North Carolina Dirty Dancing am Lake Lure

Städter fühlen sich am Lake Lure schnell ein wenig verloren. Rund um den knapp drei Kilometer großen See, der am Fuße der Blue Ridge Mountains liegt, ist der Handyempfang im besten Fall eingeschränkt und die sonst schnurgeraden Highways gibt es hier auch nicht. Dafür allerdings abenteuerliche Serpentinen, die sich durch einen giftgrünen Dschungel ziehen. Kommt noch ein wenig Hitze hinzu, dann wähnt man sich dank hoher Luftfeuchtigkeit eher in einem asiatischen Regenwald als im tiefsten North Carolina.

In der gleichnamigen Ortschaft am Lake Lure geht es beschaulich zu. Die übliche US-amerikanische Landschaft an Fastfood-Tempeln und Supermärkten gibt es hier nicht. Lediglich ein paar Restaurants und den einen oder anderen Makler. Reisende, die auf der Suche nach einem Geldautomaten oder einer Zahnbürste sind, werden von den Einheimischen an eine winzige Tankstelle verwiesen, die direkt gegenüber des hiesigen Schnapsladens liegt.

Viele Touristen verirren sich allerdings im Moment nicht nach Lake Lure. Die Wirtschaftskrise hat auch diesen versteckten Teil der USA mit voller Wucht getroffen. Die zahlende Kundschaft aus den Nachbarstaaten bleibt aus. Die vielen "Zu Verkaufen"-Schilder an den Ferienbungalows sind dafür der beste Beweis. Vor einigen Jahren erzielten die Immobilien in bester Seelage noch Rekordpreise, jetzt sind es wahre Schnäppchen.

Dabei mangelt es der Gegend nicht an Attraktionen. Da wäre zum Beispiel der Chimney Rock State Park: Ein riesiges Naturschutzareal mit schweißtreibenden Wanderwegen, einem 123 Meter hohen Wasserfall, einer alten Whiskeybrennerhöhle und einem traumhaften Ausblick vom Granitmonolithen "Chimney Rock" über den gesamten Lake Lure.

Gegründet wurde der Park im Jahre 1902 von Dr. Lucius B. Morse. Der Mann hatte schon damals ein Gespür für den Tourismus. Als er das Land rund um den Chimney Rock zusammen mit seinen beiden Brüdern für 5000 US-Dollar kaufte, schwebte Morse bereits ein Urlaubsparadies vor. 1925 ließ die Familie den Broad River stauen, zwei Jahre später war der Lake Lure entstanden - und damit noch ein Grund mehr, die Reise Richtung Blue Ridge Mountains anzutreten.

Damals wie heute steigen viele Touristen im historischen Lake Lure Inn ab, das unweit des öffentlichen Strandes der kleinen Ortschaft liegt. Die altehrwürdige Hotellobby ist voller Fotos von berühmten Besuchern wie den US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt und Calvin Coolidge, dem Schriftsteller F. Scott Fitzgerald und der Autorin Emily Post. Und wie es sich für eine anständige Herberge mit Vergangenheit gehört, gibt es auch ein Gespenst, das durch die Zimmer spukt. Zumindest berichtet davon ein gerahmter Zeitungsartikel, der als eine Art Warnung an der Rezeption aushängt. Hätten sich die Stadtoberen von Lake Lure Mitte der 1980er Jahre nicht so spießig angestellt, dann wäre das Hotel wohl auch heutzutage ständig ausgebucht.

Die Angst vor "Dirty Dancing"

1986 diente das Lake Lure Inn als Unterkunft und Hauptquartier einer Hollywood-Filmproduktion. "Dancing" lautete der offizielle Name des Films, der in und um den See gedreht werden sollte. Es sickerte jedoch durch, dass der Streifen in Wirklichkeit den Titel "Dirty Dancing" trug. Den besorgten Stadtvätern schwante Übles, man vermutete "schmutzige" Szenen und zog die Notbremse. Die Produktionsfirma erhielt zwar eine Dreherlaubnis, jedoch mit der Auflage, nichts im Film zu zeigen, was irgendwie mit Lake Lure in Zusammenhang gebracht werden könnte. Die Leute aus Hollywood hielten sich daran - und wählten für alle Szenen mit Wiedererkennungswert ein Hotelresort im benachbarten Virgina aus.

Noch immer verflucht man in North Carolina diesen moralischen Schnellschuss der kurzsichtigen Sittenwächter. Denn während in Pembroke, Virgina, die Dirty-Dancing-Fans in Scharen anreisen, um eine Nacht bei "Kellerman's" (bzw. im Mountain Lake Resort) zu verbringen, ging man am Lake Lure jahrzehntelang fast leer aus. Und das, obwohl der Großteil des erfolgreichen Filmes hier entstand: Von der legendären Hebefigur über Babys Wassermelonen-Gang bis zu den Tanzszenen.

Inzwischen ist man in Lake Lure stolz, dass "Dirty Dancing" am See gedreht wurde. Im Lake Lure Inn gibt es nicht nur die nach den Hauptdarstellern benannte "Jennifer Grey"- und "Swayze"-Suite, sondern auch "Johnny's Cabin" und "Baby's Bungalow", in denen man ein wenig den Film nachspielen darf. Sogar auf dem Golfplatz des Rumbling Bald Resorts auf der anderen Seite des Sees findet sich ein Hinweisschild, dass hier einst eine Szene des Tanzfilms entstand. Dass diese allerdings nur eine knappe Minute lang ist, fällt dabei nicht so ins Gewicht.

Das einstige Pfadfinderlager, in dem viele der Außenaufnahmen entstanden, ist einem teuren Immobilienprojekt gewichen. "Firefly Cove" heißt die Bucht inzwischen, in der Patrick Swayze einst in klirrender Kälte seine Partnerin Jennifer Grey in die Luft stemmte. John Mojjis, der Besitzer des Areals, ist ein fanatischer "Dirty Dancing"-Liebhaber. Der ehemalige Eigentümer des Lake Lure Inn gibt sich reichlich Mühe, die alten Kulissen für die Nachwelt zu erhalten. Angeblich ist auch ein Museum geplant.

Im vergangenen Jahr veranstaltete Lake Lure zum ersten Mal das "Dirty Dancing Festival". Mehr als 2000 Gäste kamen und nahmen an Wassermelonen-Rennen, Tanzkursen, Hebefigur-Wettbewerben und dem Public Viewing des Films in der "Firefly Cove" teil. Zahlreiche Nebendarsteller und Statisten erzählten von ihren Erlebnissen während der Dreharbeiten. "Das dreitägige Festival hat alle unsere Erwartungen übertroffen", sagt Michelle Yelton, die die Veranstaltung mitorganisierte.

Im September 2011 soll die Neuauflage des "Dirty Dancing Festivals" über die Bühne gehen. Allerdings in einer abgespeckten Form. "In der derzeitigen wirtschaftlichen Lage ist es schwer Sponsoren zu finden", erklärt Yelton. Einen Unterstützer gibt es allerdings schon: Die nationale Vereinigung der Wassermelonen-Züchter.

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Autor:
Denis Krah