New Mexico Mit einem Ballon ein Lächeln zaubern

"Guck dir den mal an", gluckst ein etwa 80-jähriger Herr aus Albuquerque gut gelaunt, "vorne nix dran, hinten auch nicht." Der Kleinbus überholt gerade einen ganz normalen kleinen Honda - im Land der Geländewagenmonster ein echter Exot. Der unwesentlich jüngere Sitznachbar guckt ebenfalls auf die Straße und kichert fröhlich: "Wo hat der wohl seinen Motor?" Er lebt eigentlich in Florida, doch nun wollen die beiden Kriegsveteranen noch einmal zusammen abheben. Zusammen mit einem Mutter-Tochter-Gespann im Zwillingsoutfit und einer größeren bunten Gruppe lassen sie sich zur großen Ballon-Festival-Wiese bringen.

Der frühe Morgenhimmel präsentiert sich wie gewohnt wolkenlos, die Luft ist frisch - nachts wird es im gut 1600 Meter hoch gelegenen Albuquerque vergleichsweise kühl. Doch die ersten zarten Sonnenstrahlen klettern bereits über die Spitzen der Sandia-Berge. Den Gästen ist die freudige Erwartung ins Gesicht geschrieben. Ballon-Pilot Troy Bradley hingegen runzelt die Stirn. Der Wind sei doch relativ stark - für eine Ballonfahrt also nicht unbedingt geeignet. Die Passagiere denken: Wind? Welcher Wind?

Troy bläst einen kleinen Testballon auf und lässt ihn fliegen. In Sekundenschnelle wird er hoch in den Himmel hinauf katapultiert und ist nur noch als Punkt zu erkennen. Nun runzeln auch die Passagiere die Stirn. Auch wenn Ballonfahrer als abenteuerlustig gelten, eigentlich wollte man sich Albuquerque nur mal ganz gemütlich von oben anschauen. Und kaum irgendwo auf der Welt ist das so selbstverständlich wie hier mitten in New Mexico. Der fünftgrößte Staat der USA (etwas kleiner als Deutschland) bietet an 300 Tagen im Jahr perfektes Ballonwetter - unschlagbar.

Das hysterische Bellen der Hunde

Auch heute werden die riesigen bunten Nylonbahnen schließlich doch auf der Rasenfläche im Südwesten der Stadt ausgerollt, die beiden Veteranen halten die Öffnung hoch, in die ein Gebläse kalte Luft hineinpustet. Während der Ballon sich immer mehr wölbt, hat die Sonne den Gipfel erklommen - helles Licht ergießt sich über den Startplatz und die Temperatur scheint schlagartig um zehn Grad Celsius zu steigen. Der Korb richtet sich auf, die Passagiere klettern an Bord und schon hebt er ab und gleitet über die Wiese.

Damit er in die gewünschte Richtung fährt, muss der Ballon in die passende Luftströmung gebracht werden. Die liegt anfangs tief über der Stadt. Auf den Highways sieht man die ersten Pendler heranrollen, zählt die Sonnenschirme rund um die Swimmingpools, sieht sauber abgezirkelte Vorgärten, und in den Hinterhöfen versteckte Luxuswagen. Mit wahrer Leidenschaft wird in der 550.000 Einwohner umfassenden Metropole aber offenbar etwas anderes gesammelt: Schrott, Metalle und alte Autogerippe blitzen unter den Sonnenstrahlen auf. Menschen hingegen sind Mangelware.

Erst das hysterische Bellen der Hunde treibt ein paar verschlafene Gestalten im Unterhemd auf die Terrasse. Das Gebell begleitet die Fahrt kontinuierlich. "Die können sich an die Ballons nicht gewöhnen", erzählt Troy. Das Geräusch, wenn der Brenner betätigt wird, um die Luft zu erwärmen, produziere Töne im Hochfrequenzbereich, die der Mensch nicht hört und der Hund nicht mag. 14 Knoten wären wir jetzt schnell, tolles Wetter!

Der Pilot ist mit einer Begeisterung dabei, als sei dies auch sein erster Flug. Dabei ist Troy Bradley einer der erfolgreichsten Ballonfahrer der USA. Mehr als 13 Jahre lang hat er Wettbewerbe gewonnen und Rekorde im Dutzend aufgestellt, darunter den für die am längsten dauernde Fahrt (144 Stunden und 23 Minuten). Er musste nach einer Landung in der kanadischen Wildnis von einem Hubschrauber gerettet werden und er war der erste Mensch, der mit dem Ballon von Nordamerika bis nach Afrika fuhr. "Jedes Mal, wenn ich zu meiner Frau gehe und ,Ich habe da eine Idee' sage, bekommt sie einen halben Herzinfarkt", erzählt er grinsend. Im Alter von 14 Jahren fing der Junge aus Colorado mit dem Ballon-Sport an - müde ist er es noch längst nicht: "Jeder Tag ist anders. Und man landet nie am gleichen Ort."

