USA Unterwegs auf dem Blues Highway

Für die Geografen liegt das Mississippi River Delta im US-Bundestaat Louisiana, wo sich der Fluss in den in Golf von Mexiko ergießt. Wenn die Blues-Fans vom Mississippi-Delta schwärmen, denken sie an jene Mississippi Delta Region, die mehr als 1000 Kilometer nördlich vom River Delta im US-Bundesstaat Illinois beginnt. Von dort aus schlängelt sich der Old Man River durch Kentucky, Missouri, Tennessee, Arkansas und durchquert jenen US-Bundesstaat, der nach dem Fluss benannt wurde: Mississippi.

Parallel zum Mississippi verläuft eine knapp 2600 Kilometer lange Straße mit der amtlichen Bezeichnung "U.S. Route 61". Kultur- und Tourismus-Manager nennen die Sixty-One aber nur den "Blues Highway". Zahlreiche Museen und Gedenkstätten erinnern an Musiker, die hier gelebt haben. Zum Beispiel an den Sänger und Gitarristen McKinley Morganfield, besser bekannt als Muddy Waters. 1962 benannte sich eine Londoner Rhythm-and-Blues-Kapelle nach dem Muddy Waters-Song "Rolling Stone".

Der Namensgeber der Rolling Stones verbrachte seine Kindheit in Clarksdale, Mississippi. Hier in Clarksdale kreuzt die Blues-Fernstraße den Highway 49. An dieser Kreuzung soll Robert Johnson (1911-37) dem Teufel seine Seele verkauft haben und wurde dafür in die Geheimnisse des Delta Blues eingeweiht - zum Beispiel, dass eine Gitarre wimmert und jault, wenn man einen Flaschenhals über die Saiten gleiten lässt. Dieser Faust-Mephisto-Deal zahlte sich aus: Ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod wurden zwei Millionen CD-Boxen mit "The Complete Recordings" des "King of the Delta Blues" verkauft. Weil sein Grab unbekannt ist, pilgern die Johnson-Verehrer zum Friedhof der Old Zion Church in der Nähe von Greenwood. Dort trinken sie auf sein Wohl und legen die Flasche nieder an einem Gedenkstein.

Nicht weit entfernt erinnert das Delta Blues Museum an weitere große Söhne der Stadt. Zum Bespiel an John Lee Hooker, der auf seiner Gitarre den Boogie-Rhythmus schrammelte, dazu endlose Geschichten erzählte und als Erfinder des Talkin’-Blues gilt. Oder Sam Cooke, der mit Schnulzensänger-Feeling und mit der Ausdruckskraft eines Gospel-Predigers die heutigen Soul-Stars beeinflusste.

Tina Turner und Elvis: entdeckt von Ike Turner

Ebenfalls in Clarksdale geboren wurde Ike Turner (1931-2007), der beinahe nur als koksender und prügelnder Ehemann von Tina Turner in die Musikgeschichte eingegangen wäre. Im Delta Blues Museum wird er rehabilitiert als jener Mann, der 1951 mit dem Hit "Rocket 88" den Rock’n’Roll erfand. Und Tina Turner war nicht seine einzige Entdeckung. Ike hatte auch dem pubertierenden Elvis Aaron Presley beigebracht, wie man rockt und rollt.

Noch skandalfrei: der junge Elvis.
Wolfgang Streitbörger
Noch skandalfrei: der junge Elvis.
Der König des Rock’n’Roll wurde 1935 geboren in Tupelo, Mississippi. Sein Geburtshaus ist leicht zu finden - einfach nach Elvis Presley Drive, Hausnummer 306 fragen. In dem anheimelnd lauschigen Park rund um den "Elvis Birthplace" steht jene Kapelle, die der King bauen ließ, um hier seine inneren Batterien aufzutanken. Heute kommen die Fans in die Kapelle, um zu meditieren oder zu den Klängen von "Crying In The Chapel" zu heiraten. Ein paar Schritte weiter zeigt eine lebensgroße Statue den 13-Jährigen mit einer Gitarre. Er trägt sie wie ein lästiges Requisit, denn eigentlich hatte sich Klein-Elvis ein Luftgewehr gewünscht. Zum Glück kaufte Mrs. Presley ihrem Sohn im örtlichen Hardware Shop ein Musikinstrument. 

Letzte Ruhestätte von Elvis: Graceland

Seine letzte Ruhe fand der größte Popularmusikant aller Zeiten am Elvis Presley Boulevard, Hausnummer 3734, in Memphis, Tennessee. Hier in Graceland ist der King auch gestorben. Mehr als eine halbe Million Menschen besuchen jedes Jahr dieses nationale Heiligtum, das vom Washingtoner Innenministerium 2006 in die Liste der National Historic Landmarks aufgenommen wurden. Eine Ironie, wenn man bedenkt, dass der Graceland-Hausherr ein halbes Jahrhundert zuvor noch in Verruf war, den "Untergang der abendländischen Kultur" auszulösen, sobald er mit den Hüften wackelte. Heute bestaunen brave Familienväter und ihre Kinder den rosa Cadillac und andere überraschend-skurrile Einrichtungsdetails. Nach seinem Graceland-Besuch gestand der US-Komiker Robin Williams: "Ich wusste, dass Elvis ein großer Verehrer von Ray Charles war. Aber ich weiß erst seit heute, dass er den blinden Sänger auch als Innenarchitekten beschäftigt haben muss."

In Memphis lebt ein Teil von Elvis bis heute weiter. Besonders im Studio von Sun Records, wo Presley im August 1953 ein Liedchen für seine Mama aufnahm. Ebenso Johnny Cash, Roy Orbison, Jerry Lee Lewis und andere Pop-Wegbereiter spielten hier ihre frühen Hits ein. 1956 schmetterte Carl Perkins mit seiner Schluckauf-Stimme hier den ersten Millionseller von Sun Records ins Mikro: "Blue Suede Shoes". Bis heute nutzen Nachwuchs-Rocker aus aller Welt dieses Studio, um ihrer Karriere einen authentischen Turbo-Kick zu geben mit dem einst revolutionären Sun-Sound: schepperndes Schlagzeug, verzerrte Bässe und viel Hall auf dem Gesang.

Unsterblich für seine Fans: Blues-Legende B.B. King.
Wolfgang Streitbörger
Unsterblich für seine Fans: Blues-Legende B.B. King.
Aber das richtige Leben spielt in Memphis immer noch dort, wo sich auch Elvis und Co abends gerne inspirieren ließen - in der Beale Street. Eigentlich wurde sie 1841 nach einem Kriegshelden "Beale Avenue" benannt. 1916 schrieb W.C. Handy seinen "Beale Street Blues", denn "Street" passte besser in den Refrain als "Avenue". 1977 adelte der US-Congress die Straße zum "Home of the Blues". Ein Königsweg für Pop- und Jazz-Liebhaber wird die Beale Street durch ihre Hausnummer 143, die Adresse von "B. B. King's Blues Club". Wer noch immer nicht genug von den Größen auf dieser Strecke hat: Das "B. B.King Museum" steht zwei Autostunden weiter in Indianola.

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Autor:
Winfried Dulisch