Kalifornien Mendocino - Hippies, Hitchcock und BMWs

Irgendetwas stimmt hier nicht. Das Licht ist so grell, dass es in den Augen schmerzt, auch bei Sonnenuntergang wird es nicht warm, stattdessen legt sich ein gleißend-harter Schleier über die ohnehin schon skurrile Landschaft: vereinzelte Holzhäuser an den Klippen zum Meer, in denen vielleicht der Wind, vielleicht auch eine Hand die Vorhänge beiseite schiebt, Toyota Pickups, die mitten in den riesigen Gärten geparkt sind. Große Tannen stehen am Straßenrand, ihre Äste strecken sich wie Krakenarme gen Himmel, in manche haben sich weiße Flechten eingenistet. Auf den Telefonmasten an der Küstenstraße könnten jeden Moment Hitchcocks Raben und Möwen der Reihe nach Platz nehmen und nach Opfern spähen.

Der Film "Die Vögel" wurde wirklich hier an der Küste gedreht, im kleinen Küstenort Bodega Bay. Auf dem Highway 1, der sich schwindelerregend nah an den Klippen entlang zieht, hat man tatsächlich den Eindruck, als sei man mittendrin in einem unheimlichen Film. Handyempfang gibt es schon seit Stunden nicht mehr, das GPS im Auto spielt verrückt. Der Zielort entfernt sich immer weiter, je länger man fährt. Wirklich noch vier Stunden bis nach Mendocino, dem Hippieort, den Schlagersänger Michael Holm in seinem berühmten Hit 1968 besang (das Originallied stammte allerdings von der texanischen Band Sir Douglas Quintet), ohne ihn jemals selbst gesehen zu haben?

"Nein", meint eine faltige Frau, die an der Kasse einer der wenigen Tankstellen sitzt, "eine halbe Stunde noch, höchstens." Navigationsgeräten sei ja eh nicht zu trauen. In Elk, einer Ortschaft vor Mendocino, plötzlich ein einsamer Wanderer am Straßenrand; lange Zeit war schon niemand mehr auf der Straße zu sehen, es kann nur ein Verrückter oder ein Axtmörder sein. Der Verrückte ist ein Mann Anfang 60 mit Schlapphut. Er bleibt stehen, grinst und macht ein Peacezeichen. Na, also doch die Hippies. Wegen denen kommt man ja hierher.

Wie hindrapiert liegt der 900-Einwohner-Ort Mendocino auf einer Halbinsel oberhalb der schroffen Klippen, zu drei Seiten vom stürmischen Pazifik umgeben. Der spitze Kirchturm des Dorfs wacht wie die weiße Königin eines Schachspiels im Zentrum über die gepflegten, bunten Gärten und anstrichweißen Häuser mit steilen Giebeldächern im neuenglischen Stil. Über 60 US-Filme wurden hier vor der Kulisse der viktorianischen Villen und des nahen Ozeans gedreht, unter anderem "Jenseits von Eden" mit James Dean. Von Gitarrenspielern mit Dreadlocks, psychedelisch bemalten VW-Bussen und Marihuana-Rauch in der Luft keine Spur. Stattdessen läuft man in den wenigen Straßen des Ortes an Aquarell-Galerien, Boutiquen mit selbst gestrickten Schürwolle-Pullundern und Touristen in beigen, wetterfesten Jacken vorbei, die emsig mit ihren Spiegelreflex-Kameras in blühende Vorgärten fotografieren.

Der grauhaarige Gene Snyder von der Tourist Information, der hier als Pensionist ehrenamtlich eine Saison im Jahr arbeitet, weiß auch nicht, wo die Hippies sind. Dafür weiß er andere Dinge, Dinge, die deutsche Touristen interessieren könnten: "Gucken Sie, hier ist das Lied über Mendocino", sagt er und kramt zwei Blätter aus seinem alphabetisch geordneten Archiv unter seinem Schreibtisch hervor: Darauf ist in Schreibmaschinen-Schrift der zweistrophige Liedtext zu Mendocino zu lesen, eine Version auf Deutsch, eine sogar auf Englisch. " Einmal haben zwei deutsche Touristen das hier live vorgespielt, mit der Gitarre", erzählt er mit ernster Miene unter seinem grauen Bart, als ob er Anerkennung für die kalifornische Bewahrung dieses deutschen Kulturguts einfordern wollte.