Die längste Gondelbahn der Welt

Langsam steigt der Ballon nun in höhere Luftschichten - vom vorher erwähnten Wind ist nichts zu spüren. Ist doch klar, erklärt Troy, man bewege sich ja schließlich mit ihm: im Auge des Windes herrsche Windstille. Still ist es allerdings nicht hier oben. Immer wieder wird der flammenwerfende Brenner aktiviert, dann dröhnt es kurz auf und am Hinterkopf entsteht ein kleiner Hitzestau. Das Hundegebell verweht hingegen mit zunehmendem Abstand zu einem schwachen Echo, gleichzeitig weitet sich der Blick. Im Osten funkeln die gewaltigen Sandia-Mountains im Gegenlicht - abends leuchten sie dann in tiefem Pink, beziehungsweise Melonenrot - der Name "Sandia" hat nämlich entgegen der Annahme einiger Einwohner nichts mit "sun" zu tun, sondern ist das spanische Wort für Wassermelone.

Ausgerechnet in dieser bergigen Halbwüste befindet sich eine der längsten Gondelbahnen der Welt. Knapp viereinhalb Kilometer führt die Mitte der 1960er-Jahre von einem Luzerner Unternehmen gebaute Konstruktion auf die 3153 Meter hohe Sandia Peak. Pumas, Luchse und Schwarzbären sollen hier leben. Im Sommer steigt man entweder zu Fuß hinauf und freut sich dabei über die kühleren Temperaturen, wandert dann den Höhenweg entlang oder fährt mit einem Mountainbike wieder hinunter. Im Winter kann man auf der Albuquerque abgewandten Seite Skifahren - die Liftanlage würde allerdings in einem Museum nicht weiter auffallen. Vom Ballon aus ist der Übergang von der Stadt zum wüstenartigen Hochplateau besonders gut zu erkennen, ebenso die grün eingerahmten Ufer des Rio Grande im Westen. Noch recht jungfräulich den Rocky Mountains entsprungen windet er sich über 750 Kilometer durch New Mexico, bis er in Texas dann zum berühmt-berüchtigten Grenzfluss wird. 

Während auch die anderen Ballons an Höhe gewinnen, rückt Downtown Albuquerque näher. 1706 gegründet und Jahrhunderte erst in spanischem, dann mexikanischem Besitz, ist dieses Erbe vor allem rund um die alte Plaza gut zu erkennen. Ein verspielter Park in der Mitte, davor die San Felipe de Neri Kirche aus dem Jahr 1793 und rundherum lauter kleine Souvenirläden unter den schattenspendenden Arkaden der Adobe-Häuser. Weiter geht es über Nobhill, das trendige Ausgehviertel mit seinen Bistros und Boutiquen, und schließlich erneut die klassischen Schachbrettmuster amerikanischer Städteplaner.

Butterweiche Landung

"Guckt mal!", fordert Troy plötzlich, "seht ihr diese grünen Felder mitten in der Stadt?" Das Gebiet gehörte mal Max Anderson (1934-1983), der als erster Ballonfahrer den Atlantik überquerte. Er vermachte es der Stadt unter der Auflage, dass dort nicht gebaut würde. In der alten, mit Liebe und Sachverstand wieder hergerichteten und im vergangenen Jahr behutsam um ein paar Zimmer erweiterten Hacienda wird inmitten von Lavendel-Feldern nun eine Art Agro-Tourismus betreiben mit organischer Bewirtschaftung, einem kleinen Hofladen, ein paar Ziegen sowie Übernachtung und Verpflegung. Sogar Bio-Kisten werden gepackt und vertrieben - oft von freiwilligen Helfern. Eine in verschwenderischen Blumengärten schwelgende Idylle, die man ungern wieder verlässt.

Eine Stunde und zehn Meilen später wird ein Landeplatz ausgespäht. Bevor die Passagiere wirklich begreifen können, dass Troy Bradley sich dafür das von hohen Bäumen umgebene handtuchgroße Wiesenstück unten ihnen ausgesucht hat, ist er auch schon gelandet - butterweich. Ein noch etwas verträumtes Pärchen nähert sich über den Weg zwischen all den halb und ganz ausgeschlachteten alten Autos, die das Grundstück bevölkern. Sie lächeln, als hätten sie das große Los gezogen. "We were like: O, watch out for that tree!"

Die Passagiere hieven sich über den Korb zurück an Land. "Danke, dass Sie uns sicher wieder runtergebracht haben", bedankt sich der ältere der beiden Veteranen höflich. Troy grinst: "So sehr ich euch alle auch mag - ich bin durchaus auch an meiner eigenen Sicherheit interessiert." Was ihn denn aber unverändert daran reize, morgens mit Fremden in die Luft zu steigen? "I like to put smiles on people's faces." Sagt's und lächelt und geht.

Autor:
Andrea Fonk