Queen Mary Poltergeist auf dem Passagierschiff

Die Hotelleitung der "Queen Mary" hat resigniert. Der Poltergeist von Kabine B 340 gibt einfach keine Ruhe. Frisch verlegte Teppiche wurden über Nacht vom Boden gerissen, Schreibtischlampen fielen scheppernd zu Boden und schlafenden Gästen wurde im Dunkeln gewalttätig die Bettdecke vom Leib gezogen. Das Gespenst hat einen kostspieligen Hang zum Vandalismus. Inzwischen wird der karge Raum mit den abgewetzten gelben Teppichresten auf dem Boden, den zwei eisernen Bullaugen und dem altmodischen Einzelbett nicht mehr an Touristen vermietet.

"Ein bösartiger Geist, einer, der sich nicht unter Kontrolle hat, beherrscht die Kabine", meint das britische "Medium" Derek Acorah. Von einem "tasmanischem Teufel" spricht Parapsychologe Ciaran O'Keeffe. Zahlreiche Gespensterjäger haben sich schon mit der heimgesuchten Unterkunft auf Deck B beschäftigt. Ghostbuster-Teams von TV-Serien wie "The Othersiders" oder "Most Haunted" gaben sich die Klinke zu Kabine B 340 in die Hand. Geholfen hat es nicht.

Der Poltergeist im Raum B 340 dürfte zwar der Schlimmste, aber bei weitem nicht der einzige Untote an Bord der "RMS Queen Mary" sein, die als Hotelschiff im Hafen von Long Beach, Kalifornien, liegt. Über 600 übernatürliche Wesen sollen in den luxuriösen Kabinen, Maschinenräumen und auf den Fluren keine Ruhe finden. Dabei gab es überhaupt nicht so viele Todesfälle an Bord des ehemaligen Kreuzfahrtschiffes. Tatsächlich dokumentiert sind nur 38 Passagiere und 17 Bordmitglieder, die auf dem Luxusdampfer das Zeitliche segneten. Betrachtet man allerdings die bewegte Vergangenheit der "Queen Mary", dann kann man schon verstehen, warum der Spuk an Bord eine wahre Massenbewegung ist.

239 Tote an einem Tag

Dabei begann die Geschichte des Luxusdampfers recht vielversprechend. Das Flagschiff der englischen Reederei Cunard überstand 1936 schadlos seine Jungfernfahrt über den Atlantik von Southampton über das französische Cherbourg nach New York. Mit einer für damalige Verhältnisse beachtlichen Geschwindigkeit von über 30 Knoten transportierte der Ozeanriese fortan jede Woche annähernd zweitausend Passagiere und über tausend Crew-Mitglieder über den großen Teich. Natürlich waren auch zahlreiche Stars wie Greta Garbo, Clark Gable, George Gershwin und Charlie Chaplin unter den Gästen des schwimmenden Art-Deco-Hotels. Sie schliefen in den Luxus-Suiten der ersten Klasse, flanierten auf den Außendecks und tanzten im imposanten Grand-Salon, der sich über drei Stockwerke erstreckte.

Doch schon drei Jahre später endete die goldene Zeit der "Queen Mary" als umjubelter Luxusliner. Der Zweite Weltkrieg hatte begonnen. Aus den Luxuskabinen wurden Quartiere mit Stockbetten, das Dekor verschwand in Lagerhallen und die weiße Außenhaut des Schiffes wurde grau übermalt. Eine Tarnung, die ihm auch den Spitznamen "Grey Ghost" einbrachte. Fortan stach die Queen mit ihren drei mächtig aufragenden Schornsteinen als militärisches Transport-Schiff in See und beförderte Truppen nach England, oftmals über 15.000 Soldaten bei einer Überfahrt. Bei ihrer Rückfahrt beherbergte sie Kriegsgefangene und verwundete Soldaten. Wie viele von ihnen während dieser Zeit in den engen Schiffskajüten starben, ist nicht überliefert.