Sucht nach Jesus im BMW!

"Journalisten, aha", sagt ein Kellner, Brille, blonder Kurzhaarschnitt in schwarzer Uniform, und serviert statt des heißen Kaffees auf dem Tablett erst einmal eine Geschichte: "Es geht euch bei der Story um Marihuana, Drogengeschäfte, oder?" Die Antwort wartet er gar nicht erst ab: "Sucht nach Leuten, die aussehen wie Jesus und einen dicken BMW fahren!" Der junge Mann wohnt seit acht Jahren in Mendocino und kennt sogar die Einkünfte von Jesus: "10 Milliarden Dollar pro Jahr scheffeln die mit dem Verkauf von Marihuana an der Steuer vorbei, und die Polizei schaut weg oder ist eh korrupt", sagt er. 25 Pflanzen pro Person dürfe man hier legal anbauen, das sei eine Menge, wenn man es auf einen Haushalt mitsamt Kindern und deren Enkeln rechnete. Am schlimmsten seien aber nicht die Jesusse, sondern die Mexikaner, die kämen auch extra für das Gras über die Grenze, bauten mitten in Nationalparks an, und bewachten die Saat sogar mit Maschinengewehren. Da sollte man als Tourist schon aufpassen, wenn man einen Spaziergang macht, sagt er und grinst jetzt ein wenig.

"So schlimm ist es nun auch wieder nicht", sagt Tony Geer, Inhaber des Restaurants "Lerdford House" im nahe gelegenen Ort Albion. "Die Mexikaner werden von reichen Amis angeheuert, die dann das Geld ernten. Die Mexikaner ernten oft nur die Haftstrafe, denn für den Anbau von Parzellen benötigt man eine medizinische Erlaubnis." Geer ist ein echter Ex-Hippie, nur sieht er nicht so aus, mit den grauen kurzen Haaren in seinem adretten Restaurant am Meer. Bei Live-Gitarrenmusik, Hähnchenfilets mit Reis und dem Blick aus den Panorama-Fenstern auf einen seltsam winzigen Sonnenuntergang, der ohne Dramatik wie eine halbe Apfelsine über dem Meer verschwindet, redet er über alte Zeiten.

"Ja, damals", meint Geer und lächelt mehr für sich als für andere. Seine hüftlangen Haare hat er sich letztes Jahr abgeschnitten, die Hippiezeit in Mendocino sei eh vorüber. "Früher sah man auf dem Küstenstreifen viele VW-Busse und Zelte", sagt er. "Heute wird man vertrieben, wenn man sich mit einer Gitarre auf die Wiese setzt. Die reichen Investoren wollen keine Kids, die Marihuana am Wegesrand rauchen. Mendocino ist jetzt clean."

Noch lange bevor hier die ersten Künstler und Hippies mit ihren VW-Bussen, der Sehnsucht nach Freiheit, einem einfachen Leben und frischer Luft anreisten, lebten in der Region Ureinwohner in Tipis aus Holzschindeln. Sie aßen Eicheln und trugen Kleidung aus Gras und Waschbären-Fell. Ihr friedliches Leben in der Natur zerbrach, als ein Frachter aus dem Orient 1850 an den steilen Klippen der Küste zerschellte, voll beladen mit wertvollen Schätzen, wie Porzellan, exotischem Ingwer und Seidenballen. Als der Eigentümer aus San Francisco seinen Beauftragten an die Küste schickte, um nach der verlorenen gegangenen Ware Ausschau zu halten, entdeckte dieser anstelle der verstreuten Fracht etwas ganz anderes, viel Wertvolleres: Bäume.

Riesige, mächtige Bäume, breit wie Häuser, hoch wie der Himmel: bis zu 1000 Jahre alte Küstenmammutbäume, auf englisch Redwoods, die heute in Nationalparks unter Naturschutz stehen. Genau die richtige Ware für San Francisco und die Bay Area, Gegenden, die gerade dabei waren sich im Zuge des Goldbooms massiv zu erweitern. Ein einziger Baum gab damals genug Material her, um etwa 20 mittelgroße Einfamilienhäuser zu bauen.

