Amerika Surfen in Kalifornien

14 Stunden Flug nach Los Angeles stecken mir in den Knochen, jetzt kämpfe ich mich mit dem Mietwagen, der eher wie eine FBI-Limousine als nach einem Surfmobil aussieht, über den Highway 5 in Richtung San Diego. Zwei weitere Stunden vergehen, ehe ich kurz hinter Camp Pendelton die Ausfahrt nehme und mein Reiseziel fast erreicht habe: Oceanside, Kalifornien.

Zwei Minuten später parke ich vor einem typisch kalifornischen Wohnhaus, das in lecker riechende Rauchschwaden gehüllt ist. Laute Musik und reichlich Stimmengewirr sind zu hören. Ein Barbecue ist im vollen Gange. Rouven Brauers, der Hausherr, begrüßt mich mit offenen Armen - und einem kühlen Bier. Der Deutsche zog mit seiner Firma Hydroflex vor einem Jahr von Wolfsburg nach Oceanside. Eine mutige Entscheidung, schließlich ist nirgendwo auf der Welt die Konkurrenz auf dem Surfbrettmarkt so groß wie in Kalifornien. In der alten Heimat hatte er sich schnell einen Namen gemacht, hier ist Brauers einer von vielen.

Nach einer sehr kurzen ersten Partynacht finde ich mich neben Rouven im Minivan auf dem Weg zu Oceansides Harbor Beach wieder. Bretter raus und endlich rein ins winterlich kalte Wasser. Bei strahlender Sonne und kopfhohen Wellen surfe ich mich wach. Kalifornien ist in solchen Momenten einfach nur großartig.

Mitten im aufgewühlten Pazifik erkenne ich den Surfprofi Charley Stevens wieder, der mir gestern auf der Party vorgestellt wurde. Wir begrüßen uns kurz, doch bevor wir uns unterhalten können, dreht Charley hektisch das Board in Richtung Strand und paddelt eine heranrasende Welle an. Ein kurzer freier Fall und der Surfer verschwindet hinter einer Wasserwand aus meinem Sichtfeld. Nach einigen Sekunden schießt er über den Wellenkamm und paddelt zurück. Der 23-Jährige lebt in Oceanside und kennt die Brandung hier wie kein anderer.

Nachdem uns der Ozean einiges an Kraft geraubt hat, stehen wir müde und bibbernd wieder am Strand. Mit Charley verabreden wir uns für den Nachmittag am markanten Pier. Er will mir mehr von Oceanside zeigen, das inzwischen ein heimlicher Hotspot der kalifornischen Surfszene ist.

"Die Stadt ist in den vergangenen Jahren zu dem Treffpunkt für alle Surfer zwischen San Diego und Orange County geworden", erklärt mir Charley, als ich ihn später am Rotary Park kurz hinter dem Pier treffe und wir mit meinem schicken Mietwagen durch den Ort fahren. "Die Wellen sind hier nicht nur hoch, sondern auch vielfältig. Da ist für jeden was dabei."

Immer Ärger in Oceanside

Aber das ist nicht der einzige Grund, warum Surfer Oceanside so lieben. Während ein paar Kilometer weiter in Carlsbad viele Rentner leben und dort Grabesstille herrscht, bietet Oceanside ein ganz besonderes Flair. In Kalifornien hat man den Einwohnern der Stadt nicht ohne Grund den Spitznamen "Piraten" verpasst. "Hier ist es rauer, manchmal sogar gefährlich", erzählt Charley. "Es gibt in Oceanside eine Menge Straßengangs und schwer tätowierte Rocker, die auf ihren Motorrädern die Straßen patrouillieren." Letztere trifft man ständig in der"Purple Church", dem lokalen Stripclub.

Angeblich kommt es in der Stadt häufiger als andernorts zu Schlägereien in den Bars. Das liege unter anderem daran,. dass die riesige Militärbasis Camp Pendelton sich vor den Toren der Stadt befindet, klärt uns Charley auf. "Die Soldaten kommen hier her, betrinken sich und werden aggressiv", erzählt der Surfprofi.

Ich bin etwas verunsichert, denn eigentlich macht die Stadt auf mich einen sehr friedlichen Eindruck und unterscheidet sich zumindest optisch nicht von den Nachbarorten, die sich wie an einer Perlenschnur aufgereiht bis nach San Diego runter ziehen. Die Touristen scheint das "raue" Klima auch nicht zu stören. Gerade im Sommer ist Oceanside extrem beliebt bei den jungen Kaliforniern. "Im Restaurant 'Rubys', am Ende des großen Piers, triffst du die meisten zum Abendessen", sagt Charley. "Es ist dort wie in einem klassischen Diner aus den 1950er Jahren und man kann wunderbar den Sonnengang beobachten" Ein Besuch des Restaurants sei Pflicht.

Der V8-Motor des Mietwagens blubbert langsam entlang der Mission Avenue als Charley mit dem Finger auf ein einstöckiges Gebäude zeigt. "Hier gehe ich immer mit meinen Freunden nach einer guten Surfsession zum Frühstücken hin." Vier Dollar kostet im "Johnny Mananas" ein Burrito. "Der Beste, den du dir vorstellen kannst!" Glücklicherweise ist es aber schon nachmittags und ich komme um das mexikanische Frühstück herum. Dafür fahren wir einen Block weiter zum "Sunset Market", der jeden Donnerstagabend eine echte Attraktion ist. "Ich komme hier gerne mit meiner Freundin her" berichtet Charley. "Es spielen Live-Bands, das Essen ist toll, und man kann hier gut spazieren gehen."

Wenn es keine Wellen gibt, hängt der Profisurfer mit seinen Kumpels in den beiden Skateparks der Stadt,"Bishops" und "MLK ab. Doch wie viele Surfer gibt es eigentlich in Oceanside? " Ich denke es sind rund Tausend. Surfen hat hier denselben Stellenwert wie Football, Basketball oder Baseball", antwortet Charley.."Viele der Leute hier leben von Sozialhilfe und sind arbeitslos. Daher können sie ständig aufs Meer hinaus paddeln. Und in Kalifornien will jeder ein Surfer sein."

Zwei Blocks weiter, am Pier View Way, parken wir direkt vor dem "Californian Surf Museum", dem inoffiziellen Tempel der Surfer in Oceanside. "Auch wir brauchen manchmal ein wenig Kultur", sagt Charley mit ironischem Unterton. Die aktuelle Ausstellung zeigt gerade die Geschichte des Frauensurfens. Von den ersten Pionieren bis zu den Pokalen und Surfbrettern der aktuellen Weltmeisterinnen findet man hier alles rund um das Thema. Nach einem kurzen Stopp im Museum fahren wir wieder zurück an den Pier, wo ich Charley anfangs eingesammelt hatte.

"Die Wellen werden langsam wieder besser! Wollen wir noch mal eine Runde surfen gehen?" Ich stimme zu, zwänge mich in meinen noch eiskalten und nassen Neoprenanzug, schnappe mir mein Board und renne mit ihm in die Fluten. Kalifornien ist großartig.

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Autor:
Lars Jacobson