North Carolina Ein Weingut als Attraktion für Touristen

"Der Schokoladenwein und der Erdbeerwein sind bei unseren Kunden sehr beliebt", sagt Jamey Johnson vom Shadow Springs Weingut. "Zur Weihnachtszeit mischen wir beide zu unserem 'Holiday Shadow' zusammen. Der ist immer unglaublich schnell ausverkauft." Europäischen Weinexperten klappen angesichts solch einer trinkbaren Anomalie vor Entsetzen wahrscheinlich die Zehennägel hoch, im Land der unbegrenzten Möglichkeiten ist der ausgefallene Rebensaft jedoch eine Reise ins Yadkin Valley wert.

Das Tal im Bundesstaat North Carolina gehört in den USA zu den aufstrebenden Weinregionen. Im Jahr 2000 existierten gerade einmal zwei Weingüter im Yadkin Valley, jetzt gibt es 34. Seitdem das Gebiet sich seit 2002 mit der US-amerikanischen Herkunftsbezeichnung American Viticultural Area (AVA) rühmen darf, kommen Busladungen von Touristen ins Tal, um die Weine zu probieren. Und damit ja keiner an den Weingütern vorbei fährt, weisen riesige Schilder an den Highways auf die neuen Attraktionen hin.

Jamie Johnson ist 2005 zusammen mit ihrem Ehemann Chuck unter die Winzer gegangen, als dieser sich in die Frührente verabschiedete. Von Wein hatten beide damals nur bedingt Ahnung. "Wir haben uns viel selbst beigebracht und ein paar Abendkurse besucht", erzählt Chuck Johnson. "Natürlich haben wir anfänglich ein paar Fehler gemacht, aber auch daraus haben wir gelernt." Inzwischen bewirtschaftet das Paar an die vier Hektar - und das Ergebnis schmeckt keineswegs nur nach Schokolade, Erdbeere oder beidem. Chardonnay, Cabernet Sauvignon und Merlot gehören ebenfalls zum Sortiment des kleinen Weinguts, das sich voll und ganz auf den Besuch von Touristen spezialisiert hat.

Der Anbau der Trauben ist kein Kinderspiel in North Carolina. Das Klima in diesem Bundesstaat ist eigentlich zu heiß und zu feucht für die meisten Weinarten. Durch das Yadkin Valley weht jedoch ein kühler Wind von den Blue Ridge Mountains herab, der für ein gemäßigtes Klima sorgt. Nichtsdestotrotz müssen die Winzer hier ganz besonders auf ihre Rebstöcke aufpassen. Tornados, schwere Gewitter, Hagelstürme und die ständige Sorge vor faulenden Trauben lassen ihnen keine Ruhe. "Als Manager einer großen Firma war ich viel Arbeit gewohnt", sagt Chuck Johnson. "Jetzt habe ich eine 70-Stunden-Woche. Den Ruhestand habe ich mir anders vorgestellt."

Charles und Ed Shelton sind ebenfalls im Ruhestand. Zumindest haben sich die beiden Senioren aus ihrem Baukonzern zurückgezogen, mit dem sie einst ein Vermögen machten. Jetzt sind sie die Herren über das größte im Familienbesitz befindliche Weingut in ganz North Carolina. "Dass die beiden in Rente sind, kann ich nicht behaupten", sagt Chris Cunningham, der für den Verkauf und den Vertrieb des Shelton Vineyard zuständig ist. "Die arbeiten hier genauso viel wie früher."

Die Gebrüder Shelton sind die Pioniere in Sachen Wein im Yadkin Valley. Bereits 1999 pflanzten sie ihre ersten Rebstöcke, ein Jahr später wurde das Weingut eröffnet. Das Ziel der Sheltons war es von Anfang an, der strukturschwachen Gegend neue Impulse zu verleihen. Die Landwirtschaft der Region war am Ende, der Tabakanbau brachte nicht mehr genug Geld ein. Eine hohe Arbeitslosigkeit war die Folge. Die Brüder setzten auf Wein - und schafften damit nicht nur eine Menge Jobs, sondern starteten auch den Weinboom im Yadkin Valley. Auf ihr Betreiben hin wurde das Anbaugebiet offiziell als AVA anerkannt. Das hiesige Community-College unterstützten die Sheltons beim Aufbau eines Studienganges für Nachwuchswinzer. Und für die Touristen bauten die Brüder ein erstklassiges Hotel in der nächstgelegenen Stadt.

Das Weingut der Sheltons ist sowohl eines der größten als auch eines der besten in North Carolina. Viele der hier angebauten Weine wurden bereits prämiert. Dafür mitverantwortlich ist Kellermeisterin Murphy Moore. "Wir setzen eben auf Qualität", erklärt sie ihren Erfolg. "Auch wenn das viel harte Arbeit und manches fehlgeschlagene Experiment bedeutet." Man müsse sich einfach damit abfinden, dass einige Weinarten in North Carolina einfach nicht gedeihen.

Ähnliche Erfahrungen machte man auch auf dem Raffaldini Vineyard. Hier hat man sich den italienischen Trauben verschrieben. Und so manche Rebe ging gnadenlos ein. Pinot Grigio, Sangiovese und Montepulciano hielten dem Klima jedoch stand. Diese Weine heimsten jede Menge Preise ein.

Wie all die anderen Weingüter der Gegend macht Raffaldini sein Hauptgeschäft mit den zahlreichen Touristen, die seit einigen Jahren durch das Yadkin Valley reisen. Das Weingut hat dadurch auch eher den Charakter eines Erlebnisparks als den eines landwirtschaftlichen Betriebes. Kitschige Skulpturen, große Springbrunnen und eine "Toskana"-Villa auf dem Hügel bedienen alle Klischees eines italienischen Anwesens. Die US-Amerikaner sind ganz vernarrt in diesen Ort. Kein Wunder, dass hier auch ständig Hochzeiten ausgerichtet werden. Da fehlt eigentlich nur noch der Schokoladen-Erdbeerwein. Aber der ist zum Glück immer schnell ausverkauft.

Autor:
Denis Krah