Mit den Unternehmern, die Abbauhäfen und Sägemühlen an die Küsten brachten, um das Holz über den Seeweg nach San Francisco zu schiffen, kamen die Arbeiter und ihre Familien, Ochsen und Pferde, die das Holz über schlammige Trampelpfade zogen. Sie bauten Farmen auf abgeholztem Land, und errichteten Städte namens Whiskey Shoals oder Irish Beach für die Holzindustrie. Die winzigen Hafenbuchten an den Steilküsten wie den an der Mendocino Bay nannte man auch "Dog Hole Ports", denn sie waren so schmal, dass eigentlich nur ein Hund hätte darin wenden können. Und so brachen speziell gefertigte schmale Holzschoner mit nur vier Mann-Crews auf in die rauen Wellen des Pazifiks, um die wertvolle Fracht nach San Francisco zu befördern. Es dauerte Jahrzehnte bis die Einwohner begriffen, dass der alte Wald sich nach einem zweiten oder dritten Kahlschlag nicht mehr regenerieren würde.

Als die Holzindustrie in den 1950er Jahren einbrach, verschwanden ganze Dörfer von der Landkarte. Leuchttürme, die einst den Holzschonern den Weg wiesen, wurden zu historischen Touristenattraktionen, Straßen wurden gebaut. Das Land wurde billig genug für Künstler und Hippies, die dort in den Wäldern siedelten. Sie tauschten ihre bürgerlichen Namen gegen "Crazy Wolf" oder "Stumbling Buffalo" ein, mieteten baufällige Häuser für 50 Dollar im Monat, strichen sie bunt an und legten Gemüse- und Marihuanabeete an.

Es gab Ärger zu Beginn

Den gebürtigen Texaner Nicholas Wilson schwemmte es 1968 auch mit Tausenden anderer Blumenkinder ins gelobte Land, nach Mendocino County. Der Psychologie-Student gab seine mobile VW-Reparatur-Werkstatt namens "Liberation Car Service" in der damaligen Hippie- und Universitätsstadt Berkeley bei San Francisco auf und fuhr mit seinem Bus Richtung Mendocino. "Glauben Sie nicht, dass es damals zu Beginn keinen Ärger gegeben hätte", erzählt der 69-Jährige, der mit seinen blauem Cap, auf dem "Mendocino Film Festival" steht und den gelbgrauen, mittlerweile ausgefransten Haaren, die gerade knapp zum Zopf reichen, endlich einmal wie ein Althippie wie aus dem Bilderbuch aussieht. "Die einheimischen Arbeiter aus der Holzindustrie empfingen uns mit Schlagstöcken und Messern. Sie hatten - drei Jahre nach Woodstock - Angst, dass die Hippies die Stadt übernehmen."

Und eine Zeitlang sah es so aus, als ob diese Prognose Wirklichkeit würde. Mendocino wurde "funky" und rebellisch. Wilson verdiente sein Geld nicht mehr als Psychologe oder Automechaniker, sondern als Chronist der Hippie-Zeit. Er fotografierte damals mit seiner Nikon F350 für die "New York Times" oder den deutschen "Stern" bekannte Musiker und Bands wie Cat Mother oder Judy Mayhan und fröhliche Musikfestivals im Grünen. Er porträtierte Umweltfreunde, die sich Hand in Hand vor dicke Redwood-Bäume stellten und hielt die ersten ambulanten Geburten in häuslicher Atmosphäre fest, genauso wie die Proteste gegen den Walfang auf Greenpeace-Flotten Mitte der 1970er Jahre.

