Editors Blog Lost in Navigation

Woman's hand using GPS

Ich gebe nur selten Ratschläge und noch seltener gute Ratschläge. Diesen hier sollten Sie sich allerdings nicht nur hinter die Ohren schreiben, sondern auch noch in leuchtender Farbe auf ihre Unterarme tätowieren: Trauen Sie keinem Angestellten einer Mietwagenfirma!

Für meinen letzten Trip durch den US-Bundesstaat North Carolina reservierte ich mir eine Woche vor Reiseantritt einen Mietwagen bei einem der gängigen Anbieter. Dabei ging ich bewusst budgetfreundlich vor: Kompaktklasse, kein Schnickschnack, ein Fahrer, Selbsttanker. Die einzige Sonderausstattung, die ich mir leistete, war ein Navigationsgerät - ein unerlässliches Utensil für jeden Reiseredakteur, der in einem fremden Land täglich von A nach B über Z fahren muss, damit er körperlich und nervlich unversehrt am Zielort ankommt.

Als ich am Flughafen in Charlotte aufschlug, um den kleinen Flitzer in Empfang zu nehmen, schwante mir allerdings schon Übles. Die Reise hatte nämlich damit begonnen, dass in Island wieder ein Vulkan ausgebrochen war. Eine Zwischenlandung in Kanada sowie eine satte Verspätung waren die Folge. Darüber hinaus ging mein Gepäck in New York verloren und die Stunde Wartezeit vor den Schaltern der Passkontrolle hatte auch nicht gerade die Laune verbessert. Dementsprechend erfreut reagierte ich, als der Mann hinter dem Schalter wider Erwarten mitteilte, mein Mietwagen sei natürlich da. Um genau zu sein: Ich sagte ihm, dass ich ihn liebe. Als sein Blick etwas merkwürdig wurde, fügte ich noch schnell das Wort "platonisch" hinzu.

Der Emotionsausbruch war etwas voreilig, denn auf die Frage nach dem Navigationsgerät gab der von mir so heißblütig verehrte Kerl nur ein "Haben wir nicht da" als Antwort. Ich sagte daraufhin: "Aber ich habe eines reserviert." Er: "Haben wir aber nicht." "Aber ich habe eines reserviert." "Haben wir aber nicht."

Wir hätten dieses Perpetuum-mobile-Gespräch wahrscheinlich bis zum Eintreffen von Godot beziehungsweise meiner Koffer führen können, aber irgendwann griff der Mietwagenmeister genervt zum Telefon und klingelte bei einem Kollegen durch.

"Ich habe hier einen Kunden, der ein Navi reserviert hat. Haben wir noch eines?" Dann folgte viel unverständliches Genuschel, wahrscheinlich eine Geheimsprache der Mietwagenvereinigung. Zwei Minuten später legte er den Hörer auf und ein gönnerhaftes Lächeln an. "Wir haben eines", sagte er und schrieb mir einen vierstelligen PIN-Code auf den Mietwagenvertrag. "Ich liebe Sie", sagte ich zum Abschied. "Platonisch."

Als ich das Navi auf dem Flughafenparkplatz aktivieren wollte, funktionierte der PIN-Code nicht. Immer und immer wieder hämmerte ich die Zahlenkombination in das Gerät ein. Zunächst hielt ich meine Finger für zu dick, dann die Schrift auf dem Vertrag für unleserlich, dann versuchte ich einfach andere Kombinationen. Vergeblich. Letztendlich stapfte ich zum nächstbesten Mietwagenschergen und bettelte um Hilfe.

Der grinste nur wissend, kramte kurz in seinen Unterlagen und gab mir einen neuen PIN, der tatsächlich funktionierte. Frohen Mutes machte ich mich auf den Weg durch North Carolina.

Zwei Tage später funktionierte der neue PIN nicht mehr. Der alte sowieso nicht. Ich befand mich in einem winzigen Kaff am Fuße der Blue Ridge Mountains und war verloren. Ich wusste weder, wie weit mein nächstes Ziel entfernt lag, noch in welche Himmelsrichtung ich überhaupt musste. Kurzerhand stellte ich wieder auf analoge Navigation um und schwatzte einem Redneck-Tankwart seine einzige Straßenkarte ab.

Wer jemals mit einem Stadtplan auf dem Schoß auf Serpentinen im Regen durch einen Dschungel geschlittert ist, der kann sich ungefähr vorstellen, wieviel Angstschweiß sich innerhalb von drei Stunden Fahrt im Fußraum eines kleinen Nissans ansammelt. Glücklicherweise kam ich lebendig an meinem Zielort an. Unterwegs lernte ich nicht nur das Fahren nach Gehör, sondern kann inzwischen auch das gnadenlose Dauerhupen von 33 verschiedenen Pickup-Trucks unterscheiden. Außerdem reifte während des Horrortrips in mir der Gedanke, dass mir Mr. Mietwagen und seine Bande wohl ein defektes Navi angedreht hatten, um den nervigen Deutschen loszuwerden. Ich beschloss, die Firma ab sofort zu boykottieren. Außerdem erinnerte ich mich an die wunderbare GPS-Funktion meines Smartphones.

Im weiteren Verlauf der Reise praktizierte ich das duale System und folgte sowohl der althergebrachten Straßenkarte als auch dem roten Pfeil auf meinem Handydisplay. Als zusätzlichen Bonus konnte ich sogar meine Emails abrufen. Das tat ich auch - bis zu dem Zeitpunkt als mich elektronische Post aus der Heimat mit dem Betreff "Urgent" erreichte. Die "Roamingkosten" meines Mobilfunkanbieters seien jetzt bereits über 2000 Euro. Ich solle doch bitte die SIM-Karte entfernen und aus dem Fenster schmeißen oder so ähnlich. Fast hätte ich mich in diesem Moment gleich hinterher geschmissen.

Hier nun ein weiterer Ratschlag. Lassen Sie im Ausland ihr Handy aus. Der Begriff Smartphone ist nicht wörtlich zu nehmen.

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Autor:
Denis Krah