North Carolina New Bern, historische Altstadt

Manch ein Einwohner von New Bern versteht die ganze Aufregung nicht. Dem 30-jährigen Derek will zum Beispiel nicht einleuchten, was an seiner Heimatstadt so interessant ist und warum ständig diese vielen Schweizer, die eigentlich ganz nett sind, in dem kleinen Ort Urlaub machen. "Ich finde hier nichts spannend", sagt er. "Wir haben doch eigentlich nur ein paar alte Häuser und Pepsi Cola."

Die "paar alten Häuser" sind das historische Stadtviertel, das einen großen Teil von New Bern einnimmt, und jeden Denkmalschützer in Entzücken versetzt. Hier stehen massenhaft Bauten, die in anderen US-Städten schon lange nicht mehr zu finden sind. Eine Tour durch New Bern ist wie ein Ausflug mit der Zeitmaschine. Von den Anfängen der Stadt über den Bürgerkrieg im 19. Jahrhundert bis zur großen Depression der frühen 1930er Jahre - das Viertel ist ein einziges Freilichtmuseum. Und die New Berner wohnen darin.

Dass viele der historische Bauten noch stehen, verdanken die Bürger von New Bern dem günstigen Verlauf des amerikanischen Bürgerkriegs. Die Unionstruppen eroberten die damals bedeutende Hafenstadt bereits ein Jahr nach Kriegsbeginn 1862, besetzten diese mit 10.000 Mann und verspürten nicht den Drang, irgendetwas dem Erdboden gleichzumachen. Der Ort entwickelte sich in North Carolina zu einer Anlaufstelle für Sklaven auf der Flucht. Noch heute rühmt man sich in New Bern dieser besonderen Rolle und seiner reichen afro-amerikanischen Geschichte.

Gegründet wurde New Bern im Jahr 1710 vom schweizerischen Adeligen Christoph von Graffenried, der sich mit einigen Landsleuten und zahlreichen deutschen Immigranten auf den Weg von der alten in die neue Welt aufgemacht hatte. Die Reise verlief allerdings nicht ganz so, wie geplant. Unterwegs wurde das Schiff von französischen Piraten überfallen, die so ziemlich alles mitnahmen, was nicht niet- und nagelfest war. Doch das war nur der Anfang der Scherereien.

Immer der Ärger mit den Indianern

Die nach der Heimatstadt des Barons benannte Siedlung lag nämlich nicht nur günstig an den Flüssen Neuse und Trent, die hier ineinander münden, sondern auch mitten im Gebiet der Tuscarora-Indianer. Von Graffenried schmiss die Ureinwohner einfach von "seinem" Grundstück und vereinnahmte das Land für sich. Die Tuscarora revanchierten sich beim Neuankömmling indem sie ihn und einen Mitstreiter entführten sowie New Bern kurzerhand niederbrannten. Der Baron überlebte die Gefangenschaft und kehrte 1714 verarmt nach Bern zurück. Seine Stadt in North Carolina verkaufte er verbittert für 800 britische Pfund.

Trotz der schlechten Erfahrungen des ersten Eidgenossen am Platze erfreut sich New Bern heutzutage großer Beliebtheit bei Touristen aus der Schweiz. Die machen sich hier auf die Suche nach möglichen Verwandten in North Carolina, finden allerdings meist nur einen anderen alten Bekannten.

Das Berner Wappentier, der Bär, ist in New Bern allgegenwärtig. Überall springt Meister Petz einem in der kleinen Südstaatenstadt entgegen: Sei es als kunterbunte Skulptur vor dem Rathaus, im Souvenirladen, in Form eines Straßenschilds oder von den Polizeiwagen der Gemeinde. Das Überangebot an Teddys führt jedoch manchmal zu kleinen Verwirrungen in der Bevölkerung. Die Stadtführerin versichert zum Beispiel glaubhaft, dass Bern das deutsche Wort für Bär ist und das pelzige Vieh deshalb an jeder Ecke zu finden sei. Die US-Touristen nicken zustimmend mit dem Kopf, der Deutsche schmunzelt und schweigt.

New Bern pflegt sein historisches Erbe. Das war nicht immer so. Auch Derek kann sich an diese Zeiten noch gut erinnern. "Die Innenstadt war kein schöner Anblick und nicht das sicherste Pflaster", erzählt der Hotelmanager. "Jetzt sieht alles natürlich sehr schön aus und wir haben jede Menge Polizei." In der Innenstadt sanierte die Stadtverwaltung in einem Zeitraum von 30 Jahren Straße für Straße und belebte so das kleine Geschäftsviertel. Erst jüngst gewann die Middle Street einen Preis der US-amerikanischen Stadtplaner für ihr schmuckes Aussehen.

Die Heimat der Pepsi-Cola

Unter dieser Adresse findet sich auch eine weitere historische Attraktion der Stadt - das Geburtshaus der Pepsi-Cola. Der New Berner Apotheker Caleb Bradham erfand die braune Brause 1898 in seinem kleinen Eckladen an der Middle Street. Noch heute erinnert ein Pepsi-Souvenirladen an dieser Stelle an die Entstehung des Erfrischungsgetränks. Bradham brachte seine Schöpfung wenig Glück. Der gute Mann verspekulierte sich mit den Zuckerpreisen und ging 1931 Bankrott. Seine Pepsi-Formel musste er zusammen mit der Fabrik für 35.000 US-Dollar verkaufen, die Cola verließ New Bern.

Wenn es um den Erhalt und die Präsentation des historischen Viertels geht, dann kennen die New Berner keine Grenzen. Für alle alten Häuser gelten strenge Denkmalschutzbestimmungen. Wenn doch mal eines dieser ehrwürdigen Gebäude irgendwie im Weg steht, dann wird es kurzerhand abgebaut und an einem anderen Platz wieder aufgebaut. Für die Rekonstruktion des Tryon Palace, dem alten Regierungssitz North Carolinas, ging man sogar noch einen Schritt weiter. Um den ehemaligen Gouverneurspalast an alter Stelle nachzubauen, wurde in den 1950er Jahren kurzerhand ein ganzer Highway umgeleitet und eine neue Brücke über den Trent gebaut. Heute ist der Tryon Palace mit seinem wunderschönen Garten das Sahnestück des historischen Viertels.

Gleich nebenan eröffnete in diesem Jahr das North Carolina History Center, ein ultramodernes Museum, dass die Geschichte des US-Bundesstaates und der Stadt zum Thema hat. 60 Millionen US-Dollar kostete der komplett auf Nachhaltigkeit ausgerichtete Neubau und bietet allerhand interaktive Elemente an. So können sich zum Beispiel Besucher individuelle Rundgänge auf ihre Smartphones laden und sich von diesen durch die Ausstellungen führen lassen.

Die Verantwortlichen des Tryon Palace geben sich jedoch mit ihrem Museums-Schmuckstück nicht zufrieden. Es existieren schon wieder neue Pläne für gelebte Geschichte. Eine alte Dame hinterließ ihnen jüngst eine alte Plantage auf der anderen Seite des Flusses. "Immobilienspekulanten haben uns mit Millionen-Angeboten für das Grundstück überhäuft", sagt Brad Schulenberg, Marketing-Chef vom Tryon Palace. "Wir haben alle abgelehnt." Die Plantage soll nun möglichst originalgetreu wieder restauriert werden und zu einem Freilichtmuseum mit Zeltlager-Romantik umgestaltet werden.

Vielleicht überzeugt das Derek dann ja auch einmal, dass es in seiner Heimatstadt ganz spannend sein kann.

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Autor:
Denis Krah