Fast Lane Ein Kiosk für Waikiki

Wie oft treffen Sie im Laufe einer Woche einen Menschen, mit dem Sie sich gerne ausführlicher unterhalten und den Sie gern von Zeit zu Zeit einmal kräftig durchschütteln würden?

Wie häufig haben Sie mit einer Firma zu tun, der Sie am liebsten ein Jahr lang eine kostenlose Beratung schenken würden? Und wie oft landen Sie in einer Stadt und sind so begeistert von all den Möglichkeiten , die sich dort eröffnen, dass sie sofort damit beginnen, nach einem Büro und einem kleine Stück Land Ausschau zu halten, auf dem sie die Wohnanlage errichten könenn, deren Pläne sie seit Jahren fertig im Kopf haben?

Letzte Woche landete ich in Honolulu, um ein bisschen Sonne zu tanken und zusammen mit Mats, meiner Kollegin Noriko aus Tokio, meiner Mutter und der guten Freundin Lisa aus Kanada die Gegend zu erkunden. Nach meinem früheren Aufenthalt hier vor einem Jahr war ich nun gespannt darauf, wie sich die neuen Flugverbindungen nach Tokio, die erweiterten Routen nach Seoul, der stärkere Yen und die wieder sprudelnde US-Wirtschaft auf die Stadt ausgewirkt hatten. Niemand schien sich allerdings dafür verantwortlich zu fühlen, für die im Rahmen eines Treffens des Asia-Pacific Forums anwesenden internationalen Journalisten, Unternehmensführer und Staatsoberhäupter extra den Farbeimer und die Scheuerbürste herauszuholen. Honolulus wunderbar luftig gestalteter und den Elementen der Natur zugewandtem Flughafen gewinnt man nicht unbedingt den Eindruck, dass große Anstrengungen unternommmen würden, damit er bald in der gleichen Liga spielt wie Seoul, Sydney und Osaka.

Wenn man den Flughafen gegenüber örtlichen Hotelmanagern, Beamten und Airline-Bossen erwähnt, ähnelt sich die Reaktion meist: Es wird tief Luft geholt, irritiert geblinzelt und dann resigniert mit den Schultern gezuckt. Sie werden zu hören bekommen, dass der Flughafen "eine enorme Herausforderung ist, der man sich stellen müsse", "es ein bisschen beschämend ist, angesichts der Bedeutung der Tourismusbranche" und dass er "ein perfektes Spiegelbild der Insel ist, die er bedient". Man muss kein Meister der Analyse sein, um den letzten Punkt zu verstehen. Mit seinen fast perfekten klimatischen Verhältnissen, der soliden, wenn auch etwas angeschlagenen Infrastruktur, der geografischen Nähe zur Westküste sowie den asiatischen Metropolen und seinem hohen Anteil an dort stationiertem Militärpersonal ist Hawaii - wenn man es diplomatisch ausdrücken möchte: komfortabel. Ehrlicher wäre: genügsam.

Im Vergleich zum letzten Jahr besteht kein Zweifel, dass die Wirtschaft in Honolulu wieder brummt. Japanische Paare in Spendierlaune bevölkern die Luxus-Geschäfte, Hawaiian Airlines hat gerade angekündigt, jetzt auch die Verbindung nach Osaka zu bedienen, Korean Air wird bald zweimal täglich Flüge von Incheen anbieten und die Hotelpreise sind wieder auf einem Niveau, über das sich Manager-Gruppen und Grundeigentümer freuen. Überraschenderweise ist vielen Einheimischen trotzdem nicht richtig bewusst, dass all die Japaner, die seit 30 Jahren auf die Insel kommen, zukünftigen Besucher-Wellen aus Busan, Chengdu und Harbin den Weg gebahnt zu haben. Und dass die Zukunft der Stadt nicht nur am Tourismus hängt, sondern man die Besucher möglichst dazu bringen muss, auch in Wohnkomplexe und Golfplätze zu investieren.

Es bedarf keiner großen Fantasie, um sich vorzustellen, was für Auswirkungen eine koreanische Soap Opera, die auf Hawaii spielt, nicht nur auf die Touristen des asiatischen Marktes, sondern auch auf die lokale Wirtschaft hätte. Leider wird die Stadt immer noch mit "Hawaii Five-0" (die alte und neue Version) und "Magnum" assoziiert und Mittdreißiger denken beim Stichwort Hawaii immer noch an den Besuch des "Brady Bunch" in den Siebzigern, wie Noriko anmerkte.

Tylers Stellenangebote für Honolulu

Klar, ein großer Teil des Charmes Honolulus rührt daher, dass die Zeit stehen geblieben zu sein scheint und es sich zu großen Veränderungen in zu kurzer Zeit verweigert. Aber dadurch werden auch Chancen vertan. Ein dreitägiger Aufenthalt genügt, um zu begreifen, warum Honolulu so dazu verführt, hier Geschäfte machen zu wollen. Wenn Sie beschlossen haben sollten, dass 2011 das Jahr ist, in dem Sie Ihr Leben und Ihren Job überdenken - Honolulu hätte folgende Stellen im Angebot:

Gesucht: eine Firma visionärer Landschaftsarchitekten, um der Stadt und dem Staat dabei zu helfen, den Weg vom und zum Flughafen zu überarbeiten. Die Verwaltung Singapurs wäre sicherlich auch interessiert.

Gesucht: Eine ganze Generation innovativer Restaurant-Betreiber, um die Gastro-Szene aufzumischen. Australier, die wissen, wie man ein leichtes Frühstück bereitet, und Japaner, die ein gemütliches Izekaya errichten, werden bevorzugt.

Gesucht: Ein ehrgeiziger Investor und Betreiber, der das heruntergekommene Schwimmbad am Strand übernimmt und es in einen Cabana Club für am frühen Morgen angereiste Japaner verwandelt, die sonst einen halben Tag auf den Straßen verbringen müssen, bis sie in ihre Hotels einchecken können. Damit könnte man ein Vermögen verdienen.

Gesucht: Junge Baristas, die Cafés eröffnen, welche architektonisch interessant sind, eine intime Atmosphäre haben und keiner Kette angehören. In Honolulu sind so viele Viertel reif für Veränderungen.

Gesucht: Ein kreativer Geist, der sich des Themas Downtown Honolulu annimmt. Das Herz der Stadt hat eine schöne Größe, aber es braucht Geschäfte und neue Leute, die dort einziehen und Waikiki Konkurrenz als eleganterer, nicht so durchgeknallter Ort zum Einkaufen, Trinken und Essen machen.

Gesucht: Eine mutige Person, die einen Kiosk entlang des Waikiki eröffnet. Für einen Ort, der sich so auf die Freizeit konzentriert, herrscht ein beschämender Mangel an Lektüre-Material.

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Autor:
Tyler Brûlé