Eine letzte Durchsage, den Nachbarn nicht durch Geräusche zu belästigen, nicht zu rauchen und nicht zu filmen. Dann wird der Dirigent an seinen Platz geleitet; sein Weg wird mit einer Taschenlampe beleuchtet, damit er nicht im letzten Moment stürzt.

20.000 Menschen lauschen, halten die Luft an. Keiner wagt zu husten. Die Spannung ist förmlich zu hören. Noch das kleinste Geräusch wird registriert. Zwei Reihen weiter unten wird eine Kühltasche abgestellt. Eine Mineralwasserflasche zischt leise, und draußen brummt ein einsames Motorrad - irgendwo weit entfernt in der Stadt, denn auf dem Platz vor der Arena, wo schon die Requisiten für das nächste Stück lagern, dürfen keine Motorräder fahren.

In diesem größten Opernhaus der Welt unter freiem Himmel überwältigt einen die Musik nicht etwa durch Lautstärke, sondern durch die Kraft des Leisen. Die gewaltigen Gesangsstimmen, die für die Verächter der Oper so lächerlich wirken, sind hier genau richtig am Platz. Fast möchte man glauben, dass sogar die Texte verständlich wären. Bewundernswert die Statisten, die laufen können, als hätten sie Filzpantoffeln an. Um so mehr stören die Blitzlichter und die Dummheit der Fotografen, die noch immer nicht wissen, dass Fotos auf diese Entfernung sowieso nichts werden.

Zu der akustischen Sensation gesellt sich noch eine optische, für die ein Süßwarenhersteller sorgt, der im Treppenaufgang die kleinen Kerzen hat verteilen lassen, versehen mit der Aufforderung: "Zünde das Kerzlein vor dem Schauspiel an, als Zeichen deines Beiseins bei einem ,magischen' Ereignis ohnegleichen auf der ganzen Welt".

Weil es nämlich 1913 bei der Einweihung der Arena als Opernbühne hier noch keine Elektrizität gab, brachten die Zuschauer kleine Kerzen mit, um die Texte mitzulesen. So feierten sie den 100. Geburtstag von Guiseppe Verdi. So wurde das Flimmern von tausenden kleiner Lichter während des ersten Aktes Tradition; und deshalb ist bei den Nachbildungen der Arena, die man als Schüttelkugel in den Souvenirläden kaufen kann, manchmal so ein merkwürdiger Glitzerstaub zu sehen.

Heutzutage gibt es Strom in der Arena. Der wird aber nicht etwa für eine Gesangsanlage gebraucht, sondern allein für weitere Lichteffekte. Es gibt ja auch ordentlich was zu sehen. Schon lange vor Pink Floyd wurde in der Tradition der italienischen Oper gerne mit eindrucksvollen Kulissen gearbeitet, und lange nach Hannibal wurde auch schon mal ein lebender Elefant auf die Bühne gebracht - bei "Aida" sogar ein Dromedar, das später in der Stadt wieder eingefangen werden musste. Das Auge hört eben mit.

Hunderte von Statisten bringen auch diesmal eindrucksvolle lebende Bilder zustande, etwa wenn sie durch geordneten Rückzug geschickt die Zeit überbrücken, die das Publikum nach "Va, pensiero" mit nicht enden wollendem Applaus verschwendet. Dieser Single-Hit, den viele Opern-Neulinge bisher wahrscheinlich nur in der Version von Nana Mouskouri kannten, wird gleich freiwillig wiederholt, damit es wenigstens danach flott weitergehen kann.

Aber was heißt schon flott? So eine Oper dauert; gerade bei "Aida" wird bekanntlich sehr, sehr lange gestorben. So schön das Ganze auch sein mag: Irgendwann ist's genug, der Schlussapplaus kommt schließlich wie eine Erlösung.

Seinerzeit bei der Premiere von "Nabucco" in Mailand, als sich Verdi noch persönlich verbeugen konnte, hatte es 32 Vorhänge gegeben. Ganz so heftig ist es heute in Verona nicht mehr, aber die Woge der Zustimmung donnert immer noch gewaltig. Das Publikum springt begeistert von den sitzen auf. Verdi wird immer noch heiß geliebt, aber vielleicht kommt es ein bisschen auch deshalb zu den berühmten stehenden Ovationen, weil man einfach nicht so lange auf den Steinen sitzen kann.

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Autor:
Bernhard Lassahn