Jede Menge Tote forderte ein Schiffsunglück im Jahre 1942. Aufgrund eines Navigationsfehlers kollidierte die "Queen Mary" frontal mit einem ihrer Begleitschiffe vor der irischen Küste, der "HMS Curacoa". Der leichte Kreuzer brach in der Mitte auseinander und sank. Anstatt Befehl zu geben, die Ertrinkenden aus dem Wasser zu fischen, setzte der Kapitän der "Queen Mary" auf Anweisung der US-Marine ungebremst seine Fahrt fort. 99 Männer der "HMS Curacoa" konnten von einem zweiten Begleitschiff gerettet werden, 239 Männer ertranken - viele wurden von den sinkenden Schiffsteilen mit in die Tiefe des Meeres gezogen.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ging die "Queen Mary" nicht sofort in den Ruhestand. Sie wurde restauriert und setzte ihre Luxusfahrten über den Atlantik fort. Doch Anfang der 1960er Jahre erlahmte das florierende Geschäft. Ein Konkurrent für die Linienschifffahrt tauchte hoch am Himmel auf, das Passagierflugzeug. Noch ein paar Mal unternahm der Ozeanriese Reisen in Richtung Kanaren und Bahamas, bis er 1967 nach unzähligen Atlantik-Überquerungen in Pension ging. Heute liegt die "Queen Mary", die zum Hotel umgebaut wurde, im Hafen von Long Beach und zieht neben Kreuzfahrtschiff-Nostalgikern vor allem eine Zielgruppe an - die Geisterfans.

Das Rätsel der Kabine B340

Bei Anbruch der Dunkelheit schleichen die Touristen durch die Flure und Suiten des Kreuzfahrtschiffs. Auf Expedition zu den Tatorten früherer Tragödien, wie die unter Deck gelegenen Schwimmbäder. Früher jeweils gefüllt mit bis zu 28.000 Gallonen Seewasser, sind sie heute leer und unbenutzt. Nichtsdestotrotz wollen mehrere Beobachter den Geist eines ertrunkenen Mädchens namens Jackie Korin im Swimmingpool kichern und planschen gehört haben. Jackie ist nicht allein - begleitet wird sie angeblich von ihrem Teddybär und von Sarah, einer Frau, die in den Umkleidekabinen des Schwimmbads ermordet wurde.

Im ehemaligen Maschinenraum mit seinen verrosteten Wänden, der auch dem Katastrophenfilm "Die Höllenfahrt der Poseidon" aus dem Jahr 1972 als Drehort diente, geht der prominenteste Untote um - John Pedder. Das 18-jährige Crew-Mitglied wurde 1966 bei einer Feuerübung von einer schweren Metalltür zerquetscht. Seitdem wollen sowohl Besatzungsmitglieder als auch Besucher die Gestalt eines Mannes mit Bart gesehen haben, der einen blauen Overall trägt und in Höhe von Schott 13 erscheint.

Auch an vielen anderen Orten soll es nicht mit rechten Dingen zugehen. So sorgt in der Kombüse ein Koch für Unfrieden, der einst im Ofen verbrannte und am Bug des Schiffes soll man schrille Schreie sowie laute Kollisions-Geräusche im ehemaligen Frachtraum hören können. Genau an der Stelle, an der die "Queen Mary" einst mit der "Curacao" kollidierte. Weiterhin sahen Besucher an dem unheimlichen Ort Schatten und hörten Stimmen von deutschen Soldaten, die hier während des zweiten Weltkrieges angeblich gefangen gehalten wurden.

Doch das alles ist nichts gegen den bösen Geist in B 340. Warum das Gespenst in der Kabine so wütet, ist noch immer ein Rätsel. Manche behaupten, der Geist eines ermordeten Zahlmeisters treibe in der Kajüte sein Unwesen. Andere glauben, dass in dem Zimmer ein fünfjähriges Mädchen spukt, das einst hier von seinem Vater brutal getötet wurde. Echte Beweise für diese Tragödien gibt es allerdings nicht. Es sind einfach nur zwei schaurig-schöne Geistergeschichten - und von denen gibt es an Bord der "Queen Mary" jede Menge mehr.

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Autor:
Bettina Hensel