Auch das Mendocino Art Center, gegründet von Künstler Bill Zacha, war ab den 1960er-Jahren ein Bollwerk gegen Spießertum und Establishment, Anziehungspunkt für liberale Künstler aus aller Welt und solche, die es werden wollten. Derek Hambly, Dreitagebart, aufgewachsen in Massachusetts, kam erst später, Ende der 1990er-Jahre zur Kunst. Früher war er Scharfschütze bei den US-Marines. "Du musst tun, was du tun musst", sagt er. Sein Großvater hatte ihm schon im Alter von sieben Jahren gezeigt, wie man ein Gewehr hält. Doch ein Schulterbruch beendete seine Militärkarriere frühzeitig. Danach suchte der heute 33-Jährige Ruhe und Muße in Mendocino und fand eine Festanstellung im Medocino Art Center. "Jetzt habe ich einen Dreijahresvertrag", meint er, "als Director of Ceramics."

Seine Stimme ist dunkel und rau wie der Whiskey, den er gerne trinkt. Mütze und Karabinerhaken für Schlüssel hängen aus den Taschen seiner tiefsitzenden Jeans. Hambly gibt Workshops und hält Vorträge über Kunst. Seine im Ofen gebrannten massiven Keramik-Tassen und Vasen sind genauso maskulin wie er selbst. "Nachdem die Holzarbeiter endgültig weg waren, war Mendocino eine Geisterstadt", sagt er. "Heute ist es wie Hollywood. Jedes Haus, das hier neu gebaut wird, muss den Richtlinien der Coast Commission folgen. Alles ist so artifiziell geworden."

Die Zeit der Hippies ist vorüber, die Zeit der Touristen und Investoren längst gekommen. Mendocino County ist jetzt mit über zwei Millionen Touristen im Jahr eine "Destination". 1, 6 Millionen Dollar kostet heute so ein viktorianisches weißes Häuschen im "Mendocino Village", das gerade zum Verkauf steht - das können sich nur reiche Rentner aus San Francisco leisten, die hier ihren Lebensabend verbringen wollen, oder Investoren, die nächtens Partys mit greller Vollbeleuchtung in ihren Häusern am Strand feiern. Aber es gibt sie immer noch, ein paar Alteingesessene, die hier mit dem Tourismus ihr Geld verdienen.

"Ich bin den ganzen Tag am Vögeln", sagt Ingrid Knoblich und ihre vielen Fältchen um die Augen herum lachen mit, doch dieser Satz trifft ihren Beruf tatsächlich ganz gut. Denn die 70-Jährige mit den veilchenblauen Augen und dem weißen Bubikopf "macht in" Meisen aus Ton, die sie für 20 Dollar das Stück verkauft. Ihr Studio ist in einem ehemaligen Wasserturm, ihre Hände sind grau vom Kneten. Knoblich kommt ursprünglich aus Hildesheim und stolpert bei jedem zweiten Satz immer noch über den spitzen Stein, obwohl sie seit 1969 in Mendocino lebt.

Doch Knoblich will nicht ewig bleiben, hier im pittoresken Mendocino. Ihr neuer Zufluchtsort liegt wieder ganz woanders, diesmal im wärmeren Mexiko. Sie zeigt auf ihre blendend weißen Zähne. "Die sind so nett da drüben und haben die billigeren Zahnärzte", sagt sie. Jeden Winter macht sie sich mit ihrem Westfalia-Bus auf nach Mittelamerika. Vermissen würde sie niemanden in Mendocino, sagt sie, dazu sei sie zu sehr mit ihrer Arbeit beschäftigt. Vielleicht aber doch ihre schwarz-weiße Katze Emma, die ihr schnurrend um die Beine streicht. "Mendocino, das Lied von Holm, das war früher", meint sie und es scheint ein wenig so, als würde sie dieses Früher vermissen.

Ein paar Block weiter, gegenüber der "Tourist Information" sitzt derweil ein Pärchen an einem weißen Gartenzaun, beide mit Traveler-Rücksäcken. Das Mädchen ist hübsch, sie ist vielleicht Anfang 20 und trägt einen weiten blumigen Rock und ein Tuch, das ihre Dreadlocks bändigt. Ihr Freund hat den Arm um sie gelegt und dreht mit der freien Hand eine Zigarette, vielleicht auch einen Joint. Sie sehen verloren aus inmitten der hübschen, weißen Stadt, so, als ob sie hier aus Versehen gestrandet sind. Vielleicht aber sind sie auch einfach 50 Jahre zu spät nach Mendocino gekommen.

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Autor:
Bettina Hensel