Editor's Blog Wir alle sind Terroristen

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, ich liebe die USA. Ehrlich. Wunderschöne Landschaften, tolle Städte und jede Menge Fast Food haben mein Herz erobert. Auf dem Weg in das Land der unbegrenzten Möglichkeiten geht von dieser Liebe derzeit allerdings immer ein großes Stück verloren. Die Grenzkontrollen und Einreisebestimmungen der US-Amerikaner sind einfach eine Frechheit.

Bevor man überhaupt den Abflughafen am Horizont sieht, sorgen vier Buchstaben schon für schlechte Stimmung. ESTA steht für Electronic System for Travel Authorization. Via Internet muss man spätestens 72 Stunden vor Reiseantritt die Vereinigten Staaten von Amerika um Erlaubnis fragen, ob man überhaupt willkommen ist. Dabei gibt man freimütig allerhand Daten von sich preis, anhand derer dann die Behörden feststellen, ob man ein Terrorist ist oder 375 unbezahlte Strafzettel wegen Falschparkens in New York hat. Das Hirnrissigste an diesem Antrag: Nach bestandener Prüfung ist man zwar offiziell berechtigt, in die Vereinigten Staaten einzureisen, um eine Garantie, auch tatsächlich das Land betreten zu dürfen, handelt es sich jedoch nicht. Der ganze Schreibkram ist also komplett sinnlos. Zumindest für die Reisenden.

Für die USA hingegen lohnt es sich. Zwar sind dem Heimatschutzministerium dank ESTA bislang recht wenige - also eigentlich überhaupt keine - Al-Qaida-Kämpfer ins Netz gegangen (diese besitzen wohl die Frechheit, niemals ihren echten Namen bei der Anmeldung zu verwenden), aber immerhin verdienen die Behörden inzwischen mit dem Verfahren einen ordentlichen Batzen Geld.

Seit dem 8. September 2010 kostet der ESTA-Antrag, der zwei Jahre seine Gültigkeit behält, eine Bearbeitungsgebühr von 14 US-Dollar. Zahlbar bitte schön mit Kreditkarte. Was eigentlich ein Affront gegen unsere Nation der Barzahler ist und wohl zu einigen Problemen führen wird. Denn im vergangenen Jahr besaßen nach einer Umfrage des Instituts für Demoskopie in Allensbach gerade mal 35 Prozent der Deutschen das gewünschte Plastikgeld. Aber das können die dem Leben auf Pump nicht abgeneigten Amis nun wirklich nicht wissen.

Mit dem vielen ESTA-Geld soll übrigens der Tourismus in den USA gefördert werden. Da bin ich sehr gespannt. Zurzeit ist das Ganze eher kontraproduktiv. Oder finden Sie es in Ordnung, Geld für ein Visum zu bezahlen, das keines ist? Das ganze Vorgehen erinnert doch eher an einen Banditen, der unter der Brücke lauert, Wegezoll fordert und dann schnell zur nächsten Brücke rennt, um noch einmal abzukassieren.

Meister der zeitaufwändigen Verhörtechniken

Das einzige Gute an ESTA: Man steht nicht im direkten Kontakt mit den US-Grenzern. Das zweifelhafte Vergnügen erwartet einen erst später am Zielflughafen. Sicher, die Damen und Herren der US Customs and Border Protection machen nur ihren Job. Warum sie dabei jegliche Freundlichkeit vermissen lassen, ist mir rätselhaft.

Der klassische US-Grenzbeamte vermutet hinter jedem Touristen einen Terroristen. Die gepflegte Paranoia gehört anscheinend zum Einstellungskriterium. Und so wird auch jeder Reisende wie der Schwippschwager von Osama Bin Laden persönlich behandelt. "Warum haben Sie einen Stempel aus Dubai im Pass?", "Was haben Sie da gemacht?", "Wieso waren Sie auf Mauritius?", "Warum reisen Sie allein?", "Was sind Sie von Beruf?", "Wen kennen Sie in den USA?" - Fragen über Fragen, auf die es eigentlich nur eine Antwort geben kann: Was geht Sie das eigentlich an? Reichen Ihnen mein biometrisches Foto, ESTA und die eingescannten Fingerabdrucke nicht? Und wie sieht das bei Ihnen eigentlich mit dem Datenschutz aus? Aber das traut sich natürlich keiner anzumerken. Schließlich wollen wir ja doch alle nur einreisen und keinen Ärger.

Großartig ist auch die ungläubige Reaktion mancher Grenzschützer, wenn man auf die Frage "Was wollen Sie in den USA?" wahrheitsgemäß mit "Ich bin Tourist und möchte mir ihr schönes Land angucken" antwortet. Da werden die Heimatschützer erst recht skeptisch und löchern einen mit weiteren Fragen. Dass das ausführliche Erzählen meiner völlig langweiligen Lebensgeschichte ein wenig den restlichen Einreiseverkehr aufhält, interessiert dabei diese Meister der zeitaufwändigen Verhörtechniken reichlich wenig.

Wirklich bizarr verhalten sich die US-amerikanischen Passkontrolleure, sobald Menschen anstehen, die irgendwie muslimisch sein könnten. Dann drehen die Grenzer förmlich durch und vermuten in jedem Gebetsteppich eine riesige Bombe. Der Gedanke, dass sich der gemeine Terrorist meist inkognito um die Einreise bemüht, kommt den Kontrolleuren leider nicht. Viel lieber drangsaliert man verschleierte Damen und bärtige Herren, die eigentlich nur ihre in Harvard studierenden Enkel besuchen wollen.

Zuviel Patriotismus kommt übrigens auch nicht immer gut bei der Passkontrolle an. Bei meinem jüngsten Zwischenstopp in Kalifornien trug ich ein T-Shirt mit dem Sternenbanner und dem Wappentier der USA, einem Adler, auf der Brust. Das war den Grenzern suspekt. Es folgte eine ausführliche Personen- und Gesinnungskontrolle. Die Erkenntnis dieser Erfahrung: Wie man es macht, macht man es falsch. Immerhin, ich durfte einreisen. Allerdings nur für 10 Sekunden. Danach ging es wieder schnurstracks zurück in den Transitbereich des Los Angeles Airports. Schließlich wollte ich nicht nach Hollywood, sondern nach Paris, Frankreich. Die ESTA-Gebühr wurde trotzdem fällig. Was für eine clevere Geschäftsidee!

Autor:
Denis Krah