Arizona Wie ein Mann die Route 66 wiederbelebte

Angel Delgadillo kann dieses Datum nicht vergessen. "Am 22. September 1978 pünktlich um 2 Uhr mittags ließ man unsere kleine Stadt einfach sterben", sagt der 84-Jährige. Der kleine Friseur aus Seligman, Arizona, zittert vor Erregung, wenn er die Geschichte seiner Heimat erzählt. Sein Gehör ist nicht mehr das beste, der Gang ist gebückt, doch das Gedächtnis funktioniert einwandfrei. Noch immer sind ihm die Enttäuschung und die Wut anzusehen, die er damals empfand, als die Regierung in jenen Tagen ein weiteres Teilstück des Interstate-Highway 40 in Betrieb nahm - und die Route 66, die Haupteinnahmequelle des Dorfes, mit einmal leer blieb. Von einem Tag auf den nächsten wurde Seligman zur Geisterstadt. "Ich stand am Fenster meines Geschäftes, und es fuhr einfach niemand mehr vorbei", erinnert sich Delgadillo.

Einst erstreckte sich der US-Highway 66 über knapp 4000 Kilometer von Chicago nach Los Angeles. Die kurvenreiche Landstraße war in den 1950er- und 1960er-Jahren die wichtigste Verbindung zwischen der Ost- und Westküste der Vereinigten Staaten und verdiente sich schnell den Spitznamen "Mother Road", die Mutter aller Straßen. Doch US-Präsident Eisenhower ließ - angeblich schwer beeindruckt von deutschen Autobahnen - die Route 66 durch ein Netz mehrspuriger Schnellstraßen ersetzen. Die Folge waren unzählige kleine Orte wie Seligman, an denen urplötzlich das Leben vorbeifuhr. Der ausgediente US-Highway 66 verfiel in Rekordtempo, und mit ihm die angeschlossenen Gemeinden.

Delgadillo wollte sich mit diesem Schicksal nicht abfinden. Zusammen mit einer Handvoll Gleichgesinnter stemmte er sich gegen den Niedergang seiner Heimatstadt. Ein knappes Jahrzehnt kämpfte er dafür, dass die Route 66 als "State Historic Route", eine Art Denkmal, vom Bundesstaat Arizona anerkannt und geschützt wird. In dieser Zeit rannte er unentwegt gegen bürokratische Windmühlen an - bis er 1987 tatsächlich Erfolg hatte. "Die Politik hat uns im Stich gelassen, aber wir, die Menschen an der Route 66, haben nicht aufgegeben", sagt Delgadillo voller Stolz. "Das hier ist Amerika, und in unserem Land ist alles möglich!"

Heute ist Seligman alles andere als tot. Stattdessen herrscht lebhaftes Treiben in dem Ort, in dem nicht einmal 500 Menschen leben. Im Minutentakt halten auf der kleinen Hauptstraße die Reisebusse und Motorradgruppen an. Seligman ist eine Attraktion, selbst wenn es hier bis auf eine paar alte Geschäfte und Oldtimer nicht viel zu sehen gibt. Die Touristen aus aller Welt sind auf der Suche nach den ursprünglichen USA, der Nostalgie der Nachkriegszeit und ein wenig Elvis. Delgadillo ist für sie die fleischgewordene Route 66.

Bier und Oldtimer

Der kleine Friseursalon ist inzwischen ein Andenkenladen, vollgestopft mit Souvenirs, auf denen in allen Variationen die "66" prangt. Kaffeetassen, Golfbälle, Blechschilder, T-Shirts - Delgadillo und seine Familie verdienen recht ordentlich am Mythos der "Mother Road". Nebenan betreibt die Sippe noch einen Imbiss, der ebenfalls gut läuft. Nur noch manchmal kommt der alte Angel in den Laden, um jemanden die Haare zu schneiden oder den Bart zu stutzen. Und wenn er es tut, dann wird er dabei von Dutzenden von Kameras fotografiert.

So wie Seligman haben sich inzwischen auch andere Gemeinden an der Route 66 vollständig auf die Touristen ausgerichtet. Sei es in Williams, das verkehrsgünstig auf der Strecke zum Grand Canyon liegt, oder in der Universitätsstadt Flagstaff: Überall in Arizona finden sich die Hinweise auf die legendäre Ost-West-Verbindung. Durchgehend befahrbar ist die Route 66 allerdings nicht. Teilweise ist die alte Straße schon so beschädigt, dass selbst Mountainbikes ihre Schwierigkeiten hätten. Rechnet man alle Teilstrecken der "Mother Road" jedoch zusammen, dann kommt man immerhin noch auf etwas über 250 Kilometer - mehr intakte Route 66 gibt es in keinem anderen US-Bundesstaat.

Jim Enenkel kennt fast jeden Meter des altehrwürdigen Highways. Der Deutsche ist Geschäftsführer des Motorradverleihers Eaglerider in Flagstaff und versorgt die Touristen mit passenden Harleys für den Nostalgietrip auf der Route 66. Das Geschäft läuft gut. "Für viele ist einfach ein Traum, auf der 'Mother Road' mit dem Bike zu brausen", beschreibt er die Faszination des Highways. Insbesondere, da es in Arizona keine Helmpflicht für die Zweiradfahrer gibt. Hier darf man sich ganz wie der "Easy Rider" fühlen. Manchmal kommt es allerdings vor, dass seine Kundschaft die Weite des Landes ein wenig unterschätzt und plötzlich ohne Sprit auf der Standspur endet. Dann muss Enenkel auf der eigenen Harley mit dem Ersatzkanister zur Rettung eilen.

Die Faszination für die 66 hat allerdings nicht nur Besucher aus Japan, Deutschland oder Kanada erfasst. Auch in Arizona entdecken immer mehr Menschen ihr Herz für den alten Streifen Teer, der quer durch ihren Staat führt. Michael Marquess und Urs Riner sind dafür beste Beispiele. Die beiden eröffnen im Oktober 2011 ihre eigene kleine Privatbrauerei namens "Mother Road". Und zwar in bester Nostalgie-Lage - in South Mikes Pike, einem ursprünglichen Teilstück der Route 66 mitten in Flagstaff. Die Biere erweisen den Orten am alten Highway die Ehre und tragen Namen wie "Roadside", "Twin Arrows" und "Gold Road". Die Etiketten sind bewusst im Retrodesign gehalten. Marquess verbindet mit dem Start-up gleich zwei Leidenschaften: "Ich liebe Bier - und ich liebe Oldtimer."

Frischen Wind kann die Route 66 gebrauchen. Viele der alten Motels, Diner und Krämerläden an der "Mother Road" sind dringend renovierungsbedürftig und haben ihren Nostalgie-Bonus längst aufgebraucht. In Seligman wacht noch der alte Angel in seinem ausrangierten Friseursalon über den Mythos des US-Highways. An den Ruhestand ist noch nicht zu denken. Sein Nachbar Frank Kocevar, der in seinem historischen Krämerladen allerhand Schnickschnack und selbstgerösteten Kaffee an die Busladungen von Touristen verkauft, macht sich derweil schon Gedanken um die Zukunft der Route 66. "Wir brauchen dringend ein wenig frisches Blut", sagt er. "Es lebt schließlich keiner ewig." Einen echten Nachfolger für Angel Delgadillo haben sie bislang nicht gefunden. Den kann man nicht ersetzen.

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Autor:
Denis Krah