Fast Lane Hawaii braucht eine Frischzellenkur

In der Kolumne von vergangener Woche haben wir ja einen kleinen Eindruck davon erhalten, . Demgegenüber eröffnet ein Besuch Honolulus ein lebendes Beispiel, wie eine Welt ohne auf Papier gedruckte Medien aussehen könnte.

Letzten Samstagmorgen bin ich in Honolulu gelandet und habe eine Woche in der Sonne verbracht, um meine Mutter und meine Großmutter zu besuchen, die beschlossen hatten, die Olympischen Spiele lieber vom Südpazifik statt vom eisigen Osten Kanadas aus zu verfolgen.

Bevor ich aber das Flugzeug auf dem Tokioter Flughafen Narita bestieg, hatte ich mich mit dem nötigsten Lesestoff versorgt (Casa Brutus, Brutus, The Economist, The New Yorker). Alles andere, was mir dann noch für meinen Zeitschriftenstapel am Schwimmbadrand fehlte (The Atlantic, Vanitiy Fair, Dwell, Foreign Policy), würde ich mir einfach irgendwo in Waikiki in der Nähe meines Apartments besorgen - dachte ich.

Ein schneller Erkundungsgang über den Kalakaua Boulevard (der zentralen Fußgängerzone von Waikiki) und durch seine Seitenstraßen förderte jedoch nur dürftige Ergebnisse zu Tage - in Supermarktregalen fanden sich vor allem Zeitschriften mit identisch aussehenden Titelbildern, die alle über den Stand der Pitt-Jolie-Beziehung spekulierten.

Wo war der Kiosk mit internationalen Nachrichtenmagazinen, um die Bedürfnisse der ganzen Leute aus der Unterhaltungsbranche von Los Angeles oder der magazinsüchtigen Besucher aus Sydney zu stillen, die sich am Pool des niedergelassen hatten? Wo war die nette Mischung aus Café und Zeitungskiosk, die von abgedrehten Kids aus Hiroo (hippes Viertel in Tokio, d. Red.) betrieben wird? Und wo war der leicht muffig riechende, unabhängige Buchladen, der einem Pärchen vom Diamond Head (ein Tuffsteinformation, Wahrzeichen von Honolulu, d. Red.) gehört? Also musste ich ein Taxi steigen, das mich zur leicht heruntergekommenen, dankenswerterweise aber gut aufgeteilten Kahala-Mall brachte, um schließlich in einem Nachrichtenständer bei Barnes & Nobel fündig zu werden - was für ein Aufwand.

Auch wenn das nicht der luftige, nach Kaffee duftende Open-Air-Kiosk war, den ich eigentlich vor Augen gehabt hatte, konnte ich hier zumindest meinen Lesestapel aufstocken und kehrte erst einmal befriedigt auf meine Pool-Liege zurück.

Wenige Minuten später richtete ich mich aber bereits wieder auf, scannte den Horizont, beobachtete den Anflug der Flugzeuge auf die Insel und dachte über all die Dinge nach, die hier in dieser US-amerikanischen Landeshauptstadt an der Schwelle zu Asien fehlten.

Honolulu erinnert mich an Miami, kurz bevor in South Beach plötzlich Hotels im Art-déco-Stil aus dem Boden schossen und es von brasilianischen Models überrannt wurde.

Obamas Initiative für seinen Heimatbundesstaat

So wie Miami in den frühen 1990er Jahren von vielen US-Unternehmen als Basis für ihr Lateinamerikageschäft genutzt wurde, könnte Honolulu vom Pazifik aus die gleiche Rolle spielen, indem es amerikanische und internationale Firmen aufnimmt, die gern auf amerikanischem Boden bleiben möchten, aber an einem leichteren Zugang zu asiatischen Metropolen interessiert sind - letztere liegen ja deutlich näher zu Honolulu als zu Washington DC.

Die lokale Fluggesellschaft Hawaiian Airlines scheint auf dem richtigen Weg zu sein mit ihren Verbindungen nach Sydney und Manila sowie dem Plan, sich um Slots auf dem Haneda-Flughafen von Tokio zu bemühen, wenn dort im Oktober das neue internationale Terminal eingeweiht wird. Sobald Hawaiian im Besitz neuer Langstreckenflugzeuge ist, sollen außerdem weitere Direktflüge zu asiatischen Handelsplätzen angeboten werden.

Andere scheinen der Entwicklung etwas hinterherzuhinken, in dem sie sich immer noch gen Osten (zurück auf den amerikanischen Kontinent) ausrichten, statt gen Westen (über den Pazifik). Aus diesem Grund hat sich auch Präsident Obama dafür stark gemacht, dass das Gipfeltreffen der APEC (Asia-Pacific Economic Cooperation) in seinem Heimatbundesstaat stattfindet. Damit dürften Einheimische (und Leute vom Festland) deutlicher darüber nachdenken, ihre Verbindungen mit Hongkong, Taipei und Fukuoka zu intensivieren, anstatt mit San Diego, Portland und Seattle.

Für einen Markt, der sein Gastgewerbe neu erfinden muss, kommt der Gipfel zu einem optimalen Zeitpunkt. Die asiatische Note der APEC könnte ein paar Hotelketten auf die Sprünge helfen. Denn die großen Marken verlassen sich nämlich darauf, dass Sonnengarantie und der kurze Flug von Tokio ausreichen, dass japanische Touristen sich die erstklassigen und auch entsprechend teuren Zimmer mit Meerblick schnappen. Sie müssen sich also nicht um bessere Dienstleistungen oder die Steigerung des Erlebnischarakters kümmern.

Gleichzeitig befinden sich inländische Touristen, die nicht im Besitz eines Reisepasses sind, in einem Zustand seliger Unwissenheit über das hohe Niveau im asiatischen Hotelservice. Als Gast sollte Ihre Erwartungshaltung also möglichst nicht weit über einen Starbucks in Lobbynähe hinausgehen.

Das hat zu einem Markt geführt, der sich ein wenig zu lange auf seinen Lorbeeren ausgeruht hat und mit dem Rest der Welt im Bezug auf Service-Verbesserung, Design und Architektur nicht mehr mithalten kann. Es ist auch keine Überraschung, dass Honolulu und ganz Hawaii in den vergangenen 18 Monaten eine Menge aushalten mussten und gerade eben noch durch einen starken Yen gerettet wurden. Mit dem zusammengebrochenen Immobilienmarkt und einer neuen Generation Reisender aus Australien, Südkorea und Japan, die alle nach etwas ganz besonderem Ausschau halten, ist nun der perfekte Zeitpunkt für Honolulu gekommen, sich neu zu positionieren.

Etwas abseits vom Strand in Waikiki, in versteckten Seitenstraßen gelegen schreien Hotels, die Mitte der 1960er-Jahre gebaut wurden, nach mitfühlendem Facelifting und neuem Management. Seltsamerweise hat sich der Markt mit dem Konzept von Luxushotels im kleineren Stil noch nicht auseinander gesetzt. Genauso wenig wie damit, die Messlatte im Service-Bereich deutlich anzuheben, damit Honolulu sich dem Niveau von Hongkong, Bangkok oder Kyoto wieder annähert.

Honolulu hat lange von dem Luxus profitiert, an der interessantesten Kreuzung im Pazifik zu sitzen. Jetzt ist es an der Zeit, im Hotelbereich aufzuholen und mitten im Meer zu Hongkongs Pendant an der Schwelle zu Amerika zu werden.

Übersetzung für MERIAN.de: Andrea Fonk

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Tyler Brûlé