Colorado Im Stanley Hotel spukt es

Mit der Nachtruhe ist es im Stanley Hotel so eine Sache. Auch zu später Stunde herrscht auf den Fluren vor den Zimmern Hochbetrieb. Dann treiben in der Herberge am Rande der Rocky Mountains seltsame Zeitgenossen ihr Unwesen. Meist sind sie in Gruppen unterwegs und schleichen flüsternd durch die Gänge. Bewaffnet mit Kameras, digitalen Aufnahmegeräten und merkwürdigen Apparaten, um Temperaturschwankungen oder elektromagnetische Felder aufzuspüren, wirken sie eher wie Wissenschaftler als wie Touristen. Es sind Geisterjäger auf der Suche nach Gespenstern. Und von letzteren soll es im Stanley Hotel jede Menge geben.

"Das Stanley Hotel ist ein paranormales Disneyland", sagt Greg Velasquez. Der Marketingmanager ist mit Frau und Tochter extra von Los Angeles nach Estes Park in Colorado gereist, um den zahlreichen Gruselgeschichten rund um das altehrwürdige Gebäude auf den Grund zu gehen. Mehr als ein Dutzend angebliche Geisterhotels hat Velasquez schon besucht - aber das Stanley sei einfach einmalig. "Aus der ganzen Welt kommen die Spukfans hierher, um hier einem echten Gespenst zu begegnen", erklärt der Kalifornier. "Es ist eine verschworene Gemeinschaft, die sich an diesem Ort trifft."

Anfang des 20. Jahrhunderts traf sich im Stanley Hotel noch eine ganz andere Klientel. Vom US-Präsidenten Theodore Roosevelt über den Dirigenten John Philip Sousa bis zum japanischen Kaiserpaar - in dem 1909 von Freelan Oscar Stanley eröffneten Hotel war anfangs die Prominenz zu Gast. Gedacht war das Luxushotel am Fuße der Rocky Mountains einst als Luftkurort. Stanley selbst hatte sich in Estes Park ein paar Jahre zuvor dank des guten Klimas von der Schwindsucht erholt. 1940 starb der Hotelgründer in Newton, Massachusetts - und kehrte angeblich als Geist nach Colorado zurück.

In der Lobby und im Billardzimmer soll sich der spukende Hotelier besonders wohl fühlen. Manchmal mischt der Geist des ehemaligen Besitzers die Rezeption auf und schmeißt Bücher auf den Boden. Das berichtet zumindest der furchtlose Nachtportier, den anscheinend niemand - egal, ob tot oder lebendig - aus der Ruhe bringen kann.

Stanleys verstorbene Ehegattin Flora hat sich angeblich dem Treiben ihres rastlosen Mannes angeschlossen. Sie soll im Ballsaal spuken und gelegentlich am Piano spielen. Greg Velasquez kann das nur bestätigen. "Wir hörten abends unvermittelt Klaviergeklimper aus dem Ballsaal. Als wir nachschauten, war der Raum völlig leer", berichtet der Kalifornier. "Meine Frau sah jedoch einen merkwürdigen weißen Schleier nahe des Piano und machte schnell ein paar Fotos mit dem Handy." Velasquez ist sich sicher, dass auf den Bildern eine echte Geistererscheinung zu sehen ist. "Ein ähnliches Phänomen konnten wir dann noch einmal im Treppenhaus beobachten."

Reinemachen von Geisterhand

Die Eheleute Stanley sind den vielen Berichten über merkwürdige Vorfälle zufolge nicht die einzigen übernatürlichen Bewohner des Luxushotels. Im vierten Stockwerk des Hauptgebäudes spielen die Geisterkinder eines ehemaligen Zimmermädchens mit den Nerven der Gäste. Ein kleiner Junge und seine blonde Schwester sollen hier regelmäßig und lautstark im Flur Ball spielen. Das Getrampel der kleinen Gespenster führt meist zu Beschwerdeanrufen aus dem dritten Stock. Auch Velasquez machte seine Erfahrungen mit dem unheimlichen Nachwuchs. "Wir hörten die ganze Nacht Kinderstimmen und Klopfgeräusche aus dem Wandschrank", erzählt der Familienvater.

Der vierte Stock hat allerdings noch mehr zu bieten. In Zimmer 401 scheint sich ebenfalls ein Gespenst im Wandschrank eingerichtet zu haben. Der Geist gehört zu den wenigen unangenehmen Zeitgenossen im Stanley Hotel. Glaubt man den Berichten, dann zerschlägt er schon mal ein Wasserglas auf dem Nachttisch oder klaut den Schmuck der Gäste.

Auch im benachbarten Manor House soll es spuken. Hier hat sich Zimmer 1302 zu einem echten Alptraum für das Housekeeping entwickelt. Kaum ist der Raum aufgeräumt und die Betten gemacht, ist wenige Minuten später alles wieder durcheinander gebracht. Selbst die hoteleigene Konzerthalle hat inzwischen ein Gespenst. Der Legende nach suchte hier einst eine obdachlose Frau Zuflucht im Keller des Gebäudes und erfror dort während des eiskalten Winters. Ihr Geist wandert nun nachts wehklagend im Saal herum, um sich wieder aufzuwärmen.

Zimmer 217 des Stanley Hotels genießt einen ganz besonderen Ruf bei den Geisterfreunden. Die Suite wird vom Zimmermädchen Mrs. Wilson heimgesucht, die hier im Jahre 1911 tragischerweise eine Gasexplosion verursachte und das Zeitliche segnete. Nichtsdestotrotz kümmert sich die Verstorbene noch immer liebevoll um das Gepäck der Gäste und hält das Zimmer in Schuss.

Auch Bestsellerautor Stephen King machte Bekanntschaft mit Mrs. Wilson. 1973 übernachtete er zusammen mit seiner Frau Tabitha in Zimmer 217. Die beiden waren zu diesem Zeitpunkt die einzigen Gäste im Stanley Hotel. Zahlreiche unheimliche Zwischenfälle sollen sich während ihres Aufenthalts ereignet haben. Die seltsamen Erfahrungen inspirierten King zu einem seiner besten Bücher - "Shining". Regisseur Stanley Kubrick verfilmte den Horrorroman 1980 mit Jack Nicholson in der Hauptrolle. Die ungekürzte Kinoversion - immerhin 143 Minuten lang - läuft im Fernsehprogramm des Stanley Hotel wie von Geisterhand in einer Endlosschleife auf Kanal 42.

Das Stanley Hotel hat sich längst mit seinen Gespenstern arrangiert. Die Geisterjäger sind willkommene Kundschaft. Ihnen zuliebe bleiben auch nachts alle heimgesuchten Orte wie der Konzertsaal unverschlossen und schummrig beleuchtet. Lediglich die beliebten Spukzimmer wie 401 und 217 müssen extra gebucht werden. Regelmäßig werden im Stanley Hotel auch Geistertouren angeboten. 15 Dollar kostet der Spaß. Und wer in den direkten Kontakt mit dem Jenseits treten will, dem bietet die Luxusherberge einen ganz besonderen Service an - ein eigenes Medium. Madame Vera lässt sich über die Internetseite des Stanleys genauso bequem buchen wie ein Käseteller oder Kekse mit Milch. Vielleicht findet auch deshalb der ehemalige Besitzer des Hotels keine Ruhe.

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Autor:
Denis